Kommunale Kraft für das Klimaziel

Busse, Strom- und Wärmenetze gehören zu ihrem Alltag: Stadtwerke tragen die Energiewende vor Ort. Doch Milliardeninvestitionen, Fachkräftemangel und politische Unsicherheit setzen sie unter Druck.

Illustrationen: Nadine Schmidt
Illustrationen: Nadine Schmidt
Frank Burger Redaktion

Ohne sie läuft in vielen Städten und Gemeinden kaum etwas: Stadtwerke betreiben Strom- und Gasnetze, organisieren Bus- und Bahnverkehr, bauen Ladeinfrastruktur auf und versorgen ganze Quartiere mit Wärme. In Deutschland gab es 2024 rund 2.000 kommunale Energie- und Versorgungsunternehmen, so der Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Sie sichern einen Großteil der lokalen Infrastruktur – und sind damit einer der entscheidenden Hebel für das Gelingen der Energiewende. Während auf Bundes- und EU-Ebene über Klimaziele, Wasserstoffstrategien und Strommarktreformen diskutiert wird, entscheidet sich vor Ort, ob die Transformation tatsächlich im Alltag der Menschen ankommt.

Ein Beispiel dafür sind die Stadtwerke Freiburg. Über Beteiligungen sind sie in Energieversorgung, Fernwärme und Verkehr eingebunden und wirken gemeinsam mit Partnern wie Badenova am Ausbau klimafreundlicher Quartiere und Wärmenetze mit. Großwärmepumpen, Abwärmenutzung und der Umbau der Fernwärme Schritt für Schritt stehen exemplarisch für den lokalen Ansatz: Die Energiewende wird nicht abstrakt beschlossen, sondern konkret in Straßen, Gebäuden und Netzen umgesetzt.
 

INVESTITIONEN IN MILLIARDENHÖHE NÖTIG


Doch dieser Umbau ist teuer. Für den Ausbau der deutschen Stromnetze bis 2030 veranschlagen der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) Investitionen von deutlich mehr als 100 Milliarden Euro. Netze, die jahrzehntelang auf zentrale Kraftwerke ausgelegt waren, müssen heute Millionen dezentraler Erzeuger aufnehmen. Jede neue Solaranlage, jede Wärmepumpe und jedes Elektroauto verändert die Lastflüsse – Transformatoren, Leitungen und Umspannwerke müssen vielerorts erneuert werden. Für viele Stadtwerke bedeutet das hohe Vorleistungen, lange Abschreibungszeiträume und eine Finanzierung, die zunehmend auch von Förderprogrammen und politischen Rahmenbedingungen abhängt.

Hinzu kommt die Wärmewende. Rund 50 Prozent des Endenergieverbrauchs hierzulande entfielen 2023 auf Wärme, sagt das BMWK – größtenteils noch aus fossilen Quellen. Ganze Stadtviertel sollen künftig über Wärmenetze mit Großwärmepumpen, Abwärme, Biomasse oder Geothermie versorgt werden. Stadtwerke übernehmen dabei häufig das gesamte Aufgabenpaket aus Planung, Bau, Betrieb und Finanzierung. Sie müssen Hausbesitzer überzeugen, Netze über Jahrzehnte auslasten und gleichzeitig sozialverträgliche Preise gewährleisten. Kaum ein Bereich der Energiewende ist politisch und gesellschaftlich so sensibel wie die Wärmeversorgung.
 

HANSEATEN UND BAYERN IM MODELL VEREINT


Wie groß die Aufgaben sind, zeigt auch der Blick auf Hamburg. Dort treiben die Hamburger Energiewerke seit dem Rückkauf der Fernwärme 2019 die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung voran. Parallel entsteht eine der dichtesten öffentlichen Ladeinfrastrukturen Deutschlands: Anfang 2025 waren nach Angaben der Stadt und des stadteigenen Unternehmens Hamburger Energienetze mehr als 4.000 öffentliche Ladepunkte in Betrieb, bis 2027 sollen es 7.000 sein, bis 2030 gar 10.000. Die Energiewende wird hier nicht in Einzelmaßnahmen gedacht, sondern als verknüpftes System aus Strom, Wärme und Mobilität – vom Auto über das Velo bis zur Stadtbahn.

Auch München setzt auf das Integrationsmodell. Die Stadtwerke München verfolgen seit 2008 das Ziel, die Stadt bilanziell vollständig mit Strom aus erneuerbaren Quellen zu versorgen, bauen die Geothermie konsequent aus und treiben die Elektrifizierung des Busverkehrs voran: Im Juli 2025 nahm die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) den 100. E-Bus in Betrieb. Die Verbindung von Verkehrs- und Energiewende zeigt, wie eng die einzelnen Transformationsfelder inzwischen miteinander verflochten sind.

Doch abgesehen von den notwendigen Investitionen fehlt es besonders an einer Ressource: qualifiziertem Personal. Bereits 2023 und 2024 meldeten viele Stadtwerke Engpässe bei Netztechnikern, IT-Fachkräften und Fachpersonal, wie das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, KOFA, und der VKU berichten.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch Digitalisierung, Cybersecurity und neue gesetzliche Vorgaben. Die Energiewende ist längst nicht mehr nur ein Bau-, sondern auch ein hochkomplexes Digitalprojekt. Gerade kleine und mittlere Stadtwerke geraten dadurch zunehmend unter organisatorischen Druck.
 

EIERLEGENDE WOLLMILCHSAU GESUCHT


Politisch bewegen sich die kommunalen Versorger in einem komplexen Umfeld. Förderprogramme, EU-Vorgaben und nationale Gesetze greifen ineinander – nicht immer widerspruchsfrei, wie auch die Deutsche Energie-Agentur dena in ihren Analysen zur kommunalen Wärmeplanung seit 2022 festhält. Stadtwerke müssen jedoch in Zeiträumen von 20 bis 40 Jahren planen, während politische Prioritäten oft im Rhythmus von Wahlperioden wechseln. Diese Diskrepanz erschwert langfristige Investitionsentscheidungen.

Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Anspruch. Nach den Energiekrisen der Jahre 2022 und 2023 erwarten viele Bürger zugleich Klimaschutz, Versorgungssicherheit und stabile Preise. Stadtwerke stehen dabei besonders im Fokus – als kommunale Unternehmen gelten sie als nahbar, aber auch als direkt verantwortlich, wenn Preise steigen oder Projekte stocken.

Gerade darin liegt jedoch ihre besondere Stärke. Stadtwerke kennen die lokalen Gegebenheiten, die Gebäudestrukturen, die Verkehrsströme und die Bedarfe von Industrie und Haushalten. Sie können die Energiewende nicht abstrakt steuern, sondern konkret umsetzen – Quartier für Quartier, Straße für Straße.

Die Rolle der Stadtwerke wandelt sich damit grundlegend: vom klassischen Versorger zum aktiven Gestalter der Transformation. Sie investieren, moderieren, vernetzen und entwickeln neue Geschäftsmodelle. Ob die Energiewende gelingt, entscheidet sich deshalb weniger in Berlin oder Brüssel als in den Städten und Gemeinden. Dort, wo die kommunalen Akteure Netze verstärken, Wärmenetze bauen, Ladepunkte errichten und Busse elektrifizieren. Die Zukunft der Energiewende ist lokal – und sie trägt den Namen Stadtwerke.

 

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