»Reformpläne gefährden die öffentliche Versorgung«

Das Gesundheitsministerium hat einen Entwurf zur Reform der Physiotherapie-Ausbildung vorgelegt. Die DAA-Stiftung Bildung und Beruf warnt vor den Folgen.

Martina Dahncke, Geschäfts- führende Vorständin der DAA-Stiftung Bildung und Beruf  und Dr. Till Werkmeister,  Referatsleiter für Bildungs- politik und -förderung bei der DAA-Stiftung Bildung und Beruf
Martina Dahncke, Geschäfts- führende Vorständin der DAA-Stiftung Bildung und Beruf und Dr. Till Werkmeister, Referatsleiter für Bildungs- politik und -förderung bei der DAA-Stiftung Bildung und Beruf
DAA Stiftung Beitrag

Frau Dahncke, Herr Dr. Werkmeister, die Ausbildung von Physiotherapeut:innen soll aktuell neu aufgestellt werden. Worum geht es?
M. Dahncke: Es läuft ein großer Reformprozess im Bereich der Gesundheitsfachberufe, zu denen auch die Therapieberufe Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie gehören. Ziel ist, die Ausbildung attraktiver zu gestalten und zu modernisieren, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen und neuen beruflichen Anforderungen zu entsprechen. Aktuell sind die Therapieberufe dran, wobei mit den Physiotherapeut:innen begonnen wird. Die anstehenden Entscheidungen dürften hohe Relevanz auch für die anderen Therapieberufe haben. Wichtig: Die Gesundheitsfachberufe sind Berufe mit extrem hoher gesellschaftlicher Relevanz. Die zu treffenden Reformentscheidungen haben gravierende Folgen für die Gesundheitsversorgung – im Guten wie im Schlechten.

Welche Reformentscheidung steht für die Physiotherapie – und somit potenziell auch für die weiteren Therapieberufe – aktuell im Raum?
T. Werkmeister: Vom Gesundheitsministerium wurde ein radikales Reformkonzept vorgelegt. Es sieht vor, dass die Ausbildung von Physiotherapeut:innen künftig nur noch an Hochschulen stattfindet.

Wo findet die Ausbildung in der Physiotherapie heute statt?
T. Werkmeister: Primär an Berufsfachschulen, viele davon in privater, meist gemeinnütziger Trägerschaft. Sie beinhaltet viele praktische Anteile, die an unterschiedlichen, mit den Schulen kooperierenden Einrichtungen abgeleistet werden. Seit 2009 gibt es auch primärqualifizierende Modellstudiengänge, in denen aber nur ein sehr kleiner Anteil der Absolvent:innen den Berufsabschluss erwirbt.

Wie bewerten Sie die Reformpläne?
M. Dahncke: Wir sind überrascht und bestürzt über den Konzeptentwurf. Wir haben große Sorgen hinsichtlich der Folgen für die Auszubildenden und Beschäftigten sowie für die Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens. Die Reformpläne gefährden die öffentliche Versorgung – so auch die Prognose unseres Projekts „Therapieberufe 2030“, in dem wir mögliche Entscheidungen durchgespielt haben.

Wo sehen Sie die größten Probleme?
T. Werkmeister: Die finanziellen Rahmenbedingungen für die Auszubildenden bleiben vollkommen offen. Studiengänge sind in der Regel nicht vergütet – ohne Ausbildungsvergütung sinkt die Attraktivität und steigt die Exklusivität der Ausbildung. Aktuell verfügen die meisten Auszubildenden in der Physiotherapie über keine Hochschulreife. Durch die Reform wird Schulabgänger:innen ohne Abitur der Weg zur vollqualifizierten Fachkraft versperrt. Dies verringert die Anzahl potenzieller Auszubildender drastisch, entwertet Schulabschlüsse jenseits des Abiturs und ist mit Blick auf Chancengerechtigkeit fragwürdig.

Was würde mit den Fachschulen passieren?
T. Werkmeister: Die angedachte Vollakademisierung ginge mit Schulschließungen einher, das gegenwärtige Ausbildungssystem würde faktisch gekippt. Auch für zahlreiche bisherige Träger der praktischen Ausbildung würde die Auflösung von Berufsfachschulen das Ende bewährter und essentieller Kooperationsbeziehungen bedeuten.

Welche Folgen fürchten Sie konkret für die Versorgung?
M. Dahncke: Vieles spricht dafür, dass die Bewerber- und Absolventenzahlen sinken könnten. Die Folge wäre eine Zunahme des Fachkräftemangels und eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung. Engpässe könnten sich häufen, Prophylaxe und Frühversorgung hinter die Akutversorgung zurücktreten, und die Polarisierung zwischen lokal guten und in der Breite schlechten Versorgungslagen anwachsen. Die Ausbildung an den Hochschulen würde eine Verschärfung des Stadt/Land-Gegensatzes bedeuten. Junge Menschen mit dem Berufsziel „Physiotherapeut:in“ müssten verstärkt in städtische Zentren ziehen. Versorgungseinrichtungen außerhalb der Städte, insbesondere ambulante Praxen, würden Praktikant:innen und künftige Fachkräfte verlieren.

Wie könnte eine alternative Reform aussehen?
M. Dahncke: Wir schlagen einen pragmatischen und realistischen Ansatz vor, mit dem sich Breite und Vielfalt von Bildungsangeboten ausweiten, die Attraktivität des Berufsfeldes steigern und der Fachkräftebedarf decken ließe: Die Ausbildung an Berufsfachschulen ist ein Erfolgsmodell, das sich selbst unter sehr schwierigen Rahmenbedingungen bewährt hat. Sie ist für Lernziele und Arbeitsinhalte in dem Berufsfeld ideal geeignet und sollte weiterhin Standardweg in die Fachlichkeit sein. Es braucht überall eine auskömmliche, wirklich kostendeckende öffentliche Finanzierung, so dass kein Schulgeld mehr nötig ist. Zudem gilt es, ein schlüssiges und gerechtes Modell für eine allgemeine Vergütung zu entwickeln. Zur Refinanzierung böte sich ein ähnliches Fondsmodell wie in der Pflegeausbildung an. Damit wäre die Grundlage für eine Steigerung der Absolvent:innen-Zahl und einen gezielten Ausbau der Schulinfrastruktur auch in der Fläche gelegt.

Aber braucht es nicht tatsächlich mehr akademisch qualifizierte Fachkräfte?
M. Dahncke: Ja, und dafür sollte parallel auch ein Ausbau von Studienangeboten angestrebt werden. Wir im Stiftungsverbund haben übrigens mit als erste Angebote zur Erhöhung der Akademikerquote in den Gesundheitsberufen entwickelt.

Wie wahrscheinlich ist eine Umsetzung der Reformpläne?
T. Werkmeister: Nun sind die Fachleute in den Beratungs- und Entscheidungsgremien gefragt, eine Verbesserung der Reformpläne zu bewirken. Wir hoffen, dass unsere Bedenken und Anregungen Berücksichtigung finden und sich eine gute Reformentscheidung im Sinne des Gemeinwohls und der Auszubildenden findet.

Die DAA-Stiftung Bildung und Beruf ist eine gemeinnützige Stiftung, die 12 Unternehmen mit über 5.500 Beschäftigten an über 500 Standorten vereint, und somit eine der größten Unternehmensgruppen in der Aus- und Weiterbildungsbranche. Das Portfolio reicht von der Kinder- und Jugendhilfe über die berufliche Aus- und Weiterbildung bis zu Aufstiegsfortbildungen und Studiengängen. Teil des Verbunds sind auch rund 150 (Berufs-)Fachschulen im Gesundheits- und Sozialwesen sowie Weiterbildungen und Studienangebote in diesem Bereich.

www.daa-stiftung.de

 

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