Die neuen Wirtschaftskapitäne

Wenn die Unternehmen wie jetzt in schwieriges Fahrwasser kommen, werden Logistiker zu den wichtigsten Akteuren in der Wertschöpfungskette. Sie müssen Antworten auf die künftigen Herausforderungen finden.

Illustration: Malcolm Fisher
Illustration: Malcolm Fisher
Axel Novak Redaktion

Krisen sind teuer, sehr teuer. Die Störungen in den Lieferketten, die mit der Corona-Pandemie und dem Überfall Russlands auf die Ukraine entstanden sind, könnten bis zum nächsten Jahr das Bruttoinlandsprodukt in den Ländern der Eurozone um bis zu 920 Milliarden Euro verringern. Unglaubliche 7,7 Prozent des BIP stehen derzeit auf dem Spiel, hat eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture ergeben.

Viele Fachleute blicken derzeit mit wenig Optimismus in die nahe Zukunft. 2023 drohen eine Rezession, ein lang andauernder Krieg in der Ukraine und hohe Energiepreise in Europa. Die Krisen verdunkeln die Perspektiven für viele Branchen. Ob Einzelhandel, Elektronik, Chemie, Stahl oder die Automobilindustrie – die Wirtschaft hat schwierige Monate und Jahre vor sich. Viele Unternehmen sind sich heute sogar nicht mehr sicher, ob sie die kommenden Jahre überstehen. Auf den Punkt bringt das Audi-Vorständin Hildegard Wortmann. „Es gibt eine 50-Prozent-Chance, dass es Audi in zehn Jahren noch gibt“, sagte Wortmann im Podcast der Wirtschaftswoche.

Kaum ein Wirtschaftszweig spürt diese Unsicherheit so stark wie die Logistik. Sie ist direkt damit konfrontiert, wenn Unternehmen ihre Produktion drosseln, hochfahren oder neu ausrichten. Sie spüren die Nachfrageunsicherheit, den Fachkräftemangel und den enormen Kostendruck ihrer Kunden – und müssen dennoch liefern. „2022 wird der Wirtschaftsbereich nominal um 8,5 Prozent und real nur um 0,6 Prozent wachsen, im kommenden Jahr jedoch sicher ins Minus gehen“, sagt Professor Christian Kille von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

Enorme Herausforderungen
 

Logistiker sind es, die auf die Herausforderungen von Industrie und Handel neue Antworten finden müssen. „Man kann sagen: Die Logistik wird immer wichtiger, um durch die Krisen zu kommen“, sagt Kille. „Das freut mich als Logistiker. Andererseits erweitert sich das Aufgabenfeld für sie – und das bedeutet, dass die Beschäftigten auch entsprechend ausgebildet werden müssen.“

Derzeit erleben sie die Höhen und vor allem Tiefen der Konjunktur live mit. Da sind zum einen die brüchigen Lieferketten. Ware, die auf hoher See oder im Hafen liegt und nicht verladen werden kann, fehlt in der Produktion.

Allerdings haben sich die Aussichten etwas aufgehellt, die Staus in der Containerschifffahrt lassen nach. „Die wieder freieren Transportwege dürften die Lieferengpässe entschärfen und Unternehmen die Möglichkeit geben, ihren Auftragsbestand vermehrt abzuarbeiten“, bestätigt Vincent Stamer, Leiter des Kiel Trade Indicator. Erstmals seit über einem Jahr sinkt der Anteil der Waren, die weltweit im Stau feststecken, auf unter zehn Prozent.

Aktuell sind es vor allem die hohen Energiekosten, die die Unternehmen beschäftigen. Dennoch führt das dazu, dass die Logistikdienstleister mehr, wenn auch vorsichtig, investieren, um neue, möglicherweise nachhaltigere Lösungen jenseits von fossilen Treibstoffen zu finden. „Das zeigt sich heute zum Beispiel bei Immobilien: Da werden sehr wenige Dreckschleudern neu gebaut“, sagt Professor Kille. „Viele Betriebskosten sind relevante Kostenblöcke, die man reduzieren möchte.“

Doch gerade im Transportbereich machen sich fehlende Entscheidungen bemerkbar. Obwohl der Verkehr nennenswert am hohen CO2-Ausstoß beteiligt ist, sind Fahrzeuge mit nachhaltigem Antrieb noch viel zu selten, weil noch nicht feststeht, welche Technologie in der Zukunft Bestand hat. Wer viel Geld für einen E- oder H2-Lkw ausgeben will, der muss sicher sein, dass die Technik auch in zwanzig Jahren noch up to date ist. „Die Gefahr wird in der Logistik gesehen, dass Strom oder H2 das gleiche Schicksal erleiden könnten wie heute Gas“, sagt Kille. Das bedeutet, dass viele Unternehmen künftige Technik zwar in Betracht ziehen und die Option auf eine Ladestation oder einen H2-Tank planen. Doch die Investition in die Station oder den Tank verschieben sie, bis mehr politische Klarheit herrscht.
Anders sieht es beim Thema Digitalisierung aus. Transparenz für effiziente Lieferketten verspricht die Technik.

Mittlerweile sind viele Logistiker auf einem guten digitalen Weg und wissen, in welche Bereiche sie investieren müssen. Digitale Tools und datengetriebene Services helfen vor allem dann, wenn Unternehmen ihre Produktion verändern. Sie verlegen ihre Lieferketten näher an den Verbraucher, um schneller auf Kundenwünsche reagieren zu können. Vor allem die Staaten jenseits von Elbe und Donau nehmen die Unternehmen in den Blick. Beim so genannten Near- oder Re-Shoring der Fertigungsstätten sind Logistiker besonders gefragt, denn sie müssen die Transportkonzepte auf- und anschließend umsetzen. „Wenn Unternehmen Logistikleistungen ausschreiben, dann geht es immer stärker auch um Osteuropa“, sagt Kille. Noch mehr verstärken könnte sich der Trend, wenn der Krieg in der Ukraine einmal zu Ende ist. „Die Ukraine wird als Produktionsstandort sicher ein relevanter Partner für Unternehmen. Das Land liegt nahe an Mittel- und Westeuropa, weist geringe Lohnkosten auf“, erläutert Kille. „Vieles kann dann komplett neu aufgebaut werden – und sicher mit entsprechender finanzieller Förderung.“

Mehr Partnerschaften
 

All diese Herausforderungen, vor denen die Unternehmen heute stehen, haben jedoch zumindest eine gute Seite für diejenigen, die sich mit dem Transport, der Lagerung und dem Umschlag von Waren befassen. Als Dienstleister können Logistiker der nachlassenden Nachfrage aus Industrie und Handel begegnen, indem sie ihre Kunden stärker an sich binden. Das bedeutet auch, Verträge flexibler zu gestalten und das eigene Service-Portfolio zu erweitern.

Wenn denn da der Fachkräftemangel nicht wäre, der Deutschlands Industrie und Handel beutelt. 2022 fehlten allein 56.000 Lkw-Fahrer, hat eine Studie ergeben, an der Christian Kille beteiligt war. Doch auch in anderen Bereichen gibt es zu wenig Fachleute – ob in den Büros, an den Umschlagplätzen oder in den Planungsabteilungen. Das schafft neue Konsequenzen in der Branche: Auch wenn die Unternehmen Kosten reduzieren wollen, dürfen sie ihre Beschäftigten nur mit Samthandschuhen anfassen.

 

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