»Bei uns wird ständig neues Wissen generiert«

Deutsche Ingenieurinnen und Ingenieure genießen nicht nur international einen exzellenten Ruf, ihre Innovationen tragen wesentlich zum hohen Wohlstandsniveau bei. Nun bricht aber mit dem demografischen Wandel der Nachwuchs weg.

Ein Gespräch über die enorme Bedeutung des Ingenieurberufs für die Zukunft des Industrielands Deutschland und über Potenziale zur Fachkräftegewinnung mit Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA.

Illustration: Alissa Thaler
Illustration: Alissa Thaler
Mirko Heinemann Redaktion

Herr Rauen, wie viele Ingenieurinnen und Ingenieure sind im deutschen Maschinenbau beschäftigt?
Seit vielen Jahren erhöht sich deren Zahl stetig. Unsere Branche hat insgesamt über eine Million Beschäftigte und ist damit der stärkste Industriezweig in Deutschland. Mit einer Zunahme von 18 Prozent wurden hier in den letzten zehn Jahren überproportional viele Arbeitsplätze geschaffen. Darunter sind derzeit etwa 180.000 Ingenieurinnen und Ingenieure. Tendenz weiter steigend.

Welche Rolle spielen Ingenieurinnen und Ingenieure in der Wirtschaft?
Ingenieurinnen und Ingenieure sind wesentliche Treiber für Innovation. Seien es neue Werkstoffe, seien es Elektronik oder Sensorik, seien es in den Produkten integrierte Softwarebausteine, die aus Produktkomponenten intelligente Industrie-4.0-Kompenenten machen – wir befinden uns im Zentrum des Innovationsgeschehens: Bei uns wird ständig neues Wissen generiert. Wir stellen Produkte her, die wir in ganz verschiedene Wirtschaftszweige liefern, von der Grünstromherstellung über den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft, die Elektrifizierung, die Verfahrenstechnik für die Stahl- oder Chemiebranche, Batteriezellproduktion, die gesamte fertigende Industrie bis hin zur Landwirtschaft. Der Maschinenbau macht all diese Wirtschaftszweige mit seinen Produkten effizienter, resilienter, kostengünstiger, individueller und nachhaltiger. Das ist in der Umsetzung unglaublich komplex. Hierfür braucht es Menschen, die bereit und fähig sind, solche innovativen Produkte gemeinsam mit den Kunden zu entwickeln.

Die Digitalisierung, so wird befürchtet, wird viele Arbeitsplätze kosten. Auch bei den Ingenieurinnen und Ingenieuren?
Das können wir nicht feststellen. Die zunehmende Produktivität durch die Digitalisierung fließt vielmehr in das Wirtschaftswachstum und eine zunehmende Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten. Auch wenn die Zeiten gerade im Moment nicht so rosig sind – wir sind und bleiben exportstark. Das ist gut, vor allem auch für den Kampf gegen den Klimawandel, denn unsere Maschinen sind besonders effizient und werden immer effizienter. Grüne Technologien, Energie, Kreislaufwirtschaft, Recycling – das sind alles Maschinenbau-Technologien. Aufgrund dieser engen Verflechtung mit nahezu allen Industrien bietet die Entwicklung von klimafreundlichen Technologien einen ungeheuren Mehrwert. Wenn wir diese Technologien unseren Kunden anbieten und auf diese Weise die ökologische Transformation voranbringen, lassen sich laut Berechnungen der Boston Consulting Group die CO2-Emissionen in der Indus-
trie um bis zu 86 Prozent senken. Für den Maschinen- und Anlagenbau ergeben sich hier große Chancen. Der Umstieg auf grüne Technologien eröffnet unserer Branche ein Marktpotenzial von über 300 Milliarden Euro pro Jahr, das sind rund 10 Prozent vom Wert der weltweit hergestellten Maschinen und Anlagen.

Der Klimawandel ist das Stichwort. Ingenieurinnen und Ingenieure werden so dringlich gebraucht wie kaum je zuvor, um den Umstieg auf klimafreundliche Technologien voranzubringen. Woher sollen die Ingenieure denn kommen?
Gute Frage. Laut unseren Zahlen haben etwa zwei von drei Unternehmen offene IngenieurInnen-Stellen. Vor drei Jahren war es nur etwa jedes zweite. Was zeigt: Der Fachkräftebedarf im Maschinenbau spitzt sich zu. Das hat bei den Unternehmen zu einer Bündelung von Maßnahmen auf der gesamten Bandbreite des Employer Brandings geführt und zu einem frühzeitigen Knüpfen von Netzwerken zum möglichen Nachwuchs. Das beginnt mit Tagen der offenen Tür für Schülerinnen und Schüler, reicht über Praktika für Schülerinnen, Schüler und Studierende bis hin zu Unternehmens-BotschafterInnen, die über ihren beruflichen Alltag an Schulen berichten. Es geht dabei immer um das gegenseitige Kennenlernen und in der Folge darum, den Kontakt zu halten. Enormes Potenzial bieten duale Studiengänge. Das duale Studium empfehlen wir besonders, denn es ist ein praxisnaher und erfolgreicher Weg, talentierte junge Menschen zu finden und an das eigene Unternehmen heranzuführen. Es gibt deutlich mehr Bewerber als Stellen, außerdem geht der Auswahl ein langer Prozess voraus, währenddessen man sich gegenseitig gut kennenlernen kann. Die Betreuung der Studierenden während des Studiums ist intensiv. Die Studierenden sind mittendrin in der Berufspraxis und sehen gleich, wozu sie das alles lernen. Der Effekt: Die Studienerfolgsquote ist viel höher als sonst an den Fachhochschulen und Universitäten, Studienabbrüche sind selten.

Ende 2022 waren eine halbe Million Stellen in den MINT-Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik unbesetzt. Wie wollen Sie neue Zielgruppen für den Ingenieurberuf erschließen?
Zum Beispiel, indem wir mehr Ingenieurinnen gewinnen. Derzeit liegt der Frauenanteil unter den Ingenieuren bei nur gut 11 Prozent. Mehr Frauen für den Beruf zu gewinnen, sollte möglich sein, denn er bietet alles, was in Umfragen von jungen Frauen als wichtig für ihre Berufswahl genannt wird: Team- orientierung, Sinnhaftigkeit, ein internationales Umfeld, Nähe zur Wissenschaft, eine faire Bezahlung und so weiter. Wir wollen und werden für das Berufsfeld werben, und zwar in allen Altersklassen, denn die Sozialisierung fängt bereits im Kindergarten an. Erste Erfolge können wir schon verzeichnen: Der Frauenanteil bei den AbsolventInnen der ingenieurwissenschaftlichen Kernfächer wächst stetig. Aber viele Frauen gehen dann am Ende doch nicht in die Industrie, sondern in die Forschung, zu Behörden, NGO oder in die Medien. Weiblichen Nachwuchs für eine Karriere in der Industrie zu begeistern, das ist unser Ziel.

Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz der Ampel soll es außerdem leichter möglich machen, aus dem Ausland Fachkräfte zu rekrutieren. Gut so?
Wir sind eine weltgängige Branche, international aktiv und können qualifizierte Menschen gut gebrauchen, gleich woher sie kommen. Aber am Ende geht es immer darum, wie Fachkräfte und die einzelnen Unternehmen, etwa im Mittelstand, zusammengebracht werden können. Wie das erfolgen kann, ist noch unklar. Wir haben außerdem die Vergleichbarkeit ausländischer Berufsabschlüsse als überbewertet kritisiert und halten die geforderten Sprachkenntnisse weiterhin für überzogen. Auch halten wir es nicht für zielführend, dass es der Zeitarbeit weiterhin verboten ist, Fachkräfte aus Drittstaaten zu rekrutieren.

Für wie zukunftsfähig halten Sie den Standort Deutschland?
Unsere Zukunftsfähigkeit hängt sehr stark von den Weltmärkten ab. Zugleich werden neue Investitionen in der Regel dort erfolgen, wo die Unternehmen zuhause sind und wo ihre qualifizierten Mitarbeiter leben. Das gilt gerade auch für die Regionen innerhalb Deutschlands und insbesondere für die mittelständische Industrie: Neue Standorte sind immer ein Sprung. Große Unternehmen tun sich leichter, auf die Weltmärkte zu gehen, etwa zu ihren Kunden. Aber ganz gleich, ob In- oder Ausland: Es zählt immer die Wettbewerbsfähigkeit einer Region oder eines Landes, mit allen Wettbewerbsfaktoren, die wir hinreichend kennen. Deshalb stehen wir auch enormen Direktsubventionen, wie aktuell im Micro-Chip-Bereich diskutiert, skeptisch gegenüber. Die Gelder müssen von denjenigen verdient werden, die ohne Subventionen leistungsfähig sind. Hier würde ich stattdessen eher die Frage stellen: Wie erreicht man eine grundlegende Leistungsfähigkeit der Branche und/oder Region?

Viele Betriebe in Ostdeutschland wurden nach der Wende geschlossen, gut ausgebildete Fachkräfte sind in den wirtschaftsstarken Westen gegangen. Wie baut man eine derart ausgeblutete Region wieder auf?
Stichworte hier sind eine effektive Bildungs- und Hochschulpolitik sowie der dringend notwendige Bürokratieabbau. Und die Stärkung der Berufsschulen. Diesen Punkt unterstützen wir zum Beispiel mit unserer „Nachwuchsstiftung Maschinenbau“, wo eine Gruppe von engagierten Menschen daran arbeitet, neue technologische Lerninhalte zu entwickeln und auf die künftigen Berufsbilder in der Industrie 4.0 zuzuschneiden. Das zahlt sich erst in vielen Jahren aus, aber wir halten es für sehr sinnvoll. Ein Schritt in die richtige Richtung ist auch die steuerliche Forschungs- und Entwicklungsförderung der Bundesregierung, die Forschungszulage. Sie stärkt die Forschung insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen, die auf diese Weise neue Geschäftsfelder
erschließen können.

Illustration: Alissa Thaler
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Verbände haben in den vergangenen Jahren eine wachsende Technologie-skepsis unter jungen Menschen beklagt. Ist das immer noch so?
Ich könnte Ihnen hierzu zwei Bilder zeichnen. Das erste Bild: In Deutschland studieren mehr Menschen Psychologie als Maschinenbau. Das zweite Bild ist dieses: Laut OECD liegt Deutschland beim Anteil der Absolvent:innen in den Ingenieurwissenschaften im internationalen Vergleich an der Spitze – ähnlich stark ist Österreich. Also: Die Neigung ist hierzulande grundsätzlich groß, in die technischen Fächer zu gehen. Aber: Es sind immer noch zu wenige. Außerdem gehen die Zahlen zurück. Die Zahl der Studierenden im ersten Semester Maschinenbau ist seit 2016 um 39 Prozent und im Fach Elektrotechnik um 32 Prozent zurückgegangen. In der Informatik hingegen gab es einen Rückgang von nur 6 Prozent, was sicherlich mit den starken gesellschaftlichen Debatten um Digitalisierung und KI zusammenhängt.

Informatiker:innen werden auch dringend gebraucht…
Ja, und daher sehen wir das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Aber wir sehen auch, dass viele Programmierer-/innen, die in unserer Branche arbeiten, aus dem Bereich Maschinenbau kommen. Sie kennen ihr Produkt in seiner Funktionswelt. Unter dem Strich müssen wir sagen: Wir haben in allen Bereichen zu wenig Nachwuchs. Neben der Quantität müssen wir aber auch an der Qualität der Ausbildung von Fachkräften und Ingenieurinnen und Ingenieuren arbeiten. Ein Beispiel: Data Analytics muss in die Grundlagen der Curricula einfließen.

Wo steht Deutschland in Sachen Industrie 4.0?
Wir sind weltweit die Nummer eins in der Automatisierungstechnik und bei Industrie-4.0-Anwendungen. Der VDMA hat vor etwa anderthalb Jahren mit seiner Startup-Machine ein KI-basiertes Analysetool entwickelt – wiederum gemeinsam mit einem Start-up. Wir haben herausgefunden, dass das globale Gravitationszentrum an der Schnittstelle KI zu Produktion in Deutschland liegt. Europa insgesamt ist auch weit vorn. Wir haben einfach ein langjähriges, tiefes Verständnis von Maschinenbauprozessen, von Fertigung und Produktion. Und dort, wo es eine Tradition und Erfahrungswerte gibt – neudeutsch heißt das Domainwissen – da kann man auch leichter mit KI ansetzen. Es reicht eben nicht, nur das Instrument zu haben, man muss es auch interpretieren können.

Eines Tages wird dieses Instrument womöglich uns, die Menschen, interpretieren. Werden eines Tages Innovationen von einer Künstlichen Intelligenz generiert und nicht mehr von Menschen?
Das lässt sich unmöglich sagen. Aber der Fortschritt in Sachen KI ist derzeit beachtlich. Und KI steigert bereits jetzt die menschliche Innovationskraft ungemein. Zum einen zeigt sie uns Verbesserungspotenziale auf und das ist der erste Schritt zur Innovation. Zum anderen verschafft uns KI mehr Zeit, indem sie wiederkehrende Aufgaben ausführt und uns damit Routinen abnimmt. Diese Entlastung ermöglicht weniger Transpiration und mehr Inspiration, gibt also Raum für Innovation. Es ist klar, dass wir sehr genau darauf achten müssen, dass wir KI verantwortungsbewusst nutzen. Aber dass wir sie nutzen müssen, das gebietet schon der internationale Wettbewerb – oder wie ich es in der Schule aus Dürrenmatts „Die Physiker“ lernte: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“

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