Geld für die Welt

Immer mehr Anleger setzen auf alternative Investments, alternativen Kapital- anlagen oder „Grüne Fonds“. Ein Ende des Booms ist auch 2022 nicht abzusehen.
Illustration: Itziar Barrios
Illustration: Itziar Barrios
Mirko Heinemann Redaktion

Wer sein Geld mit Unterstützung des jungen Fintech Inyova anlegt, will nicht nur sein Vermögen vermehren, sondern damit auch etwas bewirken. „Unsere Kunden nehmen über Unternehmen, in denen sie investiert sind, aktiv Einfluss auf Klimaschutz, Mobilitätswende und den sozialen Wandel“, erklärt Gründer und CEO Dr. Tilmann Lang. Und das geht so: Kunden erhalten ein langfristig ausgelegtes und über einen Algorithmus risikooptimiertes Portfolio aus Anleihen und Aktien, das eine Balance zwischen Sicherheit und einem Ertrag anstrebt, der etwa im Rahmen der langfristigen Durchschnittsrendite des globalen Aktienmarkts liegt. Der entscheidende Unterscheid zu einem üblichen Indexfonds ist: Invoya investiert direkt in Unternehmensanteile, also in Aktien. Damit bekommen Inyova-Investoren Einfluss in der Wirtschaft – sowohl über ihr Stimmrecht auf Aktionärsversammlungen, als auch über die öffentliche Wirkung, die Inyova erzielt. Der Einfluss soll genutzt werden, um die Unternehmenspolitik in Richtung Klimaschutz und soziale Verantwortung zu beeinflussen. „Darüber verändern wir die Welt“, so Lang, „und machen sie ökologischer, sozialer, besser“.

 

»Wer nachhaltig investieren möchte, hat eine enorme Auswahl an Möglichkeiten.«

 

Inyova bedient einen Trend, der sich in diesem Jahr 2021 beinahe zum Hype ausgewachsen hat: ESG. Die Abkürzung steht für die drei Kriterien „Environmental“, „Social“ und „Governance“. Sie wird auf Unternehmen angewandt, die erstens umweltfreundlich agieren, zweitens soziale Standards bei Mitarbeitern und über die gesamte Lieferkette hinweg beachten und drittens eine „gute Unternehmensführung“ vorweisen können, sprich: transparent und ehrlich agieren. Die Abkürzung wurde erstmals 2004 in einem Bericht der Vereinten Nationen verwendet. Darin wurde erklärt, wie die Einhaltung bestimmter Kriterien bei Investitionsentscheidungen positive Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Finanzmärkte haben könnte. Für bestimmte Kriterien wird in der Finanzwelt auch der Begriff „SRI-Investment“ (Socially Responsible Investment) verwendet. Andere wählen lieber den Begriff „nachhaltige Geldanlagen“.

Wer so investieren möchte, hat inzwischen eine enorme Auswahl an Möglichkeiten. Das ESG-Segment wächst schnell. Laut Marktbericht des Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG) waren Ende 2020 mehr als 335 Milliarden Euro in Deutschland nachhaltig angelegt – eine Steigerung um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Bericht erfasst Investmentfonds, Mandate sowie Eigenanlagen und Kundeneinlagen grüner Banken, bei denen ESG-Kriterien angewendet werden. Laut dem Marktbericht wendeten 93 Prozent aller Fonds und Mandate Ausschlusskriterien an. Besonders häufig werden Unternehmen ausgeschlossen, die gegen Menschenrechte und internationale Arbeitsstandards verstoßen oder in Korruption und Bestechung verwickelt sind. Deutlich zugenommen hat der Stellenwert von Kohle als Aussschlusskriterium – sie kletterte auf Platz drei der Ausschlusskriterien nach den beiden oben genannten.

Wer einen Schritt weiter gehen und wirklich etwas verändern möchte, betreibt „Impact Investing“. Gemeint ist die direkte Einflussnahme auf Geschäftsentscheidungen über die Kapitalbeteiligung. Grundidee: Nachhaltig denkende Investoren mit politischen Gestaltungswillen nehmen über ihre Stimmrechte als Aktionäre Einfluss auf die Unternehmenspolitik – so können sie eine umweltfreundlichere Produktion einfordern, eine nachhaltigere Wertschöpfungskette anregen oder die Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien bei der Beschaffung durchsetzen.

Noch einen Schritt weiter gehen Impact-Investoren, deren vorrangiges Ziel nicht das Streben nach Gewinn ist, sondern ihr gesellschaftlicher Zweck. Was die Ziel-Unternehmen vereint ist, dass sie eine soziale Funktion innerhalb der Gesellschaft erfüllen, sie werden deshalb als Sozialunternehmen bezeichnet. Und so ähnlich ticken auch die Anleger, die in solche Unternehmen investieren. Ihr Investment bemisst sich in der Regel an einer gesellschaftlichen Rendite, also einer positiven gesellschaftlichen oder ökologischen Wirkung. Bei dieser Art von Geldanlage kann der Gewinn natürlich nicht so hoch sein wie bei einem auf Rendite getrimmten Produkt.

Die Themen, die Impact Investoren verfolgen, sind: Klimaschutz, Gesundheit und Wohlergehen, bezahlbare und saubere Energie sowie hochwertige Bildung, so die Marktstudie 2020 der Bundesinitiative Impact Investing. Wird dort nach dem größten Bedarf für Impact Investing in Deutschland gefragt, sind wiederum Klimaschutz, saubere, also erneuerbare Energie, demografischer Wandel und Bildung die Top-Themen, für die ein großer Investitionsbedarf gesehen wird. Dies zeigt, dass die globalen Megatrends auch bei Impact Investoren ganz oben auf der Agenda stehen. Der Markt für Impact Investing befindet sich noch in der Pionierphase. Es gibt zwar bereits einige spezialisierte Investmentfonds, doch hat das Thema noch nicht den Mainstream erreicht. Gleichzeitig jedoch wächst das Interesse von Seiten der Investoren, der Sozialwirtschaft und der Wissenschaft an Impact Investing in Deutschland.

 

»Ein Teil der als nachhaltig beworbenen Investments hat lediglich einen grünen Anstrich.«

 

Die Ähnlichkeit zu ESG- oder SRI-Geldanlageprodukten ist frappierend. Nur scheint in diesen beiden oben bereits angesprochenen Sektoren die Definition von Nachhaltigkeit recht dehnbar zu sein. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls Gabriele Glahn-Nüßel, Leiterin der Abteilung Wertpapiere & Vorsorge bei der Nürnberger Umweltbank: „Das Problem ist, dass ein Teil der als nachhaltig beworbenen Investments lediglich einen grünen Anstrich hat“, sagt die Finanzexpertin. „So sind auch bei Weitem nicht alle Umweltfonds streng nachhaltig. Fonds beispielsweise, die nach dem Best-in-Class-Ansatz investieren, wählen die vergleichsweise nachhaltigsten Unternehmen jeder Branche aus, aber sie schließen keinen Wirtschaftszweig aus. Daher investieren sie grundsätzlich auch in Atomstrom, Erdöl, Waffen oder die Chlorindustrie. Das erwarten Kapitalanlegerinnen und -anleger aber nicht von einer nachhaltigen Anlage. Doch für sie ist es oft schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen.“

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