Den eigenen Weg gehen

Dezember 2020 | Handelsblatt | Perspektiven 2021

Den eigenen Weg gehen

Klimawandel, Digitalisierung, Welthandel – 2021 wird neue Maßstäbe setzen.

Illustration: Iza Bułeczka
Mirko Heinemann / Redaktion

Das Jahr 2021 könnte in die Menschheitsgeschichte eingehen – aus gleich mehreren Gründen. Zum einen könnte es das Jahr werden, in dem die Menschheit in Rekordzeit eine globale Pandemie besiegt hat. Es könnte außerdem das Jahr werden, in dem Handelsfragen die Menschheit wieder verbunden statt getrennt haben. Und es könnte das Jahr werden, in dem bedeutende Industrieländer den ersten wirksamen Schritt zur Bekämpfung des globalen Klimawandels gewagt haben.  

Aus ökonomischer Sicht sind die Perspektiven für das Jahr 2021 gut – allerdings nur dann, wenn man sie mit dem nun zu Ende gehenden Jahr vergleicht. Das hatte es in sich! Die Lockdowns anlässlich der Corona-Pandemie haben der Wirtschaft stärker zugesetzt als befürchtet: 2020 wird mit einem Minus von 5,4 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) abschließen, so die Herbstprognose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Noch im April hatten die Institute mit einem Rückgang um nur 4,2 Prozent gerechnet. Die Prognose für 2021: Das BIP soll um 4,7 Prozent wachsen, im Frühjahr waren 5,8 Prozent prognostiziert. Das Vorkrisenniveau werde dann voraussichtlich erst wieder Ende 2021 erreicht.

Als ein wichtiger Wachstumstreiber gilt die Digitalisierung. Die hat durch die Pandemie einen deutlichen Schub erfahren, wie eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter Mittelständlern belegt: 70 Prozent der Befragten befanden, digitalisierte Unternehmen kämen besser durch die Corona-Krise. Die Unternehmensberatung McKinsey errechnete unlängst, das deutsche Wirtschaftswachstum könne pro Jahr um 0,3 Prozent höher ausfallen, wenn der deutsche Mittelstand konsequent auf die Chancen der Digitalisierung setzen und entsprechende Projekte vorantreiben würde. Konsequente Digitalisierung könnte bis zum Jahr 2025 bis zu 126 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung erzielen.

Die Digitalisierung hat aber neben der Erhöhung der Wertschöpfung einen weiteren, womöglich gesellschaftlich weit wichtigeren Nutzen: den Klimaschutz. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat dies in ihrer Keynote-Rede beim Digital-Gipfel der Bundesregierung aufgezeigt. „Die digitalen Technologien können uns helfen, eine gesündere, eine nachhaltige Gesellschaft aufzubauen“, sagte sie. „Der grüne und der digitale Wandel bedingen sich gegenseitig.”

Der menschengemachte Klimawandel wird sich aller Voraussicht nach zur größten Herausforderung aller Zeiten auswachsen. Vielleicht noch nicht für die jetzt heranwachsende, aber spätestens für die Generation danach könnte er auch in Deutschland eine existenzielle Bedrohung darstellen – mit extremen Dürreperioden, Naturkatastrophen, Erdrutschen in den Alpen und einem steigenden Meerespiegel, der Küstenstädte, etwa Hamburg, gefährdet. Hinzu kommt eine globale Krise mit enormen Flüchtlingsströmen aus Regionen, die noch stärker betroffen sind.    

Um dem entgegenzuwirken, haben 55 Staaten, die mindestens 55 Prozent der globalen Treibhausgase emittieren, das Pariser Klimaschutzabkommen abgeschlossen. Es besagt, dass die menschengemachte Erwärmung der Atmosphäre zumindest auf zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden soll. Auf dieser Grundlage hat die EU-Kommission den „European Green Deal” ausgerufen: Die gesamte Europäische Union soll demnach bis zum Jahr 2050 klimaneu-tral wirtschaften. Ab 2021 startet ein enormes Investitionsprogramm, um den Übergang zu unterstützen. Bis 2027 sollen in den am meisten betroffenen Regionen mindestens 100 Milliarden Euro mobilisiert werden.

Das ist nur ein Anfang – und Peanuts im Verhältnis zu dem, was die USA planen, nachdem sie unter ihrem neuen US-Präsident Joe Biden dem Pariser Abkommen erneut beigetreten sein werden. Bis 2035 soll in den USA nur noch Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. Bis 2050 soll die gesamte US-Wirtschaft klimaneutral sein. Das Investitionsprogramm umfasst zwei Billionen Dollar binnen vier Jahren!

Die Summe klingt enorm, aber die Aufgabe ist gigantisch. Es geht um nichts weniger, als die gesamte globale Wirtschaft, die derzeit von fossilen Energieträgern abhängig ist, auf erneuerbare Energien umzustellen. Deutschland beginnt seinen Weg dorthin mit einer neuen CO2-Abgabe, die 2021 erstmals erhoben wird. Ab 1. Januar wird auf Prozesse im Verkehr und bei der Gebäudeheizung eine Abgabe von 25 Euro pro ausgestoßener Tonne Kohlendioxid fällig. Das hat direkte Folgen für alle. So wird der Preis für Benzin und Diesel auf einen Schlag steigen, um etwa sechs bis sieben Cent pro Liter. Ähnliche Preissteigerungen wird es beim Heizöl geben, bei dem etwas klimafreundlicheren Erdgas wird es etwas weniger sein.

Da alle Wertschöpfungsprozesse in den Sektoren Verkehr und Gebäude betroffen sind, in deren Rahmen CO2 ausgestoßen sind, wird es Preissteigerungen in allen Bereichen geben: Fliegen wird ebenfalls teurer werden. Strecken innerhalb Europas werden mir gut fünf Euro belegt, Mittelstrecken mit knapp 10 Euro, auf Fernflüge wird eine zusätzliche Abgabe von 17 Euro fällig.

Dem entkommt nur, wer auf elektrifizierte Prozesse zurückgreifen kann, die mit grünem Strom betrieben werden. Denn zugleich wird die Umlage auf erneuerbare Energien gesenkt – um etwa 1,8 Cent pro Kilowattstunde Strom. Endverbraucher, die derzeit ungefähr 30 Cent pro Kilowattstunde zahlen, würden dann nur noch 28 Cent zahlen, eine Ersparnis von knapp sieben Prozent.

Das System wird sich sukzessive in Richtung grüner Strom verschieben: Bis 2025 soll sich der CO2-Preis mehr als verdoppeln, auf dann 55 Euro pro Tonne. Entsprechend stärker wird der Strompreis bei der Umlage entlastet. Auf diese Weise wird fossiler Brennstoff immer weniger attraktiv, CO2-freier Strom gefördert. Wer es noch nicht getan hat, wird im kommenden Jahr wohl ernsthaft darüber nachdenken, ein Elektroauto anzuschaffen – zumal die Förderung attraktiv ist und die technischen Daten der Fahrzeuge immer besser werden.    

Was aber, wenn die halbe Welt beim Umsteuern der Wirtschaft nicht mitmacht? Die politische Devise lautet: Trotzdem umsteuern! Um die heimische Wirtschaft zu schützen und global eine CO2-freie Ökonomie zu fördern, würde die Europäische Union dann wohl eine Grenzsteuer auf „schmutzige Produkte” einführen. Das Erfolgsgeheimnis Europas bestehe nicht darin, den USA ähnlicher zu werden oder China nachzueifern, sagte Ursula von der Leyen auf dem Digital-Gipfel. „Unser Erfolgsgeheimnis besteht darin, wir selbst zu sein und unseren eigenen europäischen Weg zu gehen.“