»Wir brauchen jetzt radikale Ansätze«

Der Klimawandel und seine Folgen sind angsteinflößend. Deshalb verdrängen viele Menschen beides. Und leiden darunter. Es gibt jedoch Ansätze, mit den negativen Gefühlen umzugehen, sagt Susanne Moser, Dozentin für Umweltstudien an der Antioch University New England – und damit vielleicht sogar den Klimawandel aufzuhalten.

Illustration: Cristina Franco Roda
Illustration: Cristina Franco Roda
Julia Thiem Redaktion

Frau Moser, so viele Jahre sprechen wir nun schon über den Klimawandel und darüber, dass wir ihm entgegenwirken müssen. Nur ist er fast überall zu spüren. Wir merken mittlerweile rund um den Globus, dass es vermutlich schon fünf nach zwölf ist. Was macht das mit Menschen?

Bei der Formulierung „Wir merken mittlerweile…“ kommt bei mir direkt eine Gegenfrage hoch: Wer ist wir? Das muss ich so provokant fragen, weil der Klimawandel mit seinen Folgen für sehr, sehr viele Menschen auf diesem Planeten schon lange bittere Realität ist. Wenn „wir“ das Ausmaß also jetzt erst langsam erleben und damit begreifen, sind mit „wir“ Deutschland, Europa, Nordamerika, also im Wesentlichen die westlichen Industriestaaten gemeint. Aber einmal abgesehen davon, dass der Klimawandel jetzt auch bei „uns“ angekommen ist: Ich glaube – und dafür gibt es zahlreiche Belege –, dass die Menschen den Klimawandel mit seinen Folgen schon lange verstehen, sie beides aber verdrängt haben, weil es so furchterregend ist. Was wir aus der Psychologie wissen: Wenn Menschen vor einem existenziellen Risiko stehen, gibt es in der Regel nur zwei Antworten. Entweder wir unternehmen etwas, um dieses Risiko einzudämmen. Können wir nicht tätig werden, verdrängen wir die mit dem existenziellen Risiko verbundenen Gefühle. Das sind unsere fundamentalen Kontrollmöglichkeiten.
 

Warum verdrängen so viele Menschen dann den Klimawandel und seine Folgen? Denn über Maßnahmen, um den Auswirkungen zu begegnen, wurde ja ebenfalls immer gesprochen… 

Ich glaube, das Problem, was die meisten Menschen haben, ist, dass sie nicht wissen, was sie als Individuen tun können, weil die Herausforderungen in Summe einfach überwältigend sind. Die negativen Gefühle zu verdrängen ist da zunächst sehr viel einfacher – zeigt aber eben auch, dass sich der Großteil der Menschen sehr wohl bewusst darüber ist, wie ernst es ist. Da der Klimawandel nun immer weiter fortschreitet und bis vor die Haustüren von sehr viel mehr Menschen kommt, wird die Verdrängung nun eben viel schwerer. 
 

Über was für negative Gefühle sprechen wir?

Wut, Angst, Trauer, Hoffnungslosigkeit – es wird heute schon sehr oft über die Klima- oder Ökotrauer gesprochen. Ganz massiv ist das bei Jugendlichen zu beobachten. Wobei auch ältere Generationen dem Klimawandel oft mit ähnlichen Gefühlen begegnen, weil sie sich Sorgen um ihre Kinder oder Enkel machen. Hier kommen allerdings dann nicht selten auch noch Scham und Schuldgefühle hinzu, dass beizeiten nicht mehr unternommen wurde. Und bei Menschen, die an der Thematik arbeiten – wie Klimaforscher, Umweltschützer oder auch auf Behördenseite – sehen wir zunehmend immer häufiger auch den klassischen Burn-out. 
 

Rühren die massiv negativen Gefühle auch daher, dass es fast schon zu spät ist, dem Klimawandel noch zu begegnen?

Die Frage wird mir in vielen verschiedenen Varianten tatsächlich sehr häufig gestellt: Ist es jetzt nicht einfach schon zu spät, etwas zu unternehmen? Was kann man noch machen? Gibt es überhaupt noch Grund zur Hoffnung? Ich sehe es als unsere Pflicht an, also die der westlichen Industrienationen, die Hoffnung nicht aufzugeben und ganz dringend etwas zu unternehmen. Denn alles andere wäre wiederum sehr privilegiert. Für etwa die Hälfte der Weltbevölkerung ist es schon lange „zu spät“. Sie leidet bereits klimabedingt unter Hunger oder hat keinen Zugang zu sauberem Wasser und so weiter. Denen zu sagen, ach, wisst ihr, es ist eh zu spät, kann man aus meiner Sicht moralisch nicht vertreten.
 

Das klingt jetzt alles sehr finster. Woher soll jeder Einzelne die Motivation nehmen, tätig zu werden, wenn vor allem das Wie nicht ganz klar ist?

Um es positiver zu formulieren: Jedes zehntel Grad zählt. Ob wir über eine Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius oder 1,7 Grad Celsius sprechen, macht einen radikalen Unterschied. In puncto Klima gibt es verschiedene sogenannte Kipppunkte. Manche haben wir sicherlich schon passiert, andere noch nicht und genau hier haben wir jetzt noch die Möglichkeit, entgegenzuwirken. Es macht also einen Unterschied, ob wir sehenden Auges auf den Untergang warten oder aber tätig werden, um jetzt noch zu retten, was noch zu retten ist. Hätten wir vor 40 Jahren die Klimaveränderung aufhalten sollen? Ja, definitiv. Dennoch haben wir es nach wie vor in der Hand, die ganz große Katastrophe noch abzuwenden. 
 

Dann muss ich an dieser Stelle Ihre Eingangsfrage wiederholen: Wer ist wir, wer hat es noch in der Hand?

Sehr schön und vor allem berechtigt. Denn ein Problem im Kontext des Klimawandels ist ja, dass die Verantwortung gerne an das Individuum abgegeben wird: Du hast es jetzt noch in der Hand, wenn du dein Verhalten änderst. Das ist eine überwältigende Verantwortung und alleine schon deshalb aus meiner Sicht nicht zielführend. Klar, jeder soll mithelfen, aber vielmehr brauchen wir einen gemeinschaftlichen Ansatz. Beispielsweise könnte man bei Unternehmen aus der fossilen Brennstoffindustrie ansetzen. Sie haben zum einen erheblich zum Klimawandel beigetragen, aber eben auch überproportional von den fossilen Energiequellen profitiert. Das Schöne an einem solchen Ansatz ist aber, dass wir hier über vielleicht rund 50 Unternehmen weltweit sprechen und damit über einen überschaubaren Rahmen, der – wenn Gemeinschaft rund um den Globus denn ernst gemeint ist – durchaus machbar ist. 

Illustration: Cristina Franco Roda
Illustration: Cristina Franco Roda
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Susanne Moser, Ph.D
Susanne Moser, Ph.D

»Ist es jetzt nicht schon zu spät, etwas zu unternehmen?«

Das ist allerdings auch ein radikaler Ansatz, weil er zum einen da ansetzt, wo sich die meisten Regierungen scheuen, wirklich anzusetzen, nämlich bei der Wirtschaft, und zum anderen eine weltweit konzertierte Aktion fordert…

Aber genau das brauchen wir jetzt: radikale Ansätze. Wir brauchen als globale Gesellschaft eine Bluttransfusion. Wir müssen unsere Weltanschauung und unsere Werte verändern. Letztendlich geht es um die Frage: Gibt es etwas, das mehr Wert ist als das Leben an sich? Denn nichts anderes steht auf dem Spiel.  
 

Wenn Menschen dann wirklich radikale Sachen machen, sich also beispielsweise auf Straßen oder sogar Landebahnen von Flughäfen festkleben, werden sie dafür bestraft und von Mitbürgern sowohl verbal als auch körperlich angegriffen. Das Gemeinschaftsgefühl, von dem Sie sagen, dass wir es brauchen, scheint es nicht oder vielmehr noch nicht zu geben. Oder?

Das ist jetzt wieder der negative Blick auf die Situation. Sie ließe sich auch positiv bewerten. Evolutionsbedingt gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie Menschen oder überhaupt Säugetiere auf Gefahr reagieren: „fight, flight or freeze“. Es gibt allerdings noch eine vierte Reaktion, die immer vergessen wird, aber tatsächlich der erste Impuls ist: Was machen die anderen? Das ist das sogenannte „befriending“. Und genau das gelingt den sozialen Bewegungen, die auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen. Sie senden das Signal, dass es Menschen gibt, die die Situation sehr ernst nehmen und auch bereit sind, die nötigen radikalen Schritte zu gehen. 


Und warum akzeptieren das so viele andere nicht, dass sie ebenfalls radikal – wenn auch anders – reagieren müssen?

Das liegt schlicht daran, dass Veränderung für die meisten Menschen etwas Unerwünschtes und Schmerzhaftes ist, was es tunlichst zu vermeiden gilt. 
 

Beides sind soziale Signale, also sowohl der radikale Protest als auch die teils gewalttätige Antwort. Geht es damit letztendlich um die Frage, welches Signal überwiegt?

Absolut. Und je radikaler und schneller wir uns verändern müssen, umso radikaler wird vermutlich auch der Widerstand dagegen sein. Jede tiefgreifende Veränderung, auch wenn sie positiv und absolut notwendig ist, beginnt mit einem Ende, nämlich von dem, was bis dahin war. Gewohnheiten, Annehmlichkeiten, Bequemlichkeiten – nichts davon ist einfach aufzugeben. 


Liegt es an der Politik, hier die richtigen Weichen zu stellen, den Weg damit vorzugeben und so vielleicht auch die Wogen zu glätten?

Es braucht sicherlich Vorbilder, die die richtigen sozialen Signale verstärken. Damit meine ich vor allem charismatische Vorbilder, denen die Menschen gerne folgen und an deren Authentizität sie glauben. Das können auch politische Akteure sein, das zeigt die Geschichte immer wieder. Ob die Politik wirklich in der Lage ist, die nötigen Rahmenbedingungen für die Art von Transformation zu schaffen, die wir benötigen, wage ich zu bezweifeln, weil politische Interessen einen anderen Zeithorizont haben. 


Vom wem könnten die großen Antworten, die wir brauchen, denn alternativ kommen?

Zumindest nicht von jenen Institutionen, die aus dem Status Quo ihren Profit ziehen. Eine Regel, die schon seit Jahrzehnten bekannt ist: In komplexen Systemen entstehen Antworten immer an den Rändern des Mainstreams. Sie entstehen aus Experimenten, aus neuen Versuchen, aber eben auch aus dem deutlich höheren Druck heraus, der an den Rändern im Vergleich zur komfortablen Mitte herrscht. 
 

Weil es zu den Rändern so gut passt und sie vorhin die moralische Verpflichtung schon einmal angesprochen haben: Wie steht es um die Klimagerechtigkeit? Denn letztendlich haben die Menschen, die bisher schon verhältnismäßig stark unter den Folgen des Klimawandels leiden, verhältnismäßig wenig dazu beigetragen… 

Genau. Leider ist wenig wirklich gerecht auf diesem Planeten verteilt, im Kleinen wie im Großen. Die Frage nach der Klimagerechtigkeit ist absolut kritisch, aber wir werden darauf in der aktuellen politischen Konstellation kaum passende Antworten finden. Wie schon betont, geht es um nichts Geringeres als um das globale Überleben. Unabhängig davon, wer es gebaut hat, wir sitzen alle im selben Boot. Die alles entscheidende Frage ist daher aus meiner Sicht: Was für Menschen wollen wir sein? Darauf muss auch die Politik weltweit Antworten finden. Für mich ist es jedoch auch eine Frage dessen, was ich als Individuum in meinem eigenen Leben tue, wie ich auch persönlich Gerechtigkeit lebe. 
 

Welche Wahl haben wir hier aus Ihrer Sicht?

Das ist einfach: Wir können die Frage der Gerechtigkeit barbarisch beantworten oder mit Menschlichkeit. 


In dieser doch sehr komplexen und in Teilen finsteren Gemengelage: Wie behält man Hoffnung?

Das ist eine Frage der Definition. Hoffnung heißt für mich nicht, dass am Ende schon alles irgendwie gut wird. Hoffnung ist für mich, dass sich zumindest ein Teil der Menschen auf das besinnt, was uns schon im Wortkern ausmacht: auf unsere Menschlichkeit. Wir brauchen eine neue Ethik, die uns in eine bessere und vor allem noch lebenswerte Zukunft für alle führen kann. 
 

Und wie schaffen wir das ganz praktisch?

Indem wir unsere defensiven psychologischen Mechanismen überwinden. Zunächst müssen wir Distanz abbauen, was der fortschreitende Klimawandel im gewissen Sinne schon für uns tut, wenn die Flut vor der eigenen Haustür steht. Als nächstes gilt es, die natürlichen Reaktionen und Emotionen zuzulassen. Und am einfachsten ist das, indem wir darüber mit anderen sprechen. Daraus resultiert dann meist auch eine gewisse Handlungsbereitschaft, die innerhalb einer solchen Gemeinschaft entsteht. Wir reden zwar viel über die Risiken und Gefahren, es gibt aber auch genauso Chancen und Potenziale, die dann eine gewisse Motivation entfalten, wenn man gemeinsam mit anderen Menschen an solchen Lösungen arbeitet. 
 

Ist Gemeinschaft vielleicht das entscheidende Stichwort? Denn immer, wenn irgendwo eine große Katastrophe eintrifft, wie beispielsweise starkes Hochwasser, sind Hilfs- und Spendenbereitschaft groß. Sandsäcke werden gemeinsam gefüllt, egal, ob das eigene Haus vielleicht ein paar Meter höher liegt als das des Nachbarn… 

Das sind die Beispiele, aus denen ich Hoffnung schöpfe. Natürlich ist jeder Einzelne wichtig, um einen Gesamtbeitrag zu leisten. Aber nur in der Gemeinschaft können wir auch einen sicht- und spürbaren Unterschied erreichen. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Wenn jeder nur für das eigenen Haus Sandsäcke füllt, kann es leicht für die Nachbarhäuser vielleicht zu spät sein. Wenn alle gemeinsam und strategisch zusammenarbeiten, kann viel mehr gerettet werden. Dieses soziale Kapital, was wir haben, müssen wir aufrechterhalten und gezielt einsetzen, um die vielleicht größte Aufgabe zu lösen, vor die wir jemals gestellt waren. Worauf es also am Ende ankommt, sind Liebe, Ethik und eben Menschlichkeit. 


Susanne Moser, Ph.D., ist Direktorin und leitende Forscherin von Susanne Moser Research & Consulting in Hadley, Massachusetts. Außerdem ist sie Forschungsdozentin an der Abteilung für Umweltstudien der Antioch University New England. Sie konzentriert sich in ihrer Arbeit auf eine gerechte Anpassung und Transformation, die der Klimawandel zwangsläufig nötig macht. 

www.susannemoser.com

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