Der Bewegung auf der Spur

Juli 2015 | Wirtschaftswoche | Innovation!

Der Bewegung auf der Spur

Sämtliche Bewegungsabläufe sind in unserem Gehirn gespeichert – manchmal allerdings falsch. Das Auslesen dieser ‚Fehler’ kann nicht nur Profisportlern helfen.

Universität Bielefeld / Unternehmensbeitrag

Herr Prof. Schack, woran forschen Sie genau?

 

Wir erforschen die Zusammenhänge zwischen Gedächtnis, Gehirn und Bewegung. Uns interessiert beispielsweise, wie wir Bewegungen antizipieren und planen und wie dies mit Aufmerksamkeitsprozessen und biomechanischen Abläufen in Verbindung steht. Außerdem arbeiten wir sehr eng mit den Kollegen aus der Neuroinformatik zusammen, um unsere Erkenntnisse auf Robotikplattformen zu testen und technische Systeme intuitiver zu gestalten. Dazu arbeiten wir auch in Kooperation mit 30 weiteren Arbeitsgruppen im Exzellenzcluster "Cognitive Interaction Technology" (CITEC) zusammen, das als Teil der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern gefördert wird.

 

Mit welchem Ziel?

 

Unsere Forschungsergebnisse konnten bisher in vielen Bereichen eingesetzt werden. Wir haben eine Diagnostik entwickelt, mit der wir die Gedächtnisstrukturen auslesen können, in denen die Bewegungsabläufe gespeichert sind. Daher wissen wir, welche Phasen einer Bewegung ‚falsch’ abgespeichert sind und wo Hilfe nötig ist. Bei Schlaganfallpatienten können wir beispielsweise sehen, welche Schritte einer Bewegung quasi gelöscht wurden und daher neu gelernt werden müssen. Diese Diagnostik kann aber auch Menschen mit
Behinderungen oder älteren Menschen helfen.

 

Inwiefern?

 

Wir arbeiten sehr eng mit den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel zusammen, beispielsweise in der Ausbildung. Über einen Terminal können die Auszubildenden dort unseren Test machen und bekommen ein verbales Feedback, welche Bewegungsabläufe – etwa beim Decken eines Tisches – noch verbessert werden müssen. Das hilft auch Ausbildern, Ursachen für problematische Handlungsabläufe zu erkennen und individualisierte Lernprozesse anzuregen.

 

Das gleiche Prinzip wie bei der unterstützende Brille, an der Ihre Forschungsgruppe derzeit arbeitet?

 

Genau. Auch im Projekt ADAMAAS – wie das mobile Hilfssystem heißt – ist das Auslesen der Gedächtnisstruktur die Basis. Die Brille weiß also, bei welchen Bewegungsabläufen Fehler auftreten. Zusätzlich bekommt sie aber auch noch Informationen aus der Augenbewegung. Beides wird gebündelt, um anschließend Hilfestellungen geben zu können.

 

Was für Hilfestellungen?

 

Im Prinzip bekommen Sie Anleitungen während Sie die Bewegung ausführen. Das können visuelle Hinweise wie kleine Pfeile sein oder auch ein Avatar, der Ihnen die Bewegung korrekt vormacht. Die Brille ist adaptiv, passt sich also dem Nutzer an. Und das Ablesen aus der Augenbewegung macht sie – wenn Sie so wollen – intelligent. So kann sie sowohl älteren Menschen als auch Menschen mit Behinderung
unter Umständen eine große Hilfe im Alltag sein, so dass sie diesen wieder selbstbestimmt leben können.

 

Wann soll die Brille auf den Markt kommen?

 

Wir arbeiten bei diesem Projekt nicht nur sehr eng mit Kollegen aus der Forschung zusammen, sondern auch mit Partnern aus der Wirtschaft wie beispielsweise dem Eye Tracking-Spezialisten SensoMotoric Instruments (SMI), der die zugehörige Hardware entwickelt. Wir sind im Mai mit ADAMAAS gestartet und wollen innerhalb von drei Jahren ein fertiges Produkt an den Markt bringen.

 

Professor Dr. Thomas Schack; Leiter der Forschungsgruppe „Neurokognition und Bewegung – Biomechanik" und Leiter der Graduiertenschule am CITEC (Universität Bielefeld)

 

FORSCHUNGSGRUPPE NEUROKOGNITION UND BEWEGUNG – BIOMECHANIK

 

Seit 2006 arbeitet Prof. Schack mit seinem interdisziplinären und internationalen Team an verschiedenen Forschungsprojekten. Neben dem Projekt ADAMAAS sind die Forscher unter anderem auch am Projekt KogniHome beteiligt – einer intelligenten Wohnung unter anderem für ältere Menschen. Eines der Ziele dort: Menschen in ihrer Wohnung zur Bewegung anzuregen und sie mittels virtuellem Feedback zu coachen. Darüber hinaus arbeitet das rund 30-köpfige Team um Prof. Schack sehr eng mit Profisportlern und mit behinderten Menschen zusammen, um deren Leistung kontinuierlich zu verbessern. 

 

www.neurocognition.de