»Mit dem nachhaltigen Bau einer Immobilie ist es nicht getan.«

Juli 2020 | Handelsblatt | Innovation 4.0

»Mit dem nachhaltigen Bau einer Immobilie ist es nicht getan.«

Wer bei Facility Management an Hausmeisterdienste denkt, irrt. Die Branche hat sich mit digitalen und energetischen Dienstleistungen hochspezialisiert. Ein Gespräch mit Caverion Geschäftsführer Frank Krause.

Frank Krause, Geschäftsführer, Caverion Deutschland GmbH
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Corona hat gezeigt, dass weniger manchmal mehr ist. Steckt hier Potenzial für eine neue Nachhaltigkeitsdebatte?
Absolut. In den letzten Wochen waren die Menschen gezwungen, zu verzichten, insbesondere auf Reisen und Unternehmungen. Eine Erfahrung, die für viele neu und drastisch war. Aber auch unmittelbar erfahrbar machte, was nötig ist, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Prognosen gehen immerhin davon aus, dass Deutschland das Klimaziel 2020 erreichen wird. Dieser Lerneffekt prägt die Nachhaltigkeitsdebatte. Es gilt, das Momentum dieser kollektiven Erfahrung zu nutzen, damit es nicht bei einem coronabedingten Einmaleffekt bleibt. Deshalb sind jetzt langfristige grüne Investitionsprogramme so wichtig. Auf jeden Fall bleibt das Thema präsent und die Auswirkungen wird man auch auf dem Arbeitsmarkt sehen: Die junge Generation, die bereits stark wertorientiert ist, will sich auch im Berufsleben einem höheren Ziel widmen. Deshalb werden sich auch vermehrt Arbeitgeber positionieren und in die Diskussion einbringen.

 

Welche Weichen müssen jetzt gestellt werden, um künftig nachhaltiger wirtschaften zu können?
Die Regierung muss an den Klimazielen festhalten und die Energiewende fortsetzen. Eine Schlüsselrolle spielt hierbei der Gebäudesektor: 40 Prozent des Energieverbrauchs in der Europäischen Union entfallen auf Gebäude. Und sie verursachen fast ein Drittel der CO2-Emissionen. Was wir benötigen, sind Anreizprogramme für Energieeffizienz, klimaneutrale Gebäude und hocheffiziente Industrieprozesse. Die Unsicherheit der letzten Wochen hat dazu geführt, dass viele Investitionen in diesen Bereichen erst einmal auf Eis gelegt wurden.

 

Der Energieverbrauch ist insbesondere in den Städten groß. Wie kann hier eine größere Effizienz erreicht werden?
Städte verbrauchen bis zu 76 Prozent der Energie weltweit und verursachen rund dreiviertel der globalen CO2-Emissionen. In der Stadtplanung ist es wichtig, Quartiere mit kurzen Pendlerstrecken zu schaffen und die Vororte durch öffentlichen Nahverkehr optimal anzubinden. Bei fertig gewachse-nen Stadtstrukturen ist das aber nicht leicht umzusetzen. Deshalb ist die intelligente Vernetzung zur Smart City so wichtig, um den Energieverbrauch zu senken. Je mehr Sensoren und damit Daten ins Netz eingebracht werden, umso intelligenter kann Energie verteilt werden. Produktion und Verbrauch bleiben in einem ausgeglichenen Verhältnis, zum Beispiel indem Gebäude untereinander Strom austauschen oder lokale Speicher wie E-Ladestationen genutzt werden. Das geht nur mit digitaler Gebäudetechnik. Bereits heute integriert Caverion Gebäudedaten und gleicht diese mit ähnlichen Objekten ab, um Optimierungspotenziale zu finden.

 

Vor diesem Hintergrund: Ist das Ziel des neuen EU-Klimagesetzes, bis 2050 eine Klimaneutralität zu erreichen, überhaupt realistisch?
Das Ziel ist hoch gesteckt. Aber zunächst müssen die Ziele bis 2030 geschafft werden. Im Gebäudesektor sollen bis dahin die CO2-Emissionen auf 70 Tonnen reduziert werden. Die Politik hat im Gebäudebereich schon sehr viel getan, von der Wärmeschutzverordnung bis zur Energieeinsparverordnung. Neubauten verbrauchen ein Fünftel weniger Energie als noch vor 50 Jahren. Doch bei Planung und Ausführung geht man noch nicht ausreichend auf energetische Themen und Folgekosten ein. Mit 80 Prozent entfällt ein Großteil der Gesamtkosten einer Immobilie auf den Zeitraum nach der Fertigstellung. Bereits bei der Planung muss deshalb an die Energieoptimierung gedacht werden.

 

Sind nicht aber vor allem Bestandsgebäude Energiefresser?
Sie  verursachen den Löwenanteil, richtig, und werden über Jahrzehnte Einfluss auf die Klimabilanz nehmen. Energe-tische Sanierung und ein digitales Facility Management, das Verbrauchswerte analysiert und optimiert, sind hier unerlässlich. Das darf aber nicht auf Kosten der Mieter gehen, die bereits überdurchschnittlich stark belastet werden. Gerade bei der energetischen Sanierung bedarf es deshalb weiterer Zuschüsse.

 

Wie müssten sich die Rahmenbedingungen insbesondere für den Gebäudebetrieb ändern?
Es braucht ein stärkeres Bewusst-sein, dass es mit dem nachhaltigen Bau einer Immobilie nicht getan ist. Sondern dass Gebäude über Jahrzehnte Einfluss auf die Klimabilanz nehmen. Vergleichbar zu DGNB und LEED gibt es auch Nachhaltigkeitsstandards für den Gebäudebetrieb, zum Beispiel GEFMA 160. Das zeigt einmal mehr, dass Facility Management deutlich mehr umfasst als klassische Hausmeisterdienste. Dienstleister in diesem Bereich haben sich zu hochspezialisierten Anbietern gewandelt, gerade auch im Energiemanagement.

 

Welchen Beitrag leisten neue Technologien?
Wir müssen nicht auf die Erfindung neuer Technologien warten, um klimaneutral zu werden. Wir haben bereits das nötige Handwerkszeug für klimaneutrale Gebäude. Das größte Einsparpotenzial bietet die Betriebsoptimierung im Gebäudebestand. Das kann vor allem ein digitales Facility Management leisten. Wir bieten zum Beispiel ein großes Spektrum an Ener-giedienstleistungen an. Das Einsparpotenzial liegt zwischen 15 und 30 Prozent.

 

Wenn nachhaltige Gebäude im Wert steigen, was bedeutet das im Umkehrschluss für den Immobilienmarkt?
Ich denke, hier muss man Ursache und Wirkung tauschen: Wie wirkt sich die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt auf nachhaltige Gebäude aus? Letztlich bestimmt die Nachfrage den Markt. Und hier sind durch die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre ganz klar nachhaltige Immobilien im Vormarsch. Investoren haben das Potenzial erkannt und sind aufgesprungen, obwohl die Renditen durch die aufwändigere Bauweise zunächst mager ausfallen. Eben weil es sich um eine Zukunftsinvestition handelt. Für uns als Gebäudetechnikdienstleister bedeutet das, dass nicht allein der Preis mehr bei der Vergabe entscheidet. Sondern ein durchdachtes und nachhaltiges Betreiberkonzept.

 


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