Investition in die Zukunft

Juli 2020 | Handelsblatt | Innovation 4.0

Investition in die Zukunft

Die Bundesregierung investiert Milliarden, um Deutschland zukunftsfest zu machen. Das ist auch dringend notwendig.

Illustration: Magda Wilk
Klaus Lüber / Redaktion

Es gehört zu den wahrscheinlich faszinierendsten Eigenschaften des Menschen, komplexe Zusammenhänge in griffige Geschichten zu verpacken. Oftmals wurzeln solche Narrative in einem bestimmten historischen Setting, werden aber gerne auch dann noch weitererzählt, wenn sich die Umstände längst geändert haben.


Als Tesla-Chef Elon Musk Anfang des Jahres bekannt gab, seine erste große Produktionsanlage in Europa gerne im Umland von Berlin bauen zu wollen, begründete er seine Entscheidung sinngemäß damit, er könne sich keinen besseren Standort für die Entwicklung seiner visionären Technologie vorstellen, als das Land der Tüftler und Erfinder. Viele klopften sich auf die Schulter: Innovationsland Deutschland hat einmal mehr gepunktet.


Die Frage ist nur: Stimmt diese Geschichte überhaupt noch? Sind wir wirklich noch so innovativ, wie wir denken? Es gibt nicht wenige, die das inzwischen bezweifeln. Bei einer kürzlich abgehaltenen Onlinekonferenz hochrangiger SPD-Politiker reflektierte Generalsekretär Lars Klingbeil zur zukünftigen Rolle Deutschlands im internationalen Wettbewerb. Angesichts der großen Innovationskraft der USA und inzwischen auch Chinas habe er den Eindruck: „Wir lehnen uns zu sehr zurück.“ Für Rafael Laguna de la Vera, Gründungsdirektor der 2018 gegründeten Bundesagentur für Sprunginnovationen und ebenfalls Teilnehmer der Konferenz, beruhe der Wohlstand Deutschlands auf Innovationen, die man vor 100–200 Jahren geschaffen habe. Seine Einschätzung: „Wenn wir die Zukunft nicht beeinflussen, schaffen wir eine Zukunft, die nicht mit unserem Wertesystem übereinstimmt.“


Das zu erfolgsverwöhnte, zu träge Deutschland, das droht, den Anschluss zu verlieren? Sucht man nach wissenschaftlichen Belegen für diese These, findet man sie, zumindest zum Teil, in einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung. Diese hatte analysiert, welche Staaten die meisten und wichtigsten Patente in Zukunftstechnologien halten. Während Deutschland 2010 noch in 47 Technologien jeweils unter den drei Spitzennationen geführt worden sei, so die Autoren, sei das 2019 nurmehr in 22 Bereichen der Fall. China dagegen, vor zehn Jahren noch nirgendwo Patent-Weltklasse, gehöre inzwischen in 42 Technologien zu den Top 3. Fazit: Die internationalen Kräfteverhältnisse im Bereich des geistigen Eigentums verschieben sich in wichtigen Zukunftstechnologien stark zuungunsten von Europa und Deutschland.


Ein ähnliches Bild zeichnet die aktuelle Ausgabe einer der wichtigsten Referenzstudien zur Innovationskraft Deutschlands, der Innovationsindikator des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI. Demnach gehört Deutschland zwar weiterhin zu den innovationsstärksten Volkswirtschaften der Welt, erreicht aber in keiner Kategorie eine Topplatzierung. Im internationalen Vergleich zeige Deutschland vor allem Schwächen bei der Exzellenzrate, also dem Anteil der am häufigsten zitierten wissenschaftlichen Publikationen. Hier belege das Land mit 13 Prozent nur einen Mittelfeldplatz. „Deutschlands Innovationsdynamik droht ins Mittelfeld zu rutschen. Im Vergleich zu unseren Wettbewerbern treten wir auf der Stelle“, kommentiert BDI-Präsident Dieter Kempf.


Immerhin: Die Politik signalisiert Handlungsbereitschaft. Insgesamt 50 Milliarden Euro will die Regierung im Rahmen des gerade verabschiedeten Corona-Konjunkturpaketes investieren, um die deutsche Wirtschaft innovativer und damit zukunftsfest zu machen. Davon entfallen 2,5 Milliarden auf den Bereich Elektromobilität und den dringend notwendigen Ausbau der Ladeinfrastruktur. Auch soll es endlich ein einheitliches Bezahlsystem für das Auftanken von E-Fahrzeugen geben, um die momentan noch gewaltigen Preisschwankungen je nach Abrechnungsmodalität und Gebühren in den Griff zu bekommen. Zwischen 3 und 30 Euro könne der Preis für die gleiche Strommenge im Augenblick schwanken, berichtet der Verbraucherzentrale Bundesverband.


Neun Milliarden Euro stehen für den Ausbau der Wasserstofftechnologie bereit, die gerade verabschiedete Nationale Wasserstoffstrategie definiert den Fahrplan hierfür. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek spricht euphorisch vom „Erdöl von morgen“. Die Idee: Wasserstoff fungiert als Bindeglied zwischen altem und neuem Energiesystem. Erzeugt man ihn mit grünem Strom, kann er klimaneutral dort eingesetzt werden, wo (noch) keine praktikable elektrische Lösung in Sicht ist, etwa im Schwerlastverkehr. Den massenhaft benötigten grünen Strom will man zum großen Teil aus Drittländern importieren, indem wir „Sonne und Wind zu uns holen“, wie die Forschungsministerin es formuliert.


Mit weiteren fünf Milliarden Euro will man den Bereich digitale Infrastruktur antreiben, für deren schlechten Zustand Deutschland inzwischen weltweit berüchtigt ist. Bis 2025, so heißt es im Zukunftspaket, soll es ein flächendeckendes 5G-Netz in ganz Deutschland geben. Geplant ist die Gründung einer „Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft“ unter dem Dach von Toll Collect, deren Aufgabe es ist, für neue Mobilfunkmasten und Anschluss zu sorgen.


Für den Bereich Künstliche Intelligenz hat man immerhin vier Milliarden Euro mobilisiert. Das ist zwar immer noch ein Bruchteil dessen, was Länder wie die USA und China für Forschung in diesem Bereich ausgeben, für deutsche Verhältnisse, und gerade in Zeiten der Krise, aber dennoch ein Anfang. Angesichts der momentanen Herausforderungen, so Antonio Krüger, Geschäftsführer des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz gegenüber dem Spiegel, hatte er Sorge, dass bisherige Zusagen gestrichen werden könnten.


Ob all diese Maßnahmen den gewünschten Effekt haben, wird sich zeigen. Eine gute Nachricht gibt es aber dennoch heute schon zu vermelden. Dieselbe Bertelsmann-Studie, die vor Deutschlands schwindender Innovationsdynamik im Allgemeinen warnte, hob ein Themenfeld lobend hervor: Den Gesundheitsbereich.


Bei der Impfstoff-Technologie sei die Bundesrepublik das Land mit den zweitmeisten „Weltklassepatenten“ und schließe immer mehr zum Spitzenreiter USA auf.