Brücke zum E-Commerce

Mai 2021 | Handelsblatt | Handel der Zukunft

Brücke zum E-Commerce

Der Onlinemarktplatz Ebay startet eine lokale Plattform für kleinere Geschäfte. Der Branchenverband HDE ist Partner bei dem Modellprojekt in zunächst zehn Städten.

Illustration: Mario Parra
Michael Gassmann / Redaktion

Viele haben es versucht, aber mehr als Achtungserfolge sind dabei nicht herausgekommen: Der E-Commerce schafft es auf der Ebene einer Stadt oder Gemeinde selten über das Gut-gemeint-Stadium hinaus auf ein Niveau, auf dem es auch wirtschaftlich Spaß macht. Dabei wäre ein Durchbruch dringlich in Zeiten des Lockdowns. Auf der einen Seite wollen viele Deutsche ihre Region unterstützen, indem sie ihr Geld dort ausgeben, wo sie leben und arbeiten. Auf der anderen Seite geht es für zahlreiche Händler inzwischen um die blanke wirtschaftliche Existenz – sie brauchen die Kaufkraft der Kundschaft vor Ort.

 

 

Beides will der Online-Marktplatz Ebay flächendeckend mit einem standardisierten Programm zusammenbringen, an dem seit über einem Jahr gearbeitet wurde und das nun startklar ist. In zunächst zehn Städten schaltete das Unternehmen am 14. April lokale Online-Marktplätze mit Angeboten von Boutiquen, Gartenmärkten oder Juwelieren „um die Ecke“ live. Zum Start beteiligen sich unter anderen Mönchengladbach, Nürnberg, Lübeck und Potsdam an dem Projekt. Es hat Modellcharakter. „Wir sind mit über 100 weiteren Städten im Gespräch“, sagte Ebays Deutschland-Chef Oliver Klinck gegenüber WELT. Auch wenn wohl nicht alle einsteigen würden, sei dies eine positive Resonanz in einer überraschenden Größenordnung. Bis zum Jahresende, da ist Klinck sich sicher, könnten viele weitere Kommunen gewonnen werden. Unterstützt wird der Vorstoß von einer Kampagne in Digital- und Druckmedien unter der Überschrift „Die große Heimat kleiner Händler“.

 

Als Partner beteiligt sich der Handelsverband Deutschland (HDE) an dem Projekt. Die Aufholjagd der kleinen und mittelgroßen Händler beim E-Commerce könne auf diese Weise spürbar beschleunigt werden, hofft der stellvertretende HDE-Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp. „Zigtausende von Mittelständlern haben immer noch Berührungsängste mit der Digitalisierung. Unsere Aufgabe als HDE ist es, sie niederschwellig heranzuführen“, sagte er. Die Probleme der deutschen Innenstädte seien zwar zu komplex, als dass eine einzelne Maßnahme Standorte retten könne. Aber der Ebay-Vorstoß trage dazu bei, eine Brücke zwischen stationärem Handel und E-Commerce zu schlagen: „Da wächst noch enger zusammen, was ohnehin zusammengehört.“

 

Zum Start soll sich „Ebay Deine Stadt“, so der Titel, in Kommunen ganz unterschiedlicher Größenordnung bewähren, wie Chemnitz, Moers, Gummersbach, Diepholz, Bad Kreuznach oder die Region Ortenau. Die Verbraucherinnen und Verbraucher, so das Konzept, können über die Website Angebote des Handels aus ihrer Umgebung finden und sie online bestellen oder auch im nahen Ladengeschäft kaufen. Die Angebote der lokalen Händler werden zugleich auf dem nationalen Ebay-Marktplatz gelistet. Händler erhöhen so ihre Chancen, in ganz Deutschland Kund:innen zu erreichen. Klinck glaubt damit den Knoten gelöst zu haben, den er als klassisches „Henne-Ei-Problem“ bezeichnet: Jeder Online-Marktplatz benötige vom Start weg ein vielfältiges Angebot, um für Käuferinnen und Käufer attraktiv zu sein. Daran fehlt es rein lokalen Plattformen jedoch in der Regel gerade zu Beginn. Aus dem mangelnden Käuferinteresse ergeben sich dann bei den Händlern enttäuschende Umsätze, das Interesse erlahmt, das Ganze gerät ins Stocken.

 

„Dieses Problem können wir von Anfang an überbrücken“, versprach Klinck und berief sich darauf, dass sich in den zehn Städten sofort insgesamt mehr als 4000 gewerbliche Händler mit einem Angebot von über 2,5 Millionen Artikeln beteiligen würden. Sie träfen in den lokalen Portalen auf ein Potenzial von einer halben Million aktiven Käufer:innen. So viele Personen hätten allein in den zehn beteiligten Städten letztes Jahr auf Ebay eingekauft. „Im stationären Handel beschreiben drei Kriterien einen Standort: Lage, Lage und Lage. Bei einem Online-Marktplatz ist es Reichweite, Reichweite und Reichweite“, stimmte Tromp zu. „Das ist das große Problem der rein lokalen Online-Marktplätze: Ihre Reichweite ist zu gering.“

 

Beobachter sind sich dennoch nicht sicher, ob diesmal ein Durchbruch gelingt. Für kleine und mittlere Händler biete die Ebay-Initiative zwar eine gute Chance für den Einstieg in die Digitalisierung, meinte der E-Commerce-Experte Mark Steier. Allerdings sei der Prozess der Aufnahme in den Ebay-Marktplatz für ungeübte kleine Händler komplex, etwa was die Bereitstellung der Artikelmerkmale oder die Staffelung der Versandkosten angehe. Zudem stelle Ebay mit seinen Kleinanzeigenseiten quasi eine hauseigene Konkurrenz für die neuen Lokal-Marktplätze bereit, jedenfalls für kleine Händler. Dies gelte umso mehr, als die Bezahlung inzwischen mit einem gebührenpflichtigen Treuhandservice gegen Betrug gesichert werden könne – für Verkaufsprofis ein entscheidender Punkt.

 

Doch der Bedarf, analoge und digitale Vertriebswege enger zu verknüpfen, bleibt groß. Zwar verfügen nach einer Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI 54,2 Prozent der Online-Anbieter auch über zumindest einen Laden. Doch umgekehrt verkaufen erst rund 45 Prozent der stationären Händler auch über das Internet. Dabei muss es nicht immer der eigene Onlineshop sein. Häufig werden auch reine Online-Marktplätze wie Ebay oder Marktplatzbetreiber mit eigenen Verkaufsaktivitäten wie Amazon, Zalando oder Otto.de genutzt – oder alles parallel. Dazu kann der Vertrieb über soziale Netzwerke mit Verkaufsfunktion wie Instagram kommen.

 

Digitale Total-Verweigerer allerdings haben es zunehmend schwer. Nach Umfragen gehen 80 bis 90 Prozent der Schuh-, Mode- und Spielwarenhändler von „deutlichen Umsatzeinbußen“ im Lockdown aus – egal, ob ihre Läden in der Innenstadt oder in sogenannten Nebenlagen liegen. Das Ebay-Programm sei darauf ausgerichtet, Einsteigern den Schritt in die Digitalisierung möglichst leicht zu machen, versicherte Klinck. Neulinge erhalten nach seinen Angaben für ein halbes Jahr Beratung und Service von Ebay-Spezialist:innen kostenlos. Für die ersten drei Monate zahlten sie auch keine Verkaufsprovision. Diese beträgt in der Regel mindestens rund zehn Prozent des Verkaufspreises.

 

Die Frage, ob der Einstieg ins Internet zur jeweiligen Geschäftsstrategie passe, müsse jeder Kaufmann und jede Kauffrau am Ende für sich allein beantworten, so Stephan Tromp vom HDE. Denn wer über Ebay verkaufe, teile die Kundendaten, die viele Kaufleute wie einen Schatz hüten, mit dem Marktplatz. „Es ist eine unternehmerische Entscheidung, ob ich das als Händler will oder nicht.“