Brüchige Lieferketten 

Logistiker haben es derzeit nicht leicht. Politische Unwägbarkeiten bedrohen die Branche und teils sogar die Existenz von Unternehmen. Gleichzeitig müssen sie Antworten auf die Trends der Zukunft finden.
Illustration: Napal
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Axel Novak Redaktion

Coronapandemie, Lockdowns, militärische Konflikte – Unternehmen müssen heute mit sehr vielen Unwägbarkeiten rechnen. „Der Krieg in der Ukraine und die Covid-Politik Chinas schwächen das Wachstum der europäischen Wirtschaft erheblich. Die Erholung im Bereich der Dienstleistungen setzt sich fort, aber die Industrie leidet unter Lieferengpässen und teuren Rohstoffen“, sagt BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang.

Die ganze Wirtschaft ächzt unter den Auswirkungen der gestörten Lieferketten und der gestiegenen Energiepreise. Entsprechend düster sehen die Fachleute die Aussichten für die Logistikbranche: „Bevor wir vielleicht irgendwann in 2023 eine Besserung erwarten können, wird die Situation bei den Lieferketten und Rohstoffen in den nächsten Monaten deutlich schlimmer werden. Darauf müssen sich Unternehmen wie Verbraucher einstellen“, sagt Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik (BVL).

Daran ändert auch ein Trend nichts, der schon seit Längerem als eigentlich logische Antwort auf die brüchigen Lieferketten gilt: die Rückverlagerung internationaler Produktion nach Deutschland oder ins nahe Ausland. Doch bislang haben nur wenige Unternehmen begonnen, Aufträge wieder hier statt in asiatischen Ländern zu vergeben. Der Grund ist simpel: Die Kosten sind einfach zu hoch.

Denn die Verlagerung von Lieferketten würde die Produktionskosten anheben, die beispielsweise in Asien deutlich geringer sind. Diese Kosten aber würden viele Unternehmen an ihre Kunden weitergeben – die Folge wären massive Teuerungen für viele Produkte. Auch volkswirtschaftlich würde Near- oder Re-Shoring, wie der Trend heißt, wenig Sinn ergeben: „Wenn wir ausgelagerte Teile der Wertschöpfung nach Deutschland zurückholen, führt das dazu, dass weniger wettbewerbsstarke Tätigkeiten plötzlich große Anteile im Mix der deutschen Wertschöpfung gewinnen. Die damit verbundene geringere Produktivität würde die Wirtschaftskraft schwächen“, sagt Lisandra Flach, Leiterin des Zentrums für Außenwirtschaft des ifo Instituts.

Stattdessen machen die Unternehmen ihre Lieferketten mit anderen Maßnahmen widerstandsfähiger. Der Kreditversicherer Euler Hermes und die Allianz haben global tätige Unternehmen nach ihren Vorhaben nach der Pandemie befragt. Die Antwort: Viele Unternehmen haben sich gegen Lieferausfälle versichert, ihre Lagerbestände aufgestockt, ihre Bezugsquellen und Lieferanten erhöht und Notfall-Lieferanten als Backup eingegliedert. Doch vor allem überwachen sie ihre Supply Chains sehr viel genauer.

Die Grundlage für bessere Überwachung und mehr Transparenz in den Lieferketten ist eine möglichst hohe Digitalisierung in Handel und Industrie genauso wie bei den Logistikdienstleistern. Da ist die Lage allerdings zwiespältig: Zwar hat die Coronakrise einen echten Digitalisierungsschub im deutschen Mittelstand insgesamt ausgelöst. Doch nach wie vor haben ein Viertel der 3,8 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland keine Digitalisierungsstrategie, wie Wissenschaftler von KfW Research im aktuellen Mittelstandspanel festhalten. „Bisher liegt die hiesige Wirtschaft hinsichtlich der Anwendung digitaler Technologien im europäischen Vergleich lediglich im Mittelfeld“, konstatiert Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW. Vor allem Datenschutz und Datensicherheit, nicht ausreichende digitale Infrastruktur und fehlende IT-Kompetenzen im Unternehmen hemmen die Unternehmen.

Andere Studien zeigen jedoch, dass zumindest die Logistiker bei der Digitalisierung die Nase vorn haben: Eine überdurchschnittlich hohe Quote der Digitalisierung stellen die Deutsche Telekom und das Analystenhaus Techconsult im Digitalisierungsindex Mittelstand 2021/2022 fest. Trotz der wirtschaftlichen Einschränkungen 2021 liege die Branche immer noch deutlich über dem Durchschnitt in Deutschland. „Die Anforderung, immer schneller reagieren zu müssen bei gleichzeitig steigender Komplexität, sei es durch Covid-19-Lockdowns, Containerstaus oder verändertes Kaufverhalten, machen die Digitalisierung notwendiger denn je“, sagte Thomas Spreitzer von Telekom Deutschland im Fachmagazin Logistik heute. „Die Branche wird auch in Zukunft zu den digitalen Vorreitern zählen.“

Und dann gibt es noch die ganz klassischen, analogen Methoden, um krisensicherer die Lieferketten zu gestalten, nämlich durch gute und traditionelle Geschäftsbeziehungen, die in regelrechte Partnerschaften münden. „Wenn Unternehmen frühzeitig ihr Risikomanagement angepasst und zusätzliche oder alternative Lieferanten erschlossen haben, wenn die Beziehungen zu Reedereien und Speditionen langfristig gepflegt wurden und so noch Kapazitäten verfügbar waren, sind sie weniger stark betroffen“, sagt BVL-Chef Wimmer. Dazu gehören langfristige Beziehungen zwischen Verlader und Logistikern auf der einen Seite genauso wie zwischen diesen und den Transporteuren, den Reedern, Airlines oder Bahnen.

Heute allerdings berichten schon Unternehmen davon, dass diese guten Beziehungen brüchiger werden. Partnerschaften zerbrechen am Geld: Die oft immensen Kostensteigerungen sind oft nur aufzufangen, wenn die Unternehmen sich nach noch günstigeren Partnern, Zulieferern und Dienstleistern neu umschauen.

Der Suche nach günstigeren Möglichkeiten sind aber mittlerweile Grenzen gesetzt: „Es droht schlicht und ergreifend eine Insolvenzwelle im deutschen Transportlogistikgewerbe“, mahnt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Viele Betriebe können die hohen Kraftstoffpreise nicht mehr zahlen. Hinzu kommt der Fahrermangel, den der Krieg in der Ukraine noch verschärft. Die Folge: Der Verband sieht die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft in Gefahr. Höhere Spritpreise würden sich über kurz oder lang auch in Alltagsprodukten im Supermarkt niederschlagen. Die jetzt schon arg angespannten Lieferketten würden noch mehr unter Druck geraten.

 

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