Gewinne machen mit Verlusten

Dezember 2019 | Die Welt | Geld

Gewinne machen mit Verlusten

Anleihen, auch Renten genannt, sind ein komplexes Anlageuniversum. Privatanleger können mit ihnen ihr Risiko streuen. Dies gelingt am besten mit Rentenfonds.

Illustration: Jasmin Mietaschk
Andrea Hessler / Redaktion

Früher war alles besser. Das könnten zumindest konservative Anleger denken, die Jahrzehnte daran gewohnt waren, ihr Geld in festverzinsliche Titel, sogenannte Renten, wie Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen zu investieren und so eine ordentliche Rendite zu erwirtschaften. Anleihen sind Kredite (der Fachbegriff ist Schuldverschreibungen), die Investoren an Staaten, Kommunen oder Unternehmen geben. Die Herausgeber der Anleihen müssen ihren Gläubigern den vereinbarten Zins bezahlen. Am Ende der festgelegten Laufzeit erhält der Anleihe-Gläubiger sein Kapital zurück. Oder der Schuldner kann nicht zahlen, was immer wieder vorkommt (Griechenland und Argentinien sind unrühmliche Beispiele), aber die meisten Anleiheschuldner verhalten sich vertragsgemäß.


Lange Zeit war dies gängige Praxis. Aber: Die Zeiten ändern sich. „Rentenpapiere im Umfang von 13,3 Billionen Dollar werfen heute keinen Zins mehr ab“, gibt Georg Graf von Wallwitz zu bedenken. Der studierte Philosoph ist Geschäftsführer der Münchner Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH und wundert sich, dass „sogar kurzlaufende griechische Staatsanleihen negativ verzinst sind – dass ich das noch erleben darf!“ Und nicht nur sichere Staaten bestrafen ihre Anleihe-Gläubiger mit Minus-Renditen. Sogar erfolgreiche und kapitalkräftige Unternehmen wie Nestlé und Siemens können es sich inzwischen leisten, Anleihen mit negativer Rendite zu begeben.


Warum also noch Anleihen kaufen? Und sehenden Auges in ein Minus-Geschäft investieren? Es geht um Sicherheit. Viele Investoren nehmen vergleichsweise geringe Verluste in Kauf, um ihr Geld sicher zu parken; also bezahlen sie solventen und sicheren Staaten und Unternehmen quasi eine Parkgebühr und akzeptieren von vornherein eine negative Rendite. Ihr Motiv: Das Ausnutzen – ähnlich wie bei Aktien – von Kursbewegungen, das auch bei Anleihen eine immer größere Rolle spielt. Dies zeigt ein Blick auf den Bloomberg Barclays Global Aggregate Index, der sich aus mehr als 20.000 verschiedenen Anleihen weltweit zusammensetzt und deren Kursbewegungen abbildet; seit Jahresanfang hat dieser Index um rund 6 Prozent zugelegt. „Und das, obwohl seine laufende Verzinsung bei nur rund 1,37 Prozent liegt“, so von Wallwitz.
Wie konnte das passieren?

 

Nachfrage nach sicheren Anleihen ungebrochen

 

Trotz der niedrigen Verzinsung gibt es immer noch gute Gründe, in Anleihen zu investieren. So kaufen die Zentralbanken in Europa, den USA und Japan weiter Zinspapiere; die Nachfrage wird also voraussichtlich in absehbarer Zeit nicht einbrechen. Allerdings müssen Anleger mehr denn je darauf achten, was sie kaufen. Die Rendite einer Anleihe ergibt sich aus der Kombination von Kurs und dem festgelegten Zins, dem sogenannten Kupon. Es gilt hier die einfach Regel: Titel, die zu einem besonders günstigen Kurs angeboten werden oder eine hohe Zinszahlung versprechen, sind in der Regel auch besonders riskant.


Deutlich sichtbar wird dies anhand von Ratings, die Ratingagenturen wie Moody’s, Standard & Poor’s (S&P) und Fitch an Länder und Unternehmen vergeben. So hat die Deutsche Bank am 26.11.2019 eine Anleihe mit einem Kupon von 3,961 US-Dollar und einer Laufzeit bis 26.11.2025 begeben – ein vergleichsweise hoher Zinskupon für ein Dax-Unternehmen. Eine Ursache könnte sein, dass Fitch die Kreditwürdigkeit der Deutschen Bank herabgestuft hat und Moody’s droht, dies ebenfalls zu tun. Eine Anleihe der Central China Real Estate Ltd. hat einen Zinssatz von 8,75 Prozent und spiegelt damit das Rating von S&P wider; mit B+ gilt sie als hoch spekulativ.

 

Gewinn auch mit negativ verzinsten Anleihen


 
Versierte Anleger nutzen Anleihen nicht nur zur Risikostreuung in ihrem Portfolio. Sie schaffen es sogar, Verluste von Anleihen mit negativer Rendite in Gewinne umzuswitchen. Verluste entstehen nur, wenn die negativ verzinste Anleihe bis zum Ende der Laufzeit gehalten wird. „Doch viele Anleger beabsichtigen dies gar nicht“, sagt Kristjan Mee aus der Abteilung Strategie, Research und Analytics der Schroder Investment Management GmbH in Frankfurt. „Anleger, die der Meinung sind, dass die Renditen wahrscheinlich weiter fallen werden, könnten Anleihen mit negativer Rendite in der Erwartung kaufen, dass sie von Kapitalgewinnen profitieren werden, sollte sich ihre Einschätzung als korrekt erweisen.“ Sinken die Zinsen weiter, steigen die Kurse jener Anleihen, die bereits auf dem Markt sind und einen höheren Kupon haben. „Daraufhin könnten sie die Anleihen einfach verkaufen und den Kapitalgewinn einstreichen“, so Mee.


So verzinste sich eine 10-jährige Staatsanleihe der Schweiz am Jahresanfang zu -0,1 Prozent. Ende August lag sie bereits bei einem Ertrag von 5,6 Prozent. Negative Anleiherenditen sind also kein Hindernis für positive Erträge. Aber Vorsicht: Natürlich trifft dies auch anders herum zu. Steigen die Renditen entgegen der Erwartung, so sinkt der Kurs und damit der Ertrag der älteren Anleihen. Dann drohen beträchtliche Verluste.


 
Rentenfonds streuen Risiko

 

Außerdem ist das Investment in Anleihen für Privatanleger auch aus einem anderen Grund schwieriger als der Kauf von Aktien. Aktien kann ein Anleger auch in kleinen Stückelungen direkt selbst kaufen. Notwendig sind  lediglich ein Bankkonto und ein Depot. Der Markt der Anleihen ist hingegen für Privatanleger kaum direkt zugänglich. Es gibt deutlich weniger Informationen als zu Aktien und man muss in der Regel mindestens Papiere für einen sechsstelligen Betrag kaufen. Die Alternative sind Rentenfonds. Diese haben meist – im Gegensatz zu Anleihen – keine Fälligkeit. Die Fondsmanager kaufen und verkaufen Anleihen, um eine möglichst lukrative Zusammensetzung ihres Portfolios zu erreichen bei möglichst geringem Risiko. Bei der Auswahl des Fonds sollte ein Anleger sich darüber im Klaren sein, welches Risiko er akzeptiert. So wird ein Fonds mit Anleihen, die Investmentgrade haben (bei S&P ist das ein Rating mit mindestens BBB), in der Regel eine geringere Rendite haben als ein Fonds, der auch Papiere mit schlechterem Rating enthält wie etwa die Anleihe des Immobilienunternehmens Central China Real Estate Ltd.