Bulle oder Bär?

Februar 2021 | Die Welt | Geld

Bulle oder Bär?

Wie wird sich der Finanzmarkt 2021 entwickeln? Eines ist sicher: Der Run auf den Aktienmarkt ist ungebremst. Noch nie gab es in Deutschland so viele Aktionäre.

Illustrationen: Jasmin Mietaschk
Julia Thiem / Redaktion

Wenn der Großteil der Deutschen im Coronajahr 2020 eines hatte, dann Zeit. Es wurden Keller entrümpelt, Gärten, Wohnungen und Häuser neugestaltet und offensichtlich auch die eigenen Finanzen einer gründlichen Prüfung unterzogen. Das Meinungsforschungs-Start-up Civey hat für das Magazin Finance Forward Anfang Februar dieses Jahres in einer repräsentativen Erhebung rund 5.000 Menschen befragt. Mindestens vier Millionen Deutsche sind demnach neu am Aktienmarkt. Besonders zwei Gruppen haben sich an Aktien, ETFs und Fonds gewagt: Zum einen die Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen, zum anderen vorwiegend Männer. Außerdem zeigt die Umfrage, dass die Gesamtzahl der Aktienbesitzer in Deutschland den Wert des Dotcom-Hypes aus dem Jahr 2001 übersteigt.

 

Grundsätzlich sind das gute Nachrichten. Allerdings wissen viele noch zu gut, wie der Traum vom neuen Markt in 2001 für viele Privatanleger letztendlich in Form einer Blase geplatzt ist. Daher ist aktuell die Frage mehr als berechtigt, ob der Run auf Aktien also wieder ein Indiz dafür ist, dass die Märkte heiß laufen.

 

Zunächst einmal muss man festhalten, dass sich die Geldanlage mit der anhaltenden Niedrigzinsphase drastisch verändert hat. Wir leben de facto in einer Welt mit negativen Zinsen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil: Eine Auswertung der Österreichischen Nationalbank zeigt beispielsweise, dass es seit den Sechzigern tatsächlich mehr Phasen mit negativen Realzinsen gab als mit positiven. Neu ist jedoch, dass nicht die Inflation die Zinsen auffrisst, sondern es nominal keine Zinsen mehr für Sparer gibt – und das schon sehr lange: Seit 2000 gab es bis auf eine kurze Ausnahme fast nur negative Realzinsen. Eine derart lange Durststrecke haben Sparer bisher noch nicht durchstehen müssen.

 

Aus Sparern müssen zwangsläufig Anleger werden

Im Umkehrschluss müssen damit aus Sparern zwangsläufig Anleger werden, womit sich auch die grundsätzlich höhere Risikobereitschaft erklären lässt. Vermutlich hat das Platzen der Dotcom-Blase etwas damit zu tun, dass dieser Prozess – zumindest in Deutschland – verhältnismäßig lange gedauert hat. Mittlerweile ist aber wohl allen klar, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sich das eigene Kapital auch auf dem Sparbuch erhöht, was das Ergebnis der Civey-Umfrage nun einmal mehr belegt.

 

Hinzu kommt, dass die Notenbanken mit ihrer expansiven Geldpolitik die Märkte fluten – und diese steigende Geldmenge muss irgendwohin. Aktuell zieht es Anleger dabei vornehmlich in Sachwerte: Mitte Februar lag der Goldpreis bei knapp 1.900 US-Dollar je Unze, der Dax hat die 14.000-Marke geknackt, an der auch der US-Tech-Index Nasdaq rüttelt. Der Dow Jones versucht sich an den 32.000 Punkten.

 

Zeitgleich rechnen immer mehr Experten mit einer steigenden Inflation – auch hierfür sind die negativen Realzinsen und der damit einhergehende Wertverlust von Spareinlagen verantwortlich, der letztendlich die Kaufkraft verringert. Allerdings gibt es derzeit auch grundlegende deflationäre Kräfte in der Wirtschaft, wie Zehrid Osmani, Head of Global Long-Term Unconstrained bei Martin Currie, dem spezialisierten Investment Manager von Franklin Templeton, unterstreicht: „Vor allem der technologische Fortschritt sowie sich schnell umwälzende Trends wirken deflationär. Zudem rechnen wir mit einer begrenzten Lohninflation infolge der pandemiebedingten Verschlechterung auf dem Arbeitsmarkt – ein Umstand, den wir weiterhin beobachten werden.“ Dennoch dürfte 2021 aus makroökonomischer Sicht ein Jahr mit starkem Wachstum der Unternehmensgewinne werden, glaubt Osmani, weshalb der Experte insgesamt positiv für das aktuelle Jahr gestimmt ist: „Wir sind der Ansicht, dass das Jahr 2021 von einem starken wirtschaftlichen Aufschwung geprägt sein wird. Das deutlich schwieriger einzuschätzende Ausmaß dieses Aufschwungs dürfte hingegen bestimmen, ob wir einen Bullen- oder Bärenmarkt erleben. Wir glauben, dass viel von der Geschwindigkeit beeinflusst wird, mit der umfangreiche fiskalische Anreizmaßnahmen in die Realwirtschaft gelangen. Die Entwicklung hängt also zu einem großen Teil von den politischen Entscheidungsträgern ab.“

 

Einen weiteren Trend für das aktuelle Jahr sieht Osmani in der wachsenden Bedeutung von ESG-Kriterien bei Anlegern, also Aspekte, die sich positiv auf die Umwelt, Soziales oder die Unternehmensführung auswirken. Und hier stimmen andere Experten mit ein. „In Bezug auf das verwaltete Vermögen und die registrierten Zuflüsse sowie die globalen regulatorischen Fortschritte erlebten ESG- und nachhaltige Anlagen in 2020 ein Ausnahmejahr. Diese positive ESG-Dynamik wird sich wahrscheinlich auch 2021 fortsetzen“, sagt beispielsweise Ophélie Mortier, Sustainable and Responsible Investment Strategist bei DPAM. Und das nicht nur auf Aktienseite, wie die Expertin weiter ausführt: „Seit einigen Jahren weisen wir auf die Rekordemissionen von grünen Anleihen hin. Das Jahr 2021 wird in dieser Hinsicht keine Ausnahme bilden, auch wenn es wahrscheinlich eine Diversifizierung in Richtung sozialer und nachhaltiger Anleihen geben wird. In Europa erwarten wir 75 bis 100 Milliarden Euro an gelabelten Unternehmensanleihen, verglichen mit etwa 50 Milliarden Euro in den ersten elf Monaten des Jahres 2020.“

 

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass 2021 spannend bleibt. Viele Entwicklungen am Kapitalmarkt hängen zwar davon ab, wie und vor allem wann die großen Volkswirtschaften durch die Corona-Pandemie kommen. Andererseits scheinen sich die Aktienmärkte auch in 2021 ein Stück weit unabhängig von den wirtschaftlichen Kennzahlen zu entwickeln – getrieben vom am Markt vorhandenen Kapital, das vor allem seinen Weg in Richtung Sachwerte findet. Und dann sind da noch die übergeordneten Trends wie die zunehmende Digitalisierung oder eben Nachhaltigkeit, die sich als Kapitalanlagethemen immer weiter etablieren. Chancen wird es also auch in diesem Jahr geben – für alle, die danach suchen.