»Der digitale Euro wird kommen«

September 2019 | Capital | Finance 4.0

»Der digitale Euro wird kommen«

Wie wird die Digitalisierung, wie werden Kryptowährungen und die Blockchain unseren Umgang mit Geld verändern?

Illustration: Volker Sträter
Interview: Gunnar Leue / Redaktion

Ein Interview mit Prof. Dr. Gilbert Fridgen, Professor für Wirtschaftsinformatik und Nachhaltiges IT-Management, über den grundlegenden Wandel des Finanzwesens für Verbraucher, Finanzdienstleister und Staaten.

 

Die Deutschen lieben ihr Bargeld. Werden sie sich trotzdem auf dessen Abschaffung einstellen müssen?
Ich denke nicht, dass es bald zu einer Abschaffung des Bargelds kommen wird. Für die Wirtschaft ist der Bargeldverkehr allerdings eine teure Sache. Wenn sie stärker auf elektronische Zahlungsverfahren setzt, der Komfort für die Nutzer steigt und gleichzeitig auch deren Vertrauen in das bargeldlose Bezahlen, dann wird es sich ganz automatisch durchsetzen.

 

Könnte man die Entstehung von Kryptogeld als größte Revolution im Zahlungswesen seit der Erfindung von Münzen und Papiergeld bezeichnen?
Die größere Revolution war sicher der elektronische Zahlungsverkehr. Kryptowährungen sind ja praktisch nur eine neue Hybridform zwischen Bargeld und elektronischem Zahlungsverkehr, weil man elektronisches Geld auf seinem eigenen Wallet (einer Art digitaler Brieftasche/d.R) in der eigenen Verfügbarkeit hat. Es unterliegt nicht mehr dem Zugriff einer Bank oder eines anderen Intermediärs, was für manche Kunden von Interesse ist. Trotzdem bin ich von den üblichen Kryptowährungen noch nicht besonders überzeugt.

 

Warum? Neben dem Bitcoin als ältester Digitalwährung gibt es inzwischen noch viele weitere Kryptowährungen. Die halten Sie nicht für relevant?
Digitalwährungen wurden mit dem Bitcoin in den Jahren 2015 und 2016 zum ersten Mal gehypt. Zu der Zeit entstanden viele Nachahmer mit kleinen technischen Veränderungen und neuem Namen. Diese Kryptowährungen mit wenigen Teilnehmern existieren zum Teil noch, allerdings haben sie größtenteils Werte irgendwo im Cent- oder Euro-Bereich. Sie sind nicht wirklich relevant. Aber auch Bitcoin selbst ist nicht unproblematisch.

 

Berühmt-berüchtigt ist die außerordentlich hohe Volatilität des Bitcoinwerts, die extremen Hochs und Tiefs. Wie viel reale Hoffnung, wie viel Illusion steckt hinter dem Hype um die Kryptowährungen?
Ich glaube eine Mischung aus beidem. Generell sehe ich das Potenzial in den Kryptowährungen vor allem in der Verschlüsselungstechnik Blockchain und in der Automatisierung, die durch diese Technologie inklusive Zahlungsfunktion erreicht werden kann. Ein Beispiel: Künftig kann ein autonomes Elektroauto an einer Ladesäule die Aufladung direkt in Krypto-Cash bezahlen, ohne dass der Bezahlvorgang über ein zentrales System laufen muss. Wegen systemischer Risiken sollten wir unser Mobilitätssystem nicht abhängig vom Kommunikations- oder Finanzsystem machen. Das Potenzial für blockchainbasierte Zahlungen ist enorm. Die Frage ist nun, ob der Kunde sein Guthaben auf seinem persönlichen Wallet in einer Kryptowährung wie Bitcoin, Ether, Libra oder schlicht in Euro halten wird. Meines Erachtens sollte sich hier der Euro durchsetzen.

 

Warum glauben Sie das?
Ich denke, dass langfristig die Zentralbanken Kryptowährungen emittieren werden und es auch einen digitalen Euro geben wird, getrieben durch die Nachfrage aus der Wirtschaft. Die schwedische Reichsbank – die übrigens 1661 als erste Bank Papiergeld herausgab – testet bereits, ob sie die schwedische Krone als E-Krone emittiert. Den Bitcoin kann ich mir lediglich als eine Reservewährung vorstellen, weil er durch seine Unabhängigkeit von Staaten ähnlich wie Gold als langfristige Wertanlage betrachtet wird. Dass man den Bitcoin in Europa massenhaft als Zahlungsmittel verwenden wird, bezweifele ich.

 

Dagegen spricht sicher auch die extrem energieintensive Bitcoin-Herstellung, weshalb China gar das sogenannte Krypto-Mining verbieten will?
Die hohe Energieaufwendung betrifft im Wesentlichen den Bitcoin, wo die Technologie zur Herstellung nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik entspricht. Es gibt längst deutlich effizientere Verfahren. Zudem kann man Kryptowährungen auch ohne Mining etablieren, wenn sie durch Zentralbanken emittiert würden. Außerdem muss man berücksichtigen, dass diese Technologie andere Zahlungssysteme ablösen würde. Man müsste also gegenrechnen, was die aktuellen Zahlungssysteme an Energie verbrauchen: Bankmitarbeiter fahren heute mit dem Auto zu ihrer Arbeitsstelle, deren Bau auch Energie gekostet hat. Beim Parken bezahlen sie an einem Automaten, der Tickets ausdruckt und gewartet werden muss. Das brauchen sie alles nicht mehr, wenn die Zahlung mit einer Kryptowährung erfolgt. Auch wenn der gesparte Energieverbrauch schwer zu berechnen ist, muss man immer die Gesamtbilanz alternativer Systeme betrachten. So schwarzmalerisch sehe ich das Thema Energieverbrauch bei Blockchain daher nicht.

 

Trotzdem gehen die Meinungen darüber auseinander, welche Seite des Kryptogeldes stärker strahlt. Während Befürworter die finanztechnische Selbstbestimmung und Unabhängigkeit von Banken preisen, orten Kritiker das Problem genau in der Unkontrollierbarkeit der Digitalwährungen beziehungsweise ihrer Nutzung. Wie kritisch sehen Sie das negative Potenzial für Verbraucher und Staat?
Praktisch jeder technologische Fortschritt kann zum Guten wie zum Schlechten genutzt zu werden. Offene Kryptowährungen wie Bitcoin, die sich damit brüsten,  unregulierbar zu sein, halte ich aus gesellschaftlicher Perspektive nicht für erstrebenswert. Regulierung ist schließlich dafür gedacht, Marktversagen zu verhindern.

 

Mit der groß angekündigten neuen Kryptowährung Libra wird nun auch noch die Sozialplattform Facebook zum globalen, möglicherweise gar systemrelevanten Player in der Finanzbranche. Entsteht hier eine neue Weltwährung, kontrolliert von einem Privatunternehmen?
Im Prinzip ist Libra weniger eine Digitalwährung als vielmehr ein Bezahldienst sowie Geldmarktfonds mit normalen Währungen im Hintergrund wie Dollar, Euro, Yen oder Pfund, an dem man sich Anteile kaufen kann. Das Libra-System wird aber betrieben durch ein Industriekonsortium. Dabei kann man in der Tat hinterfragen, unter wessen Kontrolle das System langfristig gestellt sein sollte. Problematisch sehe ich momentan auch den Datenschutzaspekt. Derzeit erkenne ich noch nicht, wie das System mit der Europäischen Datenschutzgrundverordnung kompatibel sein soll.

 

Sollten Bitcoin oder Facebooks Libra dann nicht besser verboten werden?
Dazu würde ich auch nicht raten, weil man auf diese Weise schnell Innovationen in Europa kaputt machen kann. Wenn es aus Wirtschaft und Gesellschaft offenbar Bedarf gibt, sollte ein Staat Wege suchen, legale Alternativen anzubieten. Denken Sie an die Musikindustrie vor zwanzig Jahren, die über lange Zeit versuchte, mp3 und Filesharing zu unterbinden. Eingedämmt wurde das Raubkopieren dann durch legale Alternativen, angefangen mit iTunes, das heißt durch ein komfortables Angebot, Musik aus dem Netz herunterzuladen. Wenn es heute das Bedürfnis gibt, mit Kryptowährungen zum Beispiel Autos an der Elektrosäule aufzuladen, dann müssen wir dafür legale Wege finden.

 

Beim Geld geht es aber nicht um Musik, sondern um staatliche Hoheitsgewalt und letztlich eine funktionierende Gesellschaft.
Das hinter Libra stehende Industriekonsortium geht in der Tat in ein Metier, in dem üblicherweise Zentralbanken als demokratisch legitimierte Institutionen agieren. Ich glaube allerdings nicht, dass es das Hauptziel ist, massenhaft Leute aus dem Euro in die Libra zu locken und es als dominierendes Zahlungsmittel aufzubauen. Eher versucht dieses Konsortium wohl, mit Währungs- und Bankthemen die sogenannten „unbanked“ zu erreichen – auch in Konkurrenz zu den chinesischen Angeboten WeChat Pay und Alipay.

 

Den Banken kann diese Neuordnung der Finanzbranche kaum gefallen. Wie sehen Sie die Zukunftsaussichten der Geldhäuser?
Grundsätzlich positiv, wenn sie den digitalen Wandel mitgehen. Viele Geldhäuser hinken jedoch hinterher. Die Finanzdienstleistungsbranche hat zum Teil extrem veraltete Systemlandschaften und muss jetzt heftig investieren.  Bis sie dabei auf einem Niveau ankommt, um selbst Innovationen vorantreiben zu können, wird es wohl noch dauern. Aktuell gibt es aber viel versprechende Ansätze der Banken, sich als Plattformanbieter für FinTech-Unternehmen zu positionieren. Umgekehrt ist es keineswegs so, dass Facebook von heute auf morgen in der Lage wäre, ein komplettes Portfolio an Bankdienstleistungen anzubieten. Trotzdem sieht man, dass branchenfremde Unternehmen zunehmend in das Geschäft einsteigen. Welche Geschäftsbereiche und damit welche Banken es wie stark betrifft, wird sich zeigen.

 

Konkrete Zukunftsprognosen sind noch schwieriger als Krypto-Mining. Aber wie wird sich die Finanzwirtschaft, speziell das Bankwesen, Ihrer Meinung nach entwickeln?
Auch wenn Kreditvergabe, Vermögensverwaltung und Unternehmensfinanzierungen  Kernthemen der Banken bleiben dürften, wird es Verschiebungen in ihren Geschäftsmodellen geben. Ich glaube übrigens nicht, dass Facebook in die Vermögensberatung oder Unternehmensfinanzierung einsteigen wird, aber ich kann mir vorstellen, dass die Verfügbarkeit von User-Daten neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Banken sind ja abhängig vom Wissen über ihre Kunden. Hier sind die Tech-Konzerne im Vorteil, weshalb sie spezifischere Angebote machen können. Die Banken müssen darauf achten, den Kontakt zu ihren Kunden zu halten.

 

Wie könnte das in der Praxis aussehen?
Wenn Facebook oder Google zum Beispiel aus meinen Aktivitäten ableitet, dass ich wohl gerade über einen Hausbau nachdenke, kann es diese Information an den höchst bietenden Anbieter von Finanzierungsprodukten weiterverkaufen. Es mag also sein, dass die Hausfinanzierung am Ende nach wie vor über die Bank abgewickelt wird, aber dazwischen steht plötzlich ein Intermediär. An den zahlt die Bank quasi die Provision, die der Bankberater früher selbst kassiert hat, weil er seine Kunden gut kannte und wusste, wenn der vorhat zu bauen. Heute wissen die Banken im Vergleich viel zu wenig über ihre Kunden: Persönliche Bankberatung wurde zu teuer, in Digitalisierung wurde zu spät und zu unstrukturiert investiert. Hier gibt es eine Menge Nachholbedarf, verloren ist aber noch nichts. ■

 

 

Prof. Dr. Gilbert Fridgen
ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Nachhaltiges IT-Management an der Universität Bayreuth sowie stellvertretender Leiter der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT).