Schneller wohnen

Der Wohnungsbau mit vorgefertigten Elementen spart Zeit und Kosten ein. Nachhaltig ist serielles Bauen aber nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Illustration: Danae Diaz
Illustration: Danae Diaz
Julia Thiem Redaktion

Nicht schön, aber praktisch – das war vermutlich die Prämisse der Großtafelbauweise in der DDR, besser bekannt als Plattenbau. Ziel war es, schnell und günstig Wohnraum zu schaffen. Und dafür wurden vorgefertigte Betonelemente eingesetzt, die auf der jeweiligen Baustelle nur noch zusammengefügt werden mussten.

Heute steht die Bauwirtschaft wieder vor ähnlichen Herausforderungen: Wohnraum ist knapp, und theoretisch müsste alle 80 Sekunden eine neue Wohnung fertiggestellt werden, um die Ziele im Koalitionsvertrag, nämlich 400.000 Wohnungen pro Jahr, einzuhalten. Gleichzeitig überschreitet der Gebäudesektor nach wie vor die Jahresemissionsmenge gemäß des Klimaschutzgesetzes, wie Analysen des Umweltbundesamtes nun zeigen. Zwar konnten die Emissionen 2022 um 5,3 Prozent verringert werden, was die Experten allerdings vorrangig auf die gestiegenen Energiepreise zurückführen und nicht etwa auf ein grundsätzliches Umdenken. Auch hier besteht also akuter Handlungsbedarf.

Richten soll es nun das serielle Bauen. Wobei hier wohl erst einmal das Image aufpoliert werden muss. Denn noch immer halte sich bei vielen das Vorurteil, bei seriellem Bauen handle es sich um „Plattenbau 2.0“. Das sei nicht der Fall, betont etwa Dr. Andreas Mattner, seines Zeichens Präsident des Zentralen Immobilien Ausschusses. Wobei: „Platte 2.0“ ist gar keine schlechte Umschreibung dafür, was serielles Bauen heute kann. Denn die Idee ist durchaus die gleiche: Vorgefertigte Materialien oder ganze Module werden zentral hergestellt und auf der eigentlichen Baustelle nur noch zusammengefügt.

Damit könnten seriell gefertigte Wohnbauten als eine Teillösung für das Wohnungsproblem in deutschen Großstädten dienen, glaubt auch ein Zusammenschluss aus Bundesbauministerium, dem Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW und des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, die nun gemeinsam ein neues europaweites Ausschreibungsverfahren für zukunftsweisende Konzepte des seriellen und modularen Wohnungsbaus gestartet haben. „Ziel ist es, bis Herbst 2023 eine neue Rahmenvereinbarung ‚Serielles und modulares Bauen 2.0‘ zu schaffen“, heißt es. Dabei sollen auch Nachhaltigkeitsaspekte sowie ein möglichst geringer CO2-Fußabdruck berücksichtigt werden. Wie, wird jedoch nicht weiter ausgeführt.

Nachwachsende oder natürliche Materialien
 

Denn per se nachhaltig sei serielles Bauen nicht, sagt Lennart Haverkamp. Er ist Geschäftsführer der Walo Holz GmbH, die in Norddeutschland das Schweizer Steko-Wandsystem vertreibt – quasi ein Lego-Bausystem aus Holz. Haverkamp betont, dass die Nachhaltigkeit des seriellen Bauens von verschiedenen Faktoren abhängt: „Der stärkste Faktor ist die Auswahl der verwendeten Materialien. Um die Nachhaltigkeit im Bausektor zu verbessern, sollten nachhaltige, im besten Fall sogar nachwachsende oder natürlich vorkommenden Materialien verwendet werden, erneuerbare Energiequellen genutzt sowie Recycling- und Wiederverwendungspraktiken mitgedacht werden.“

Und so weit ist das serielle Bauen an vielen Stellen noch nicht. Denn vorrangig sparen vorgefertigte Materialien und Module erst einmal Zeit und Geld, wie eine aktuelle Studie der BayWa AG und der Unternehmensberatung EY zeigt. „Beim elementbasierten Bau lassen sich beispielsweise bei einem Mehrfamilienhaus mit etwa 25 Wohneinheiten bis zu 15 Prozent der Kosten einsparen“, erläutert Björn Reineke, Partner bei EY-Parthenon. Zudem seien viele Prozesse unabhängig von Witterungsbedingungen. und auch die hohe Fragmentierung von Arbeitsteilung werde zum Teil aufgehoben. Und ein hoher Grad an Vorfertigung mindere die Fehlerquote, verhindere Verzögerungen und mache den Betrieb auf der Baustelle effizienter und sicherer. Zeitlich könne die Verlagerung eines Teils der Wertschöpfung in die Werkshalle den Bauprozess sogar um bis zu 30 Prozent verkürzen, heißt es in der Studie.

Materialverbrauch kann reduziert werden


Haverkamp wirft noch den Vorteil Ressourceneffizienz in die Waagschale: „Serielles Bauen ermöglicht eine effiziente Nutzung von Baumaterialien. In einer Fertigungsstätte können Materialien präzise zugeschnitten und optimiert eingesetzt werden, wodurch der Materialverbrauch reduziert werden kann.“ Im Stekosystem können Module sogar ein zweites oder drittes Mal wiederverwendet werden, was in Summe ein deutlich nachhaltigeres Bauen ermöglicht.

Wenn dann auch Transport und Logistik der fertigen Elemente von der Fabrik zur Baustelle gut geplant sind, dürfte das serielle Bauen auch hier CO2 einsparen. Davon ist man auch bei der Gröner Group überzeugt. Ex-CDU-Kanzleramtsminister und jetzige Geschäftsführer Ronald Pofalla sagt dazu bei der Vorstellung der Unternehmensstrategie: „In Summe all unserer Maßnahmen reduzieren wir den CO2-Ausstoß von der Planung über den Bau bis hin zur Bewirtschaftung um 80 Prozent.“ Dafür setze man auf Technologie, genauer gesagt Building Information Modeling, sowie Prefabrication, der Anglizismus für serielles Bauen.

Ob sich serielles Bauen gerade mit Blick durch die Nachhaltigkeitsbrille durchsetzt, hängt sicherlich auch von den politischen Rahmenbedingungen ab, die nun geschaffen werden müssen. Jan-Hendrik Goldbeck, Geschäftsführer des gleichnamigen Bauunternehmens, forderte im Rahmen einer Expertenrunde in Berlin Anfang Mai beispielsweise die Aufhebung der Geschossigkeit, weil diese Vorgaben an vielen Stellen nicht wirtschaftlich seien. Für Lennart Haverkamp wäre eine Änderung der Bauordnungen der Länder zugunsten nachhaltiger Bauweisen ein klares politisches Signal. Auch eine vereinfachte Zulassung neuer, innovativer, CO2-neutraler Baustoffe würde die deutsche Baubranche aus seiner Sicht auf den richtigen Weg bringen.

Einen Vorteil hat das heutige serielle Bauen gegenüber der Platte von damals aber schon einmal definitiv: Die Optik hat sich deutlich verbessert. Als Laie erkennt man nicht, ob ein Einfamilienhaus oder Bürogebäudekomplex auf traditionelle Weise oder nach dem Baukastensystem entstanden ist. Und das dürfte zumindest die Akzeptanz der künftigen Bewohner und Nutzer deutlich erhöhen.
 

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