Wann lohnen sich alternative Finanzierungsquellen?

Juli 2015 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Wann lohnen sich alternative Finanzierungsquellen?

Das Vertrauen in den Markt ist zwar erschüttert, trotzdem bleibt die Ausgabe einer Anleihe in Einzelfällen für kleine und mittlere Unternehmen eine sinnvolle Alternative zum Kredit.

Michael Häger; Wirtschaftsprüfer Steuerberater und Senior Partner; Warth & Klein Grant Thornton
Warth & Klein Grant Thornton Ag / Anzeige

Nach der Krise an den Finanzmärkten sahen sich viele Mittelständler nach Alternativen zum Hausbankkredit um. Sie liehen sich das Kapital für neue Maschinen und Produktionsstätten bei Privatanlegern anstatt bei Banken. Hierzu gaben sie an den vor fünf Jahren speziell für den Mittelstand eröffneten Börsensegmenten Anleihen aus. Doch jetzt steht fest: Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Jedes sechste Papier ist bisher ausgefallen. Laut der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz beläuft sich der Schaden schon jetzt auf rund 900 Millionen Euro.


Sind Mittelstandsanleihen also ein verglühender Stern, von dem ein Mittelständler tunlichst die Finger lassen sollte? So pauschal lasse sich diese Frage nicht beantworten, sagt Michael Häger, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Senior Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein Grant Thornton. Trotz des massiven Vertrauensverlusts gebe es durchaus kleine und mittlere Unternehmen, die eine stärkere risikoorientierte Kapitalaufnahme brauchen. Die Vorteile einer Anleihe: Der Emittent erhält für einen festen Zeitraum frisches Kapital und damit Planungssicherheit bei unveränderten Konditionen.


Doch für wen sind die Anleihen interessant? Der Finanzierungsexperte glaubt, dass gerade für wachstumsorien­tierte Unternehmen mit starkem Cash Flow und langfristigen Prognosen Mittelstandsanleihen nach wie vor eine Option sind. Er betont: „Eine Anleihe kann immer nur eine Ergänzung zur Hausbankfinanzierung sein. Außerdem müssen sich die Unternehmen darüber im Klaren sein, dass sie mit Betreten des organisierten Kapitalmarktes auch unter öffentlicher Beobachtung stehen, ein Aspekt, mit dem sich viele Mittelständler schwer tun.“


Wie also kann ein guter Weg für Mittelständler an den Kapital­markt aussehen? Wirtschaftsprüfer Häger rät zunächst, dass das eingeworbene Fremdkapital in einem angemessenen Verhältnis zu bereits vorhandenen Bank­krediten stehen sollte. „Außerdem sollte im Wertpapierprospekt nicht nur das Unternehmen, sondern auch das Konzept der Anleihe transparent dargestellt sein. Sinn macht eine Anleihe etwa zur Finanzierung von Wachstum und von Innovationen, keinesfalls aber sollte sie zur Tilgung von Schulden eingesetzt werden“, erläutert der Experte weiter. „Wichtig ist auch, dass bei einer endfälligen Finanzierung wie der Mittelstandsanleihe bereits zum Zeitpunkt der Emission ein konkreter Plan zur Anschluss­finanzierung vorliegt.“


Auch eine Mezzanine-Finanzierung als ein Baustein im Rahmen eines langfristigen Finanzierungskonzepts kann für einige Mittelständler empfehlenswert sein – vor allem als Anschubfinanzierung. Hierzu sagt Häger: „Wer Wachstumspotenziale durch eigenkapitalähnliche Mittel realisieren will, sollte die Einsatzmöglichkeiten von Mezzanine-Kapital prüfen. Auch bei Nachfolgeregelungen und Gesellschafterwechseln können solche Lösungen sinnvoll sein.“ Hier spricht man dann von Individual-­Mezzaninen, die aus Sicht der Unternehmen nicht nur deutlich flexibler sind als Standardprodukte, sondern sich auch steuerlich und bilanziell viel freier ausgestalten lassen. Ein weiterer Praxistipp von Häger: „Wer eine Mezzanine-Finanzierung in Erwägung zieht, sollte frühzeitig Kontakt zu einem Finanzierer aufnehmen.“


Fazit: Alternative Finanzierungsquellen wie Anleihen und Mezzanine-Kapital sind für Mittelständler in Einzel­fällen auch weiterhin eine Alternative. Es will nur im Vorfeld gut überlegt sein, ob dieser Schritt auch wirklich zielführend ist. Im Zweifel lohnt es sich hier also, einen erfahrenen Berater an seiner Seite zu haben.

 

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