Systemische Balance

Eine datengetriebene Energiewirtschaft bietet ein enormes Einsparpotenzial beim Verbrauch und bei den Kosten. Die Vorgabe macht dabei nicht die Technik, sondern der Mensch.
Illustration: Daniel Balzer
Illustration: Daniel Balzer
Julia Thiem Redaktion

Hybrides Arbeiten ist ein Schlagwort, das uns nicht erst seit der Corona-Pandemie begleitet. Flex Office, Desk Sharing und Co. sorgen allerdings auch dafür, dass Gebäude heute ganz anders genutzt und ausgelastet werden. Damit verbunden: ein immenses Einsparpotenzial bei der Energiebilanz eines Unternehmens.


Wo genau halten sich gerade die meisten Menschen auf? Ist eine Etage im Gebäude vielleicht ungenutzt? Muss gelüftet werden? Der Mensch hat hier bestenfalls „ein Gefühl“. Mit modernen Sensoren und Messtechniken lassen sich solche Fragen jedoch nicht nur detailliert beantworten. Auf Basis digitaler Technologien können Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen automatisch geregelt werden, was zu deutlichen Energie- und CO2-Einsparungen gegenüber einer manuellen Steuerung führt. Laut aktueller Bitkom-Studie, durchgeführt vom Borderstep Institut, fallen derzeit mehr als 90 Prozent des Energieverbrauchs im Gebäudesektor für Heizung und die Warmwassererzeugung an. Erfolgt der Ausbau von Gebäudeautomation im Wärmebereich im aktuell vorherrschenden Tempo, können hier bis zum Jahr 2030 bis zu 5,7 Millionen Tonnen CO2 jährlich eingespart werden.

 

Digitalisierung als Schlüssel zu mehr Nachhaltigkeit?

 

Daten sind aber auch deshalb für die Energieerzeugung und -versorgung so wichtig, weil ein höherer Anteil erneuerbarer Energien eine intelligente Sektorenkopplung erfordert. Intelligent wäre es beispielsweise, das Elektroauto immer genau dann zu laden, wenn gerade besonders viel Strom erzeugt wird, beispielsweise, wenn die Sonne scheint oder der Wind kräftig weht. Dann nämlich gibt es einen Stromüberschuss, der vor dem Hintergrund eines höheren Nachhaltigkeitsgrades genutzt werden sollte. Genau dafür sollen künftig Smart Grids, die intelligenten Netze, sorgen. Im Idealfall optimieren sie die Energieverteilung und den Verbrauch durch eine Reihe intelligenter Geräte, Zähler und erneuerbarer Energiequellen.


Die Bitkom-Studie rechnet hier vor, dass eine solche intelligente Sektorenkopplung, die das eigene Energieangebot von Gebäuden mit verschiedenen Speichermöglichkeiten wie Warmwasser oder den Batterien von E-Autos automatisch abgleicht und steuert, großes Einsparpotenzial birgt. Ausgehend vom aktuellen Tempo, mit dem solche Technologien entwickelt werden, rechnen die Studienmacher mit Einsparungen von bis zu 2,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr bis 2030. Gäbe es weitere Technologiesprünge, könnten sogar bis zu 3,3 Millionen Tonnen weniger CO2 ausgestoßen werden.


Ein weiteres Argument pro Digitalisierung ist zudem die Tatsache, dass die Versorgung mit der deutschen Energiewende zwangsläufig kleinteiliger wird. Energie wird in wesentlich höherem Maße dezentral erzeugt, während die Zahl der großen Kraftwerke abnimmt. Neben der Anzahl der Energieerzeuger steigt jedoch auch die Anzahl der Verbraucher, die auch noch miteinander vernetzt sind. Wenn wir in diesem fragilen Zusammenspiel von unzähligen Erzeugern und Verbrauchern eine hohe Netzstabilität erreichen wollen, ist eine umfassende Kommunikation zwischen den verschiedenen Anlagen einerseits und den Energieversorgern, Netzbetreibern und Verbrauchern andererseits unerlässlich. Oder anders ausgedrückt: Ohne Daten wird es nicht gehen.


Um aber das Zusammenspiel all dieser Faktoren mit Hilfe digitaler Technologien überhaupt konzertieren zu können, muss eine elementare Frage vorab geklärt sein: Was wird tatsächlich verbraucht? Und zwar auf der untersten Ebene bei den Endverbrauchern. Genau dafür sollen deutschlandweit die sogenannten Smart Meter verbaut werden, intelligente Messsystem, die überhaupt erst einmal klären, wie groß der Bedarf zu welcher Zeit ist. Allerdings gibt es hier in Deutschland immensen Nachholbedarf, wenn man dem Energiekonzern E.ON glauben darf. Demnach habe der Konzern in Schweden beispielsweise in einer ersten Rollout-Welle zwischen 2004 und 2009 bereits eine Million Smart Meter verbaut, bis Ende 2024 werden 1.000 bis 1.200 Geräte pro Tag hinzukommen. In Großbritannien verzeichnet E.ON bereits 2,5 Millionen Smart-Meter-Installationen. Der deutsche Smart Meter Rolloutplan sieht vor, dass bis 2032 jeder Zähler intelligent oder zumindest mit einer digitalen Schnittstelle versehen sein muss. In Deutschland wurden nach Konzernangaben bis Dezember 2020 allerdings erst rund 20.000 Smart Meter verbaut. Dabei handelt es sich natürlich nur um die Angaben eines Anbieters. Allerdings wird bei den Installationszahlen im Vergleich zu anderen europäischen Nachbarn die rote Laterne, das Schlusslicht, schon sehr deutlich sichtbar.

Blockchain ersetzt Energiebörsen

 

Wenn es denn gelingt, die bisher aufgezeigten Einsparpotenziale zu heben und den Energiemarkt weitestgehend zu digitalisieren, bleibt noch die wichtige Frage des Einkaufs offen. Strom wird aktuell beispielsweise über Umwege, also über Aggregatoren oder Börsen, eingekauft. Das könnte sich perspektivisch mit der Blockchain-Technologie ändern. Vereinfacht ausgedrückt könnten die bis dahin hoffentlich verbauten Smart Meter nämlich bei einem Mehrverbrauch die zusätzliche Energie einfach über die Blockchain zukaufen. So könnte Energie sogar per Voreinstellung bevorzugt lokal erworben werden. Experten gehen davon aus, dass sich die Energiewirtschaft über solche Blockchain-basierten Smart Contracts langfristig selbst organisieren und auch die Preise deutlich fallen könnten.


Bei all den positiven Faktoren, die ein höherer Digitalisierungsgrad des Energiemarktes mit sich bringt, gilt es jedoch, den tatsächlichen Nachhaltigkeitsgrad noch einmal kritisch zu hinterfragen. Denn bei allem Einsparpotenzial: Digitalisierung führe nicht automatisch zu mehr Nachhaltigkeit, sagt Jens Gröger vom Öko-Institut in Berlin im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Nach seinen Berechnungen emittieren Nutzer derzeit 750 Kilogramm bis eine Tonne CO2 pro Person pro Jahr, weil viel Treibhausgase von Rechenzentren und bei Cloud-Diensten freigesetzt werden. Wie so oft im Leben kommt es also auch hier auf die Balance an.

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