Die digitale Stadt

Oktober 2015 | Wirtschaftswoche | Stadt der Zukunft

Die digitale Stadt

Die Digitalisierung kann dabei helfen, städtische Infrastrukturen stärker zu vernetzen und Energie effektiver zu nutzen. Noch sind die Rahmenbedingungen in Deutschland nicht ideal.

Illustration: Beatriz Morales
Martin Bernhard / Redaktion

In der vernetzten Stadt gehören Verkehrsstaus der Vergangenheit an. Denn jeder Verkehrsteilnehmer erfährt rechtzeitig, mit welcher Route er am schnellsten ans Ziel kommt und wo er einen freien Parkplatz findet. Mülleimer werden dank digitaler Vernetzung rechtzeitig geleert, in den Gebäuden herrscht stets das richtige Raumklima. Und die Beteiligung der Bürger an der Politik und am öffentlichen Leben ist so einfach wie noch nie. So malen IT-Dienstleister die Vision von der Stadt der Zukunft.

 

Dass Großstädte sich künftig neuen Herausforderungen werden stellen müssen, ist vielen Verantwortlichen in der kommunalen Verwaltung klar. Denn Großstädte und urbane Agglomerationen wachsen Jahr für Jahr.  Jeder zweite Mensch weltweit wohnt derzeit schon in einer Großstadt beziehungsweise urbanen Agglomeration. Im Jahr 2030 wird dieser Anteil nach Angaben der Vereinten Nationen auf 60 Prozent steigen. Um einerseits mit den Herausforderungen des Wachstums fertig zu werden und andererseits konkurrenzfähig zu sein im Wettbewerb um junge, gut ausgebildete Bürger, setzen Städte zunehmend auf Digitalisierung.

 

Michael Jahn von der Unternehmensberatung PricewaterhausCoopers (PwC) sieht viele Städte in Deutschland in diesem Bereich derzeit schlecht aufgestellt. „Deutschland befindet sich im unteren Mittelfeld in Europa in Bezug auf die Breitbandversorgung“, stellt er fest. Er fordert, Glasfaserkabel flächendeckend zu verlegen, bis in die Gebäude und Wohnungen hinein. Mit einer Umfrage unter 209 Städten, Gemeinden und Landkreisen in Deutschland hat PwC ermittelt, dass wachsende Kommunen wesentlich weiter in der Digitalisierung fortgeschritten seien als schrumpfende. Führend seien die Städte Köln, Hamburg und München. In Bezug auf ein öffentliches W-LAN-Netz liege Köln in Deutschland „relativ weit vorn“. Doch die 76.000-Einwohner-Stadt Norderstedt zeige, dass auch kleinere Kommunen ein flächendeckendes W-LAN-Netz schaffen können.

 

Generell rät Jahn Kommunen, die Digitalisierung strategisch anzugehen, also eine Bestandsaufnahme zu erheben und ein Leitbild aufzustellen. Man sollte ein interdisziplinäres Team zusammenstellen und einen Hauptverantwortlichen benennen. Wegen ihrer Wichtigkeit für die Zukunft der Kommune sollte die Digitalisierung aber immer Sache des Rathauschefs bleiben.

 

„Die Digitalisierung birgt Chancen für die Städte.“ Jens Libbe vom Institut für Urbanistik rät dazu, bei diesem Thema nicht nur an die Wirtschaftsförderung zu denken, sondern dieses als Instrument der Stadtentwicklung zu begreifen und strategisch anzugehen. Digitalisierung könne dabei helfen, die Infrastruktur stärker zu vernetzen und Energie effektiver zu nutzen. „Digitalisierung schafft auch neue Möglichkeiten für die Bürger, sich für ihre Stadt zu engagieren“, ist Libbe überzeugt.

 

„Wir haben ein gewisses Misstrauen gegenüber der Smart City“, sagt dagegen Hilmar von Lojewski, Beigeordneter des Deutschen Städtetags. Denn je ausgeklügelter eine Technologie sei, desto anfälliger sei sie für Störungen. Er warnt deshalb vor einer „technischen Überentwicklung“.