»Innovationen kann man nicht befehlen«

Juni 2016 | Capital | Mobilität der Zukunft

»Innovationen kann man nicht befehlen«

Die Automobilbranche steht vor einem Dilemma: Wie lässt sich die digitale Transformation mit traditionellen Geschäftsmodellen verbinden?

Gian Casanova; Managing Director Futurice GmbH
Futurice GmbH / Unternehmensbeitrag

Herr Casanova, ist die Automobilbranche schon bereit für den digitalen Wandel?

 

Das muss ich mit einem klaren Jein beantworten. Einerseits sind das Interesse an und die Bereitschaft zur Transformation groß. Das hören wir immer wieder in Gesprächen und über die Anfragen, die uns als Beratungshaus erreichen. Andererseits tut sich natürlich gerade eine so traditionelle Industrie wie die Automobilbranche schwer, die nötige Flexibilität zu entwickeln, die eine Digitalisierung fordert. Deren Organisationsstruktur und Kultur ist schlicht eine andere, „alte“ Welt. 

 

Warum sind Unternehmensstruktur und -kultur so wichtig?

 

Wenn wir von einer „echten“ digitalen Transformation sprechen, betrifft das immer das gesamte Unternehmen und geht weit über ein paar Investitionen in die IT hinaus. Ganze Geschäftsmodelle müssen hinterfragt werden, Sie fangen, wenn Sie so wollen, wieder auf einem weißen Blatt Papier an. Eine solch große Umwälzung gelingt nur dann, wenn Sie jeden Mitarbeiter, jede Struktur, jeden Ablauf miteinbeziehen. 

 

Haben wir deshalb so wenig positive Transformationsbeispiele in Deutschland?

 

Genau. Es gibt eine große Lücke zwischen den Ambitionen der Verantwortlichen und den Möglichkeiten, die die „alte Welt“ zulässt. Ein Beispiel hierfür sind die Budgets. In der Regel sind sie vorhanden, aber selbst ein Vorstandsvorsitzender bekommt nur dann eine Freigabe von seinem CFO, wenn der Return on Investment im Vorfeld definiert werden kann. Wer jedoch digital erfolgreich sein will, muss ausprobieren können, muss eine gewisse Risikomentalität mitbringen. 

 

Sind uns deshalb die US-Firmen voraus?

 

Eindeutig ja. Die digitale Transformation findet in den USA statt. Und was tatsächlich besorgniserregend ist: Das Silicon Valley zieht immer mehr Know-how aus Deutschland ab, insbesondere aus der Automobilbranche. 

 

Was raten Sie Ihren Kunden?

 

In erster Linie fahren wir ganz klassische Analysen und schauen uns an, in welchen Schritten welche Prozesse angegangen werden können. Das umfasst natürlich auch die IT, aber eben nicht ausschließlich. Wir evaluieren beispielsweise auch, wie attraktiv ein Unternehmen für junge Talente ist. Natürlich sind große Namen wie etwa Daimler, VW oder BMW per se keine schlechten Adressen. Junge IT-Spezialisten sind jedoch sehr gefragt und werden stark umworben. 

 

Das heißt, der Kampf um Talente ist ein entscheidender?

 

Absolut. Denn ohne die richtigen Köpfe an Bord kann ein Transformationsprozess meist gar nicht beginnen. Und insbesondere die jüngere Generation möchte kein kleines Rädchen in einem großen Unternehmen mehr sein. Sie wollen den Einfluss ihrer Arbeit sehen, wollen Eigenverantwortung und kreativen Freiraum. Da wird ein agiles Start-up schnell attraktiver als ein großer Konzern. Sie sehen also auch hier die Herausforderungen der „alten Welt“. 

 

Dass es möglich ist, beweist doch aber beispielsweise Tesla.

 

Tesla wird in Teilen immer noch belächelt. Viele glauben noch nicht an den nachhaltigen Erfolg. Aber Sie haben Recht, Tesla macht aus digitaler Sicht vieles richtig. Allerdings reden wir hier auch von einem neuen Konzept, einem jungen Unternehmen, das nicht eine über Jahrzehnte gewachsene Struktur als Ballast mit sich trägt. 

 

Futurice kommt ursprünglich aus der Softwareentwicklung. Ist das ein Vorteil in der Beratung?

 

Wir denken schon. Wir können das, was wir tun und empfehlen, auch tatsächlich umsetzen. Gerade in der Beratung ist dies nicht immer gegeben. Und es macht es natürlich einfacher, tatsächliche Hindernisse in der Umsetzung vorherzusehen. Schließlich haben wir unzählige
Prozesse bereits selbst durchlaufen. 

 

www.futurice.com