Warm anziehen!

Der Druck, schnell aus russischem Gas auszusteigen, wird massiver. Allmählich erst wird klar, was eine Energiewende wirklich bedeutet.
Illustration: Rosita Uricchio
Illustration: Rosita Uricchio
Mirko Heinemann Redaktion

Das Szenario ist ja nicht neu: Wenn Deutschland auf fossilfreie Energie umsteigen möchte, muss es in etwa Folgendes tun: Die Energieerzeugung aus Wind, Sonne, Biomasse und anderen erneuerbaren Energiequellen massiv ausbauen. Ertüchtigung der Stromnetze. Sektorkopplung. Elektrifizierung des Verkehrs. Umstieg auf eine erneuerbare Wärmeerzeugung. Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft für industrielle Anwendungen, Flugverkehr und schwere Lkw.

Nun aber, angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine, stellt sich die Frage: Wie schnell ist das möglich? Und wie lässt sich die Übergangszeit verkürzen, in der teures und klimaschädliches Erdgas aufwendig aus Norwegen, den arabischen Emiraten oder aus Australien per Schiff nach Deutschland transportiert werden muss? Welche neue Abhängigkeiten entstehen, mit welchen Ländern und welchen Regimes? Wird Deutschland den Umbau ohne erhebliche Wohlstandsverluste verkraften?

Ende März hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auf der Konferenz „Berlin Energy Transition Dialogue“ die Fehler der Vergangenheit angeprangert. „Dass Deutschland seine Energieabhängigkeit von Russland zu 50 Prozent in den Sparten Gas, Kohle und Öl ausgelegt hat, ist rückblickend schwer verständlich“, sagte Habeck. Vor allem angesichts der Aggressionen Russlands, die lange vor dem Ukraine-Krieg bereits erfolgt waren: die Besetzung der Krim, die militärische Unterstützung für den syrischen Diktator, die Besetzung von Georgien. Das Ziel für Deutschland und Europa, so Habeck, laute nun, sich „Schritt für Schritt unabhängig von russischen fossilen Energien zu machen“.

Im ersten Schritt müssen nun 50 Prozent der fossilen Energieträger, nämlich die derzeit aus Russland stammenden Mengen, schnellstmöglich durch erneuerbare ersetzt werden. Vor allem bei Erdgas ist das problematisch. Laut dem Thinktank „Agora Energiewende“ hat Deutschland im Jahr 2021 ganze 912 Terawattstunden Erdgas verbraucht. 90 Prozent stammten aus Importen, aus Russland davon die Hälfte. Das meiste Gas wird zur Erzeugung von Wärme und in der Industrie verbraucht.

Agora hat berechnet, dass Deutschland mit einer ambitionierten Wärmewende und einem massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien bis 2027 seinen Gasbedarf um rund ein Fünftel reduzieren könnte. Dazu wären gut drei Millionen neu installierte Wärmepumpen für die Gebäudeheizung nötig. Der Einbau neuer Öl- und Gasheizungen müsse unverzüglich beendet, die energetische Sanierung beschleunigt werden. Gefordert wäre aber auch jeder und jede Einzelne: Agora fordert die allgemeine Absenkung der Raumtemperatur um 1 bis 1,5 Grad Celsius und den Umstieg auf andere Brennstoffe in der Prozesswärme im Umfang von 33 Prozent. Mit dem Zubau von Wind- und Solaranlagen könnten innerhalb von fünf Jahren 50 Terawattstunden Erdgas im Stromsystem ersetzt werden. Hiermit könnte Deutschland rund 90 Prozent des nötigen Einsparvolumens erreichen.

Damit wäre aber nur der russische Teil des Erdgases ersetzt. Um den Rest, Kohle und Öl, auch noch zu ersetzen, wären noch massivere Anstrengungen nötig. Die Nachbarländer haben ihre eigenen Antworten: Frankreich plant den Bau von sechs neuen Atomkraftwerken und strebt „vollständige Energieunabhängigkeit“ an. Großbritannien kündigte ebenfalls an, es werde eine neue Generation von Kernreaktoren bauen, und zwar mit „Warp-Geschwindigkeit“.

Deutschland überlegt eine Laufzeitverlängerung für einige Meiler, hat aber den Atomausstieg prinzipiell beschlossen, darüber gibt es auch keine Diskussionen. Es geht jetzt also vor allem um den Ausbau von Wind- und Solarenergie. Das Ausbauziel: 2030 sollen gut ein Drittel des Stroms in Deutschland aus Windkraft an Land stammen, dafür werden zwei Prozent der Landesfläche für Windkraftanlagen benötigt – doppelt so viel wie heute. Zusätzlich sollen Photovoltaik-Freiflächenanlagen auf einem Prozent der Bundesfläche entstehen.

Das ist ein enormer Eingriff in das Landschaftsbild. Neben Naturschutzfragen wird es jetzt darauf ankommen, die Akzeptanz der Anwohner für PV- und Windanlagen zu verbessern. Dafür ist kürzlich ein wichtiges Urteil gefallen, das ein Beteiligungsrecht der Anwohner an den Erträgen von Windanlagen einräumt. Aber wird das ausreichen, um die Bevölkerung der windhöffigen Regionen geneigt zu stimmen? Und was wird geschehen, wenn Lieferstaaten der für die Elektrifizerung notwendigen Rohstoffe wie Lithium, Nickel und Kupfer ähnlich imperialistische Züge entwickeln wie Russland jetzt? Und was ist mit den langfristigen Zielen: Klimaneutralität bis 2050?

Antworten gibt es darauf nicht – noch nicht. Dringend gefragt sind technologische Innovationen. Zum einen müssen die Wirkungsgrade der Energieerzeuger verbessert werden. Vor allem bei den Photovoltaik-Zellen ist diesbezüglich Luft nach oben. Derzeitige Solarzellen auf Siliziumbasis erreichen einen Wirkungsgrad von maximal 22 Prozent. Signifikante Verbesserungen sind kaum noch zu erwarten. Ein deutsches Forschungsteam hat kürzlich eine Solarzelle aus organischen Halbleitern entwickelt, die einen höheren Wirkungsgrad erreicht, von mehr als 30 Prozent ist die Rede. Doch auch auf der Verbraucherseite müssten Potenziale gehoben werden. Energie muss eingespart und effizienter genutzt werden. Dazu gehören Lösungen wie Leichtbaumaterialien für leichtere und sparsamere Fahrzeuge, Alternativen zu energieintensivem Beton, effizientere Heizungen, smarte Logistiklösungen, optimierte Prozesse in den Fabriken und Fertigungsanlagen und, und, und.

Und was ist mit der globalen Energiewende? Werden andere Länder wirklich ähnliche Anstrengungen unternehmen, werden auch sie ihr Energiesystem komplett umbauen? Und das, während Russland enorme Mengen an Erdgas, Öl und Kohle auf den Markt wirft, weil ihm die Kunden abhanden gekommen sind? Es ist nur zu hoffen, das sich angesichts dessen nicht eine Allianz von Schurkenstaaten entwickelt, die sich vom Pariser Abkommen und den dort verankerten Klimazielen lossagt und angesichts der kommenden Klimakatastrophe in einer Art Prepper-Mentalität verschanzt.

Das wäre die düstere, die unheilvolle Prognose. Die positive könnte so aussehen: Russland verliert den Krieg oder lenkt ein, versteht, dass der Kampf gegen den Klimawandel wichtiger ist als nationalistische Muskelspiele, versiegelt seine Gasquellen und stellt die sibirische Steppe in den Dienst der Erzeugung erneuerbaren Stroms. Zum Wohle der Menschheit und des Planeten.

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