»Je intelligenter die Netze, umso effizienter die Energiewende«

Am Erfolg der Energiewende zweifelt Arno Ritzenthaler, Geschäftsführer der Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg, keine Sekunde. Die intelligenteren Stromnetze sind für ihn der Schlüssel zum Erfolg. Im Interview erklärt er, warum das gerade verabschiedete Gesetz zum Neustart der Digitalisierung der Energiewende so wichtig ist. 

 

Illustration: Danae Diaz
Illustration: Danae Diaz
Interview: Dr. Klaus Heimann Redaktion

Herr Ritzenthaler, wie weit ist Deutschland mit seinen intelligenten Energienetzen?
Deutschland ist in den letzten Jahren ein Stück weitergekommen, aber natürlich noch lange nicht weit genug. Es wurde eine Vielzahl an Forschungs- und Umsetzungsprojekten durchgeführt und das Know-how weiterentwickelt. Die wesentliche Herausforderung ist nun die Umsetzung in der Fläche. Dabei ist das Entwicklungs- und Umsetzungstempo auf den verschiedenen Ebenen sehr unterschiedlich. Während es in den Übertragungsnetzen beispielsweise schon eine große Transparenz über die Netzzustände gibt, ist diese in den verschiedenen Verteilnetzen sehr heterogen. Die intelligente Ertüchtigung der Niederspannungsnetze, besonders an Ortsnetztransformatoren und Netzanschlusspunkten mit Smart-Metern, geht ebenfalls voran. Das fehlende Fachpersonal für die Installationsarbeiten ist allerdings ein Engpass. Die Verzögerungen beim Smart-Meter-Rollout haben zur Folge, dass die Digitalisierung der Netzanschlusspunkte in den Haushalten und damit die leichtere Integration von Wallboxen und Wärmepumpen noch lange nicht das erforderliche Maß erreicht hat.
 

Welche Aufgaben genau erfüllen die Smart Grids, die intelligenten Energienetze?
Intelligente Energienetze ermöglichen die einfachere und effizientere Integration erneuerbarer Energien in das Energiesystem. Sie erlauben es, die immer größer werdenden Anforderungen an die Netze, welche durch den zunehmenden Anteil stark volatiler Energiemengen entstehen, zu erfüllen. Weiterhin ermöglichen sie eine verbesserte Netztransparenz und damit eine (teil-)automatisierte Netzführung. Die gewohnte Stabilität des Stromnetzes ist so selbst bei stark steigenden Anteilen erneuerbarer Energien gewährleistet. Wir haben in Deutschland und Europa die stabilsten Energienetze weltweit. Die zunehmende Digitalisierung unterstützt das Netz in seiner Stabilität. Erneuerbar erzeugte Energie ist dann effizienter zu nutzen, weil Erneuerbare-Energien-Anlagen bei Überlast im Netz nicht mehr abzuregeln sind. Intelligent ertüchtigte Netze können die Einspeisungen ausgleichen. Gleichzeitig sind Speichertechnologien und angeschlossene Netze – wie zum Beispiel Wärmenetze – besser zu steuern, was zu einem weiteren Effizienzgewinn beiträgt. Der notwendige Netzausbau kann durch eine intelligente Ertüchtigung der Netze auf ein geringeres Maß beschränkt bleiben. Ergänzend: Selbst, wenn im Zusammenhang mit Smart Grids meist Stromnetze im Mittelpunkt stehen, ist die Verwendung des Wortes im Plural beabsichtigt. Denn: Gas-, Wärme- und Wassernetze sind intelligent mit den Stromnetzen zu verknüpfen, um durch die Sektorenkopplung Energie in Zukunft noch besser zu nutzen.


Was ist für Sie das Vorzeigeprojekt Nr. 1 in Deutschland?
In erster Linie wäre das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geförderte SINTEG-Programm zu nennen. Es erforschte und demonstrierte die verschiedenen Ansätze für eine digitale Organisation der Netze. Im Rahmen des Landesförderprogramms INPUT, für „Intelligente Netzanbindung von Parkhäusern und Tiefgaragen” gab es richtungsweisende Projekte zur Weiterentwicklung einer technisch und wirtschaftlich optimierten Ladeinfrastruktur in Baden-Württemberg. Das Projekt flexQgrid  ist ebenfalls abgeschlossen. Hier ist das Netz der Zukunft mit all seinen Prosumereinrichtungen erfolgreich im Praxistest aufgebaut und funktioniert bereits im Realbetrieb.

 
 Wie weit ist Baden-Württemberg mit seiner Smart Grids-Plattform?
Als Vernetzungs- und Informationsplattform zum Thema “Smart Grids” feiern wir in diesem Jahr unser zehnjähriges Bestehen. Dabei freuen wir uns über mittlerweile mehr als 80 engagierte und aktive Mitgliedsunternehmen, welche sich mit ihrer energiewirtschaftlichen Expertise bei uns einbringen. In der Branche sind wir ein gesuchter Ansprechpartner. So erstellten wir im vergangenen Jahr im Auftrag des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg und unter Mitarbeit von über 140 baden-württembergischen Energiewendeakteuren die Smart Grids-Roadmap Baden-Württemberg 2.0, welche die Leitplanken für die Entwicklung intelligenter Energienetze bis 2030 aufzeigt.

ARNO RITZENTHALER ist Geschäftsführer der Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg (SmartGridsBW)
ARNO RITZENTHALER ist Geschäftsführer der Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg (SmartGridsBW)

Das Projekt Smart-Meter, also die intelligente Messung von Stromverbräuchen, steckt immer noch in den Kinderschuhen. Warum eigentlich?  
Bereits 2016 wurde mit dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende die maßgebliche Grundlage für den Smart-Meter-Rollout geschaffen. Erst Anfang 2020 fiel dann jedoch der offizielle Startschuss für den Rollout durch die so genannte „Marktverfügbarkeitserklärung“ des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, BSI. Kaum ein Jahr später wurde diese Markterklärung vom Oberverwaltungsgericht Münster für „offensichtlich rechtswidrig“ erklärt. Dies hielt die Mehrzahl der Messstellen- sowie Netzbetreiber durch die fehlende Rechtssicherheit davon ab, den Einbau intelligenter Messsysteme voranzutreiben. Nachdem das Gesetz zum „Neustart der Digitalisierung der Energiewende“ am 12.05.2023 im Bundesrat final gebilligt wurde, wird spätestens mit Festlegung der letzten Punkte zur Ausgestaltung des Paragraphen 14a Energiewirtschaftsgesetz durch die Bundesnetzagentur ab Jahresmitte das Gros der Messstellenverantwortlichen mit dem agilen Rollout beginnen.

 
Wie weit ist der Ausbau der örtlichen Netze mit Messtechnik und Sensorik durch die Netzbetreiber vorangekommen?
Tatsächlich muss man sagen, dass der Ausbau nach wie vor recht überschaubar ist. Wir haben eine dreistellige Anzahl an Netzbetreibern in Deutschland und die Fortschritte beim Ausbau sind sehr unterschiedlich – manche sind bereits gut vorangekommen, andere sind aufgrund der Unsicherheiten rund um den Smart-Meter-Rollout noch nicht so weit. Zu beachten ist: Um beispielsweise Netztransparenz zu erhalten, müssen vor allem die zentralen Knotenpunkte im Netz mit Messtechnik ausgestattet sein. Wenn eine ausreichende Datengrundlage vorhanden ist, sind die verbliebenen blinden Flecken zu modellieren. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ermöglicht es, bei der Simulation von Netzzuständen und der Modellierung für die Auslegung der Netze, ohne flächendeckenden Verbau, mit robusten „Plandaten“ zu arbeiten.

 
Es gibt viele Akteure am Energiemarkt. Wie intensiv ist die Bereitschaft, zu einem „orchestrierten“ Miteinander zu kommen? Oder wacht jeder eifersüchtig über sein Know-how und die eigenen Daten?
Dies sehe ich als eine der positivsten Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit. Nicht zuletzt durch die weltpolitische Lage ist die Notwendigkeit zum schnellen Handeln und zur Kooperation von allen erkannt. Dieses Momentum nutzen wir intensiv, um die zeitlich sehr ambitionierten Vorgaben zu bewältigen. Wir sehen dies als Vernetzungsplattform nicht zweckoptimistisch, sondern in der Praxis – vor allem in Projekten, wo im Wettbewerb stehende Akteure gemeinsam Know-how generieren und austauschen, in dem Wissen, dass Zusammenarbeit alle weiterbringt.

»Die Notwendigkeit zum schnellen Handeln und zur Kooperation wurde inzwischen von allen erkannt.«

Welche Smart Grids-Komponenten sind heute bereits im Versorgungsnetz erfolgreich im Einsatz?
Die Netze sind zunehmend smarter. Inzwischen arbeiten Hard- und Softwarekomponenten in vielen Szenarien im regulären Betrieb. Die Integration zu einem insgesamt smarten Energiesystem erfordert jedoch eine weitgehend flächendeckende Ausstattung der Netze. Auf Höchstspannungsebene gibt es bereits Regeltechnik sowie Speicher und systemische Modelle. PV-Freiflächenanlagen und Windparks sind durch Smart Grids-Komponenten im Sinne stabiler Netze geregelt. Besonders wichtig sind die Verteilnetze, da die meisten dezentralen Erzeugungsanlagen hier angebunden sind: E-Ladestationen und Ortsnetztransformatoren sind teilweise bereits mit Messtechnik ausgestattet. Der zunehmende Einsatz von intelligenten Messsystemen führt dazu, dass künftig alle signifikanten Verbraucher wie etwa E-Fahrzeuge und Wärmepumpen hierüber flexibel anzusteuern sind.  Bei den Endkunden gibt es teilweise bereits Smart-Meter sowie diverse Smart-Home-Anwendungen. An Netzanschlusspunkten gibt es zukünftig immer häufiger Home Energy Management Systeme.
 

Zweifeln Sie manchmal daran, dass die Energiewende gelingt?
Nein, daran zweifle ich bisher nicht eine Sekunde. Ich genieße das Privileg, Tag für Tag mit hochkompetenten und motivierten Mitstreitern für diese über unser aller Zukunft entscheidende Sache zusammenzuarbeiten. Durch die vielen positiven Entwicklungen bin ich vom Erfolg der Energiewende überzeugt. Von technischer Seite steht fast das komplette Basisequipment bereits zur Verfügung. Das müssen wir nur weiter optimieren. Wichtig ist jetzt, dass die benötigten Ressourcen bereitgestellt und die regulatorischen Rahmenbedingungen förderlich sind. Dann gibt es keinen Zweifel am Erfolg der Energiewende.
 

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