Herr Braun, was meinen Sie konkret, wenn Sie sagen, dass wir in Europa akut in der Rohstofffalle sitzen?
Die aktuellen Konflikte im Nahen Osten zeigen, was lange verdrängt wurde: Europas Energieversorgung hängt an Rohstoffen, die wir weder kontrollieren noch schützen können. Das ist die Quittung für strukturelle Abhängigkeiten – auch bei Batteriespeichern. Natrium bricht mit dieser Logik: weltweit verfügbar, konfliktarm, frei von Kartellen und geoökonomischen Zwängen. Dass sich diese Abhängigkeiten technologisch auflösen lassen, haben wir in Bremen konkret gezeigt und damit einen ersten Beleg geliefert.
Sie spielen auf den ersten Natrium-Ionen-Großspeicher Europas an, den Sie gebaut haben. Was bedeutet dieser Schritt?
Das ist kein symbolischer Meilenstein, sondern eine strategische Entscheidung mit Weitblick. Mit PHENOGY 1.0 zeigen wir, dass eine Alternative zu bisherigen Technologien marktreif ist. Es geht nicht um Innovation um ihrer selbst willen, sondern um die Unabhängigkeit der Energieversorgung Europas und damit um mehr Souveränität und Resilienz.
Steckt Europa bei Energierohstoffen nicht schon zu tief in bestehenden Abhängigkeiten?
Viele Speicherlösungen hängen an Rohstoffen, deren Lieferketten geopolitisch unter Druck stehen – bei Lithium, Kobalt und Nickel ist Europa damit direkt erpressbar. Natrium ist die Chance, dies zu ändern und eröffnet neue Handlungsspielräume für eine eigenständigere, langfristig stabilere Energiepolitik.
Was steht dieser Chance im Weg?
Konflikte und strategische Verknappung zeigen: Energie ist Teil hybrider Kriegsführung. Versorgungssicherheit ist keine rein technische Frage mehr, sondern sicherheitspolitisch zentral für Staaten, Unternehmen und kritische Infrastrukturen. Die USA handeln entsprechend und integrieren Energie längst strategisch – Europa muss hier dringend aufholen. Unsere strategische Versorgungssicherheit muss politische und wirtschaftliche Dringlichkeit werden.
Welche Rolle spielt dabei Ihre Technologie?
Natrium-Ionen bieten neben verfügbareren Rohstoffen einen Sicherheitsvorteil: eine deutlich geringere Brandgefahr. Das ist entscheidend für kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Rechenzentren oder Flughäfen, wo Ausfälle gravierende Folgen hätten und Sicherheit oberste Priorität hat. Sichere Zellchemien sind Pflicht, nicht Option.
Und wie fügt sich das ins größere Bild ein?
Der Schlüssel ist Dezentralisierung. Speicher werden dort eingesetzt, wo Energie gebraucht wird – in Industrie, Infrastruktur oder lokalen Netzen. So entstehen resilientere Strukturen, die weniger anfällig für externe Störungen sind. Der erste Natrium-Großspeicher ist damit ein Baustein für ein zukunftssicheres Energiesystem.
Heißt das: Europa muss sich neu aufstellen?
Ja. Entweder wir bleiben in bestehenden Abhängigkeiten – oder wir investieren konsequent in Technologien, die uns souverän machen. Unsere Natrium-Ionen-Großspeicher zeigen, dass dieser Weg bereits begonnen hat.
phenogy.com