Ein kalter Wintertag, kaum Wind, dichte Wolken. Die Nachfrage nach Strom ist hoch, doch Windräder stehen still, Solaranlagen liefern nur wenig Energie. Solche Situationen – oft als „Dunkelflaute“ bezeichnet – zeigen, worauf es bei der Energiewende zunehmend ankommt: nicht nur auf den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auf ein System, das auch dann funktioniert, wenn Sonne und Wind ausbleiben. Zugleich machen kritische Lagen klar, wie stark sich die Anforderungen an Planung und Betrieb von Energiesystemen grundlegend verändert haben und verändern werden.
Damit verschiebt sich die Perspektive. Aus dem Ausbauprojekt wird ein Integrationsprojekt, in dem Flexibilität, Steuerbarkeit und das Zusammenspiel unterschiedlicher Technologien in den Mittelpunkt rücken.
SPITZENREITER: ERNEUERBARE ENERGIEN
Diese Koordination ist unerlässlich, denn erneuerbare Energien haben die Führung übernommen: Insgesamt lag ihr Anteil an der Netto-Stromerzeugung in Deutschland 2025 bei 55,9 Prozent, so das Fraunhofer ISE, das Statistische Bundesamt meldet auf Basis vorläufiger Werte sogar 58,6 Prozent. Im EU-Vergleich liegt Deutschland damit über dem durchschnittlichen Wert von 47,7 Prozent der Netto-Stromerzeugung aus regenerativen Quellen, den der britische Think-Tank Ember ermittelt hat. Spitzenreiter ist nach destatis-Angaben Dänemark mit einem Anteil von 95,9 Prozent, Österreich kommt auf 93,3 Prozent, Malta trägt mit nur 16,6 Prozent die Rote Laterne.
Obacht bei Zahlenvergleichen: Manche Statistiken zur Stromerzeugung beziehen sich auf den Netto-, andere auf den Bruttowert. Die Nettoproduktion entspricht der Menge, die tatsächlich ins Netz eingespeist wird, der Bruttowert berücksichtigt auch den Eigenenergiebedarf der Erzeugungsanlagen.
Besonders niedrig ist dieser Bedarf bei Windkraftanlagen, die hierzulande die wichtigste Stromquelle darstellen: Sie erzeugten 2025 rund 132 TWh bei einer Gesamtmenge von knapp 438 TWh über alle Produktionsarten hinweg. Auf Platz zwei liegen Photovoltaikanlagen, deren Produktion laut dem Fraunhofer ISE gegenüber 2024 um 21 Prozent auf 70 TWh gestiegen ist – damit liefern sie erstmals mehr Strom als Braunkohlekraftwerke.
SPEICHERN UND STEUERN
Doch mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien steigen die Anforderungen. Strom aus Wind und Sonne fällt nicht gleichmäßig an, die Einspeisung schwankt teils stark – mit direkten Auswirkungen auf Netze, Preise und den Einsatz von Reservekapazitäten. Für Netzbetreiber bedeutet das einen deutlich höheren Steuerungsaufwand, der zunehmend digital unterstützt werden muss.
Ein zentraler Baustein zur Bewältigung dieser Dynamik sind Speicherlösungen. Sie können überschüssige Energie aufnehmen und zeitversetzt bereitstellen. Die installierte Batteriespeicherleistung liegt inzwischen im zweistelligen Gigawattbereich, wie aus Daten der Bundesnetzagentur hervorgeht.
Allerdings reichen Speicher allein nicht aus, um längere Phasen mit geringer Einspeisung zu überbrücken. Deshalb gewinnen flexible Energieträger an Bedeutung – Bioenergie, insbesondere Biomethan, spielt dabei eine wichtige Rolle. In Deutschland sind rund 9.800 Biogasanlagen in Betrieb, darunter etwa 250 Anlagen zur Aufbereitung von Biomethan, so der Fachverband Biogas. Biomethan lässt sich speichern, transportieren und gezielt einsetzen, etwa in Spitzenlastkraftwerken oder zur Absicherung der Stromversorgung.
Der Vorteil liegt also in der Steuerbarkeit: Biomethan kann genutzt werden, wenn es im System benötigt wird – ein Beispiel, dass flexible Bioenergie Versorgungslücken schließen und den Bedarf an fossilen Reservekapazitäten reduzieren kann. Damit wird Bioenergie zur anpassungsfähigen Ergänzung eines wetterabhängigen Systems. In Kombination mit Speichern und Lastmanagement kann sie zur Versorgungssicherheit beitragen. Gleichzeitig erhöht sie die Resilienz des Energiesystems gegenüber kurzfristigen Störungen und längeren Schwachlastphasen.
Analog zum Angebot verändert sich auch die Nachfrageseite: Industrieunternehmen reagieren zunehmend beweglich auf Strompreise und Verfügbarkeit, Prozesse werden gezielt in Zeiten hoher erneuerbarer Einspeisung verlagert – das kann helfen, Lastspitzen zu reduzieren und das System effizienter zu betreiben.
MEHR ALS DIE SUMME DER TEILE
Parallel dazu wird der Netzausbau entscheidend. Grüner Strom entsteht oft fern der Verbrauchszentren, daher braucht es Transportkapazitäten und intelligente Verteilnetze für ein stabiles Energiesystem. Digitale Technologien ermöglichen es zudem, Erzeugung und Verbrauch in Echtzeit besser aufeinander abzustimmen – was wiederum die Marktmechanismen beeinflusst: Strompreise spiegeln stärker die Verfügbarkeit erneuerbarer Energien wider. Hohe Einspeisung führt häufiger zu niedrigen oder gar negativen Preisen, Knappheit zu Preisspitzen.
Durch diese Komplexität gewinnen Prognosen und Datenanalysen an Bedeutung. Je genauer sich Einspeisung und Nachfrage vorhersagen lassen, desto effizienter kann das System gesteuert werden. So werden Wettermodelle, KI-gestützte Lastprognosen und digitale Plattformen ein selbstverständlicher Bestandteil des praktischen Betriebs der Energiewende.
Dabei beschränkt sie sich nicht auf das Thema Strom: Auch Wärme, Mobilität und Industrie müssen dekarbonisiert werden. In diesen Bereichen stoßen direktelektrische Lösungen wie Wärmepumpen an Grenzen. Erneuerbare Gase können hier eine Brückenfunktion übernehmen – und wieder richtet sich der Blick auf Biomethan. Es lässt sich weiterverarbeiten, etwa zu Wasserstoff, und kann so Teil einer sektorübergreifenden Energieversorgung werden. All das verdeutlicht: So wichtig die einzelnen Bestandteile der Energiewende auch sind – sie müssen in ihrer Gesamtheit betrachtet werden, als vernetztes System. Diese Revolution entscheidet sich nicht auf dem Feld einzelner Technologien und ihres Fortschritts, vielmehr müssen sie sich verzahnen, einander ergänzen.
Erfolg bedeutet künftig nicht mehr nur, möglichst viel erneuerbare Energie zu erzeugen, sondern sie genau dann verfügbar zu machen, wenn sie gebraucht wird – erst wenn das gelingt, wird aus Ausbau auch Versorgung.