Klostermansfeld ist ein kleiner Ort im südlichen Harz. Wer die Region nicht gerade als Urlauber kennt, dem dürfte das Dorf nichts sagen. Aber in einigen Jahren könnte es eine wichtige Rolle für den weiteren Wandel in Richtung erneuerbarer Energien spielen. Denn hier soll der größte Batteriespeicher entstehen, der momentan in Deutschland geplant ist: 5,7 Gigawattstunden Kapazität für elektrischen Strom soll er bieten. Das bedeutet, dass er rund acht Stunden lang die Leistung eines modernen Gaskraftwerks liefern könnte – genug, um eine Weile zu überbrücken, wenn nicht genug Energie aus Wind oder Sonne zur Verfügung steht. Während der Speicher einspringt, müsste kein mit Gas betriebenes Reservekraftwerk in Betrieb genommen werden.
BOOM DER GROSSSPEICHER
Der Speicher von Klostermansfeld ist ein Leuchtturm einer Entwicklung, die noch vor wenigen Jahren praktisch niemand auf der Rechnung hatte: Große Batteriespeicher könnten sich in Zukunft vom Nischenthema zum nennenswerten Bestandteil des Systems der deutschen Stromversorgung entwickeln.
Allein im Jahr 2025 stieg die installierte Kapazität nach Angaben des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme um 60 Prozent, von 2,3 auf 3,7 Gigawattstunden. Die Zahl der beantragten Großspeicher liegt sogar weit höher: Im November letzten Jahres meldete die Bundesnetzagentur Anträge für 661 Gigawattstunden, Tendenz weiter steigend. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 lag der deutsche Stromverbrauch durchschnittlich bei gut 1.400 Gigawattstunden pro Tag.
Würde alles gebaut werden, was bisher beantragt wurde, könnte das das Land also zwar immer noch nicht über eine wochenlange Dunkelflaute hinweg versorgen. Der Effekt wäre aber deutlich merkbar. Gerade dann, wenn nur kürzere Perioden zu überbrücken sind. Und interessant sind solche Speicher auch für die so genannte „Regelenergie“ – das sind Strommengen, die teils innerhalb von Sekunden eingespeist werden müssen, um Produktion und Verbrauch im Netz in der Waage zu halten.
Der Grund für den Boom ist, dass sich Speicher dank geringerer Baukosten zum Geschäftsmodell entwickelt haben, das sich auch ohne staatliche Zuschüsse tragen kann: Seit dem Jahr 2010 ist der Preis pro Kilowattstunde Speicherkapazität von knapp 1.500 auf nur noch gut 100 US-Dollar gefallen. Wer Strom einspeichert, wenn er billig ist, und ihn bei hohen Preisen wieder ins Netz abgibt, der kann dadurch die Kosten des Speichers amortisieren und Geld verdienen.
GESCHÄFTSMODELLE UND SYSTEMFRAGEN
Infolgedessen herrscht eine gewisse Goldgräberstimmung. Und, wie bei einem so jungen Thema nicht anders zu erwarten – es braucht noch Strukturen und Regeln. Zum Beispiel, was die Geschäftsmodelle angeht: Ließe man den Dingen ihren Lauf, dann würde es sich für die Speicherbetreiber rechnen, möglichst oft und kurzfristig ein- und auszuspeichern. Einspeichern könnte man zum Beispiel an sonnigen Tagen mittags, wenn die Solarstromproduktion auf dem Höhepunkt und Strom dementsprechend billig ist. Ins Netz zurückgespeist würde dann schon wieder am gleichen Abend – dann ist die Solarstromproduktion geringer, aber der Verbrauch und der Preis sind höher.
Für das Gesamtsystem ist solch ein Vorgehen nicht wertlos, es sorgt durchaus dafür, dass seltener Reservekraftwerke anspringen müssen. Aber wertvoll wären auch Stromspeicher, die erst dann einsteigen, wenn absehbar auf längere Zeit nicht genug Sonnen- oder Windstrom zur Verfügung steht. Solche Systeme werden Netzbooster genannt. Würde man sie von Privaten betreiben lassen, müsste man kompensieren, dass sie unter Umständen längere Zeit keinen finanziellen Ertrag liefern (so wie Reservekraftwerke auch). In der Praxis planen oder bauen derzeit Netzbetreiber in Eigenregie solche Boostersysteme auf.
NETZ, POLITIK UND POTENZIALE
Ein weiteres Problem in Deutschland sind – auch diesmal – die Kapazitäten im Netz. Seit Jahren hinkt der Ausbau der neuen, dezentraleren Struktur aus Erzeugung und Verbrauch hinterher. Da der Strompreis deutschlandweit gleich ist, obwohl Strom oft nicht von einer in die andere Ecke des Landes transportiert werden kann, führt das zu Fehlanreizen auch bei Batteriespeichern. Und in großen Teilen des Landes reichen die Kapazitäten deshalb nicht aus, um große Speicher so anzuschließen, dass sie mit voller Leistung einund ausspeichern können. Um dieses Problem zu umschiffen, sind viele Systeme an ehemaligen Kraftwerksstandorten geplant. Etwa bei den ehemaligen Atomkraftwerken Gundremmingen und Philippsburg, wo entsprechende Anschlüsse vorhanden sind.
Was die Perspektive angeht, gilt jedenfalls: Die Bundesregierung ist nicht gewillt, die Netze bedingungslos weiter auszubauen. Eine anhaltende "Antragsflut" von Großbatteriespeichern führe zu einer Überlastung der Netzbetreiber, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche. Von den Speicherbetreibern will man daher Baukostenzuschüsse erheben.
Und dann wäre da noch ein weiterer, nicht ganz unwichtiger Punkt: Kaum jemand glaubt, dass alle derzeit beantragten Speicher auch wirklich gebaut werden. Da das bisherige Verfahren die Schnellen begünstigte, wird allgemein davon ausgegangen, dass nicht wenige Anträge auf Vorrat geschrieben wurden, um sich erst einmal Ressourcen zu sichern und dann die weitere Entwicklung abzuwarten.
Unabhängig von konkreten Zahlen erwarten aber die allermeisten Experten, dass große Batteriespeicher in den kommenden Jahren eine wachsende Rolle für die Stromversorgung spielen werden. Die Technik rechnet sich einfach, sofern sie nicht durch externe Einflüsse abgewürgt wird – zumal die Errichtungskosten weiter sinken werden und neue Akkutechnologien die Abhängigkeit von importierten Komponenten verringern könnten. Und: In Sachen Stromspeicherung gibt es in Deutschland noch eine riesige Ressource, die seit Jahren darauf wartet, genutzt zu werden: Die vielen kleinen Speicher von Privatleuten, die etwa als Ergänzung für Solaranlagen angeschafft wurden. Zusammengenommen macht ihre Kapazität ein Vielfaches der momentanen Großspeicher aus. Noch lässt sich der Großteil der privaten Anlagen nicht zusammenfassen und netzdienlich steuern, obwohl dies technisch durchaus möglich wäre. Würden sich hier Modelle finden lassen, bei denen die Besitzer der Speicher von der positiven Wirkung finanziell mitprofitieren, könnten viele Gigawattstunden bereits vorhandener Kapazität als Kraftwerksersatz nutzbar gemacht werden. Sogar die Akkus von Elektroautos ließen sich dafür nutzen.