Wenn "der Rücken" chronisch wird

Oktober 2021 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Wenn "der Rücken" chronisch wird

...dann kann es schon zu spät sein. Dabei kann man Rückenschmerzen mit den richtigen Methoden vorbeugen. Nur eines sollte man tunlichst unterlassen.

Illustration: Ivonne Schulze
Katharina Münster / Redaktion

„Ich habe es im Rücken.“ Diesen Satz wird fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens einmal aussprechen. In den meisten Fällen gehen die Rückenschmerzen von allein zurück. Problematisch wird es, wenn die Schmerzen über acht bis zwölf Wochen ohne ersichtlichen Grund anhalten, zu erheblichen Aktivitätseinschränkungen sowie Stimmungsveränderungen führen und ohne Schmerzmittel nicht mehr verschwinden. Dann sprechen Mediziner von einer drohenden Chronifizierung – also einem möglicherweise dauerhaften Leiden. Dabei ist es für die meisten Menschen gar nicht so schwer, Rückenschmerzen vorzubeugen, und zwar mit regelmäßiger moderater Bewegung im Alltag.

 

Viele Menschen denken bei plötzlich auftretenden Rückenschmerzen schnell an einen Bandscheibenvorfall. „Dieser macht aber nur zehn bis 20 Prozent der Schmerzen aus, und zwar auch nur dann, wenn der Vorfall auf einen Nerv drückt“, erklärt Prof. Dr. Hans-Raimund Casser, Ärztlicher Direktor und Facharzt für Orthopädie und Rheumatologie am DRK Schmerz-Zentrum Mainz. „Bandscheibenvorfälle ohne Nervenbeteiligung merken die Betroffenen meist gar nicht.“

 

Eine weitere Ursache für plötzlich auftretende stechende Schmerzen im Rücken ist der Hexenschuss. „Die Wirbelgelenke führen Bewegungen in verschiedenen Dimensionen durch: nach vorne, nach hinten, zur Seite und um ihre Achse“, erklärt der Orthopäde. „Wenn wir dann mal eine Viertelstunde schief sitzen, kann es passieren, dass ein Gelenk blockiert. Infolgedessen verspannt dann auch die Muskulatur.“ Ein wenig Bewegung und Entspannung helfen dann meist, dass die Blockierungen sich lösen.

 

80 Prozent der Rückenschmerzen entstehen in der Muskulatur

 

Die häufigsten Schmerzen haben muskuläre Ursachen. „Das heißt, Verspannungen und muskuläre Dysbalancen führen zu den Schmerzen“, so Prof. Dr. Casser. Muskuläre Verspannungen und Dysbalancen zählen zu den nicht spezifischen Rückenschmerzen, das bedeutet, sie sind nicht gefährlich oder Folge einer schweren Erkrankung. Wenn sie jedoch chronisch werden, können sie die Lebensqualität erheblich einschränken und dazu führen, dass Betroffene regelmäßig Schmerzmittel einnehmen. Das sollte auf jeden Fall vermieden werden. „Wenn Rückenschmerzen immer wieder kommen oder dauerhaft sind, dann sind die betroffenen Muskeln überlastet. Überlastungen können durch ständige einseitige Bewegungen entstehen, aber auch wenn wir den ganzen Tag vor dem Computer sitzen. Eine einseitige Belastung ist immer ein Problem für den Rücken.“ Schmerzen entstehen immer dann, wenn ein Ungleichgewicht zwischen muskulärer Kraft und Halteaufgabe besteht.

 

Verspannungen beeinträchtigen Nährstoffversorgung

 

Durch die einseitige Belastung verspannt sich die Muskulatur. „Die Muskeln möchten ihre Aufgabe eigentlich gut machen, aber sie können es nur noch, indem sie sich anstrengen. Das zeigt sich dann in einer Verkrampfung“, sagt der Orthopäde und erklärt weiter: „Das Gemeine ist, dass wir diesen Vorgang erst einmal nicht spüren. Die Verspannung führt aber dazu, dass der Muskel nicht gut ernährt wird. Das heißt, das Blut kann in einen verkrampften Muskel nicht so gut einfließen. Der Muskel ist aber ein Kraftwerk, das Sauerstoff und Nährstoffe braucht und im Gegenzug Wärme und Wohlbefinden erzeugt. Kommt jedoch keine Nahrung beim Muskel an, werden diese Prozesse heruntergeschaltet. Gleichzeitig bleibt der Stoffwechselabfall wie Laktate im Muskel und kann nicht abfließen.“ Die Folge ist, dass der Muskel noch schwächer wird, sich noch mehr zusammenzieht, verkürzt und ´sauer´ wird. Erst jetzt springen die Schmerzmelder an und die Betroffenen spüren einen Schmerz.

 

„Aufgrund dieser Minderdurchblutung im Muskel gehen die Schmerzen dann nicht zurück“, sagt Prof. Dr. Casser. „Daher werden Rückenschmerzen auch gerne chronisch. Wenn ich nun eine Tablette nehme oder mich ins Bett lege, helfe ich meiner Muskulatur aber nicht auf Dauer.“ Rückenschmerzen sind also quasi ein Warnruf der Muskeln. Sie möchten aktiviert werden, um den Schmerzkreislauf zu durchbrechen. Das geht am besten mit Bewegung. „Bei chronischen Rückenschmerzen sind Übungen unter physiotherapeutischer Anleitung zu empfehlen“, erklärt der Experte. „Eine nachhaltige Wirkung erziele ich nur, wenn ich den Muskel einerseits wieder entspannen kann und auf der anderen Seite eben auch kräftige. Deshalb gebe ich nur Schmerzmittel, damit die Patienten in der Lage sind, Übungen zu machen. Wir setzen außerdem gerne Akupunktur ein, um Medikamente zu sparen.“

 

Die Muskeln wollen aktiviert werden

 

„Bewegung ist eigentlich alles. Es beginnt mit Spazierengehen. Auch Walken ist sehr gut, weil ich dabei die Arme mitnehme, ebenso wie leichtes Joggen“, so Prof. Dr. Casser. „Wichtig ist zudem, dass man die Muskeln regelmäßig dehnt. Je älter man wird, desto steifer wird man. Das kann auch in Form von Yoga oder Pilates geschehen.“ Grundsätzlich gilt: Regelmäßiger Ausdauersport ist besser als Krafttraining. Außerdem kommt es darauf an, den Körper vielseitig zu belasten. Also wer gerne joggen geht, sollte zusätzlich zum Beispiel auch noch Yoga machen oder schwimmen gehen, um die Muskulatur rundum zu kräftigen und nicht nur einzelne Muskelgruppen. Denn das wiederum kann auch zu Dysbalance und Gelenküberlastung führen, ein weiterer Grund für Rückenschmerzen.

 

„Wenn ein Patient ein MRT bekommt, fällt er schnell hinten über, wenn er den anschließenden Bericht liest. Es ist jedoch normal, dass sich die Wirbelsäule im Alter verändert. So wie wir Falten bekommen, altern eben auch die Wirbel“, erklärt der Experte. „Wichtig ist, dass gerade diese Patienten etwas für ihre Muskulatur tun.“ Ein weiteres Problem sei laut des Orthopäden, dass manche Patienten Angst hätten sich zu bewegen und sich dann lieber schonen. Diese Angst und auch Stress führten jedoch dazu, dass die Muskulatur noch weiter verspannt. „Daher beziehen wir auch die psychologische Komponente bei unserer Anamnese und Therapie mit ein“, erklärt Prof. Dr. Casser. „Denn auch emotionale berufliche Belastungen können zu Verspannungen führen.“

 

Fazit: Wichtig ist, dass die körperlichen Aktivitäten regelmäßig stattfinden. „Wer zudem weiß, was zu tun ist, wenn Rückenschmerzen auftreten, kann einen chronischen Verlauf verhindern“, sagt Prof. Dr. Casser. „Heiße Duschen und Massagen können hilfreich sein, aber ohne eigenständige Übungen nach Anleitung wird es keinen nachhaltigen Erfolg geben.“