Vom Skalpell zum Single-Port

Oktober 2015 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Vom Skalpell zum Single-Port

Minimal-invasive Verfahren haben in den vergangenen Jahrzehnten gewaltige Fortschritte gemacht.

Illustration: Andrew Thorpe by Marsha Heyer
Jürgen W. Heidtmann / Redaktion

Eine neue Erfindung ist die minimalinvasive Medizin nicht: Bereits im Jahr 1910 fand die erste so genannte Laparoskopie an einem Menschen statt. Der schwedische Arzt Christian Jacobaeus erfand den „Trokar“, ein Röhrchen mit Ventil, das es erlaubt, Endoskop und Instrumente zu wechseln, ohne dass dabei Luft aus dem Bauchraum entweicht. Mit dieser Methode diagnostizierte Jacobaeus zahlreiche Erkrankungen in der Bauchhöhle. Der erste chirurgische Eingriff, nämlich die Entfernung einer Gallenblase, gelang 1985. Zunächst wurde das Verfahren in der Medizin skeptisch aufgenommen, doch mit der Zeit wurde die Entfernung der Gallenblase bei Gallensteinen zum Standard in der Chirurgie.


Eine möglichst schonende Operation ist heute das Ziel eines jeden Chirurgen. Um postoperative Schäden zu minimieren, wird Chirurgie heute möglichst minimalinvasiv betrieben – es wird beim Eingriff darauf geachtet, möglichst wenig Gewebe zu zerstören. Experten gehen davon aus, dass inzwischen fast bei der Hälfte aller in Krankenhäusern durchgeführten Operationen minimal-invasive Verfahren zum Einsatz kommen. Neben Operationsverfahren mit miniaturisierter Technik kommen verbesserte Hilfsmittel für die Chirurgen, computerassistierte Navigation und verbesserte Optiken.


Mikroinstrumente mit wenigen Millimetern Durchmesser machen chirurgische Eingriffe ohne sichtbare Spuren möglich. Auch die Anzahl der Zugänge in den Körper wird reduziert. So nutzt die so genannte Single-Port-Technik (SPT) in der Bauchchirurgie einen nur wenige Zentimeter großen Zugang, um sämtliche Instrumente in die Bauchhöhle einzuführen. Der Zugang erfolgt in der Regel über den Bauchnabel. Zurück bleibt lediglich eine zwei bis drei Zentimeter lange Narbe. Allerdings eignet sich nicht jeder Patient für ein solches Vorgehen. Bei ungünstigen anatomischen Voraussetzungen, akut oder chronisch entzündlichen Verhältnissen und bei Notfalleingriffen kommt die SPT nicht in Betracht.


Eine Weiterentwicklung ist das in Indien entwickelte Verfahren NOTES, abgekürzt für „Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery“, also „Endoskopische Operation durch natürliche Körperöffnungen“. Bei dieser neuen Operationsmethode wird auf Schnitte gänzlich verzichtet. Der Zugang in die Bauchhöhle erfolgt ausschließlich über natürliche Körperöffnungen, wie Mund, Scheide und After. Möglich wird das durch ein spezielles Operationswerkzeug. Mit NOTES lassen sich auch Gallenblasen entfernen, ohne dass sichtbare Narben in der Bauchdecke zurückbleiben.


Als die neue Technik 2008 in Deutschland eingeführt wurde, führte die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie das NOTES-Register ein, um das neue Verfahren zu bewerten. Ergebnis: Die großen Hoffungen, die sich an NOTES richteten, waren überhöht. Denn ganz ohne chirurgische Eingriffe kommt auch das neue Verfahren nicht aus. Dazu fehlen ausreichend flexible Instrumente. Bisher werden Operationen in der Regel nach der so genannten laparoskopischen Hybridtechnik durchgeführt.


Auch in der Herz-Kreislaufmedizin sind minimalinvasive Verfahren im Kommen. Bei der so genannten Mitralklappeninsuffizienz, einer Undichtigkeit der Mitralklappe, die zu einem Rückfluss von Blut aus der linken Herzkammer in den linken Vorhof führt, wird heute ein sogenannter Mitralklappen-Clip eingesetzt. Damit bleibt ein Eingriff am offenen Herzen, der mit Wundheilungsstörungen verbunden sein kann, erspart. Mit Hilfe eines Katheters wird ein Clip an der Mitralklappe befestigt, um die Mitralinsuffizienz zu reduzieren.


In der Diagnose werden die Geräte ebenfalls immer kleiner. Endoskope etwa werden künftig ohne Kabel auskommen und damit den Medizinern mehr Bewegungsfreiheit verschaffen. Am Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA wird derzeit an drahtlosen Endoskopen gearbeitet. Auch intelligente Datenbrillen werden wohl künftig bei minimal-invasiven Eingriffen dabei helfen, den ständig wechselnden Blick des Chirurgen vom Monitor zum Patienten und das Nachschlagen in Patientenunterlagen zu ersetzen.


Das Fraunhofer Institut für Organik, Materialien und Elektronische Bauelemente entwickelt eine Datenbrille, die ausschließlich über die Bewegung des Auges gesteuert wird und sich damit für Arbeiten eignet, die freihändig ausgeführt werden und zugleich Informationen benötigen. Eingespielt werden könnten neben Bildern aus dem Bauchraum auch Patienteinformationen oder Daten von anderen Geräten.