Tablet statt Tablette

Oktober 2015 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Tablet statt Tablette

Deutschland erfindet seine Gesundheitsversorgung neu: Während die Politik noch an den gesetzlichen Rahmenbedingungen arbeitet, werden an der Basis bereits vielversprechende Ideen realisiert.

Illustration: Andrew Thorpe by Marsha Heyer
Julia Thiem / Redaktion

Viele Akteure in der Gesundheitsbranche warten schon seit Jahren darauf. Nun hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe endlich Ernst gemacht: Mit dem Entwurf zum neuen E-Health-Gesetz, der aktuell im Bundestag diskutiert wird, will er das deutsche Gesundheitssystem fit fürs digitale Zeitalter machen – zur Not auch mit radikalen Mitteln. Denn Ärzten, die sich der Digitalisierung versperren, drohen laut Entwurf nach einer Schonfrist pauschale Leistungskürzungen.


Ziel des E-Health-Gesetzes ist unter anderem, die Telemedizin in Deutschland stärker zu etablieren. Denn insbesondere in den ländlichen Regionen sorgt die geringe Arztdichte schon heute dafür, dass Mediziner mehr Zeit im Auto auf dem Weg zu Patienten verbringen als mit der Behandlung selbst. Und die Situation wird sich künftig wohl weiter zuspitzen.   


Gleichzeitig soll die Gesetzesinitiative dafür sorgen, dass das Vertrauen in die medizinische Versorgung nicht erschüttert wird. Fürchten doch viele Deutsche um ihre Daten und sich vor einer Zukunft als gläserner Patient. Und dennoch haben laut einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts YouGov 41 Prozent der Besitzer eines Smart Device nicht nur mindestens eine Gesundheits-App installiert, rund Dreiviertel davon nutzen sie tatsächlich regelmäßig.  


Das mag auch daran liegen, dass an der Basis in Deutschland, dem Land der Ideen und Innovationen, bereits an Ebensolchen fleißig gearbeitet wird. Während Anfang dieses Jahres die Sehschulungs-App Caterna noch als erste „App auf Rezept“ gefeiert wurde, gibt es bei der Techniker Krankenkasse seit Mitte September nun auch Töne aufs Ohr. Tinnitracks heißt das neue Therapeutikum aus der App-O-theke. Es analysiert und filtert die eigene Musik der Patienten, so dass diese therapiegerecht für die jeweilige Tinnitus-Frequenz eingesetzt werden kann. Dafür hat sich das Hamburger Start-up Sonormed nicht nur mit dem Elektronikhersteller Sennheiser zusammengetan, sondern im Frühjahr auch noch den internationalen Gründerpreis der Digitalmesse South by Southwest in Austin/Texas nach Deutschland geholt.   


Ein weiterer vielversprechender „HealthCompanion“ kommt aus Österreich. MySugr heißt das 2012 von Diabetikern gegründete Startup, dem gerade der ganz große Wurf gelungen ist: 4,2 Millionen Euro an frischem Kapital gab es vom Roche Venture Fund und iSeed Ventures. Das zeigt, welches Potenzial in den Start-ups der Digital Health-Branche steckt. Das sieht auch Dr. Patrick Pfeffer, Gründer und Geschäftsführer von aescuvest, Deutschlands erster Crowdfunding-Plattform speziell für innovative Ideen aus dem Digital Health-Segment. Er kann sich nach eigenen Angaben aktuell vor Start-up-Ideen und Anfragen kaum retten. Allerdings hat nicht jede Idee auch automatisch das Potenzial, sich im Markt zu etablieren. „Wir schicken tatsächlich rund 90 Prozent der Ideen wieder nach Hause. Denn Gesundheit verpflichtet. Konzepte müssen nicht nur medizinisch relevant, sondern auch moralisch vertretbar sein“, erklärt Pfeffer die Auslese. Dafür, dass diese Kriterien eingehalten werden, sorgt bei aescuvest ein medizinischer Beirat. Allerdings gingen viele Absagen auch auf das Konto der hiesigen regulatorischen Bedingungen. „Viele Ideen würden in den USA oder auch in Großbritannien sofort zünden“, glaubt Pfeffer.  


Das dem so ist, liegt wohl auch daran, dass wir hier in Deutschland ziemlich verwöhnt sind. Im angelsächsischen Raum ist es ganz normal, für Arztbesuche und Arzneimittel zu zahlen. Da wundert es auch nicht wirklich, dass laut YouGov-Studie die Hälfte der befragten Deutschen nicht dazu bereit ist, für eine Gesundheits-App Geld auf den Tisch zu legen – eine Haltung, die sich künftig wohl ändern wird. Denn auch Ärzte und Krankenkassen gehen neue Wege. Nicht nur, dass Apps eine echte Alternative zu teuren, zeitaufwändigen Therapien sein können, mittlerweile wird auch der Einsatz einer digitalen Patientenbetreuung geprüft. Seit dem 1. September steckt die Techniker Krankenkasse mitten in einem Pilotprojekt, für das gemeinsam mit Dermatologen die Online-Video-Sprechstunde im Praxisalltag erprobt wird. „Wenn der Patient einmal in meiner Praxis war, reichen zur Nachkontrolle oft ein kurzer Blick und ein kurzes Gespräch – dafür muss sich künftig kein Patient mehr auf den Weg in meine Praxis machen“, sagt Dr. Klaus Strömer. Der Hautarzt ist zugleich Präsident des Bundesverbands der Deutschen Dermatologen und setzt als einer der ersten Ärzte die Patientus-Software des gleichnamigen Lübecker Startups in seiner Praxis in Mönchengladbach ein.  


Aber keine Sorge: Der digitale Doc wird den realen auch in absehbarer Zukunft nicht völlig ersetzen können. Denn laut der Bundesärztekammer sei die komplette Abschaffung des Fernbehandlungsverbots aktuell kein Thema. Dennoch: Was sich deutsche Unternehmer und Ingenieure derzeit zum Thema Gesundheit, Vorsorge und Behandlung einfallen lassen, ist beeindruckend. Vor allem die Riege der Ingenieure könnte künftig noch von sich Reden machen, glaubt auch Pfeffer. Denn neben therapiebegleitenden Lösungen, wozu auch Caterna, Tinnitracks und MySugr zählen, kämen aktuell viele vielversprechende Impulse, Tools und Geräte aus der Medizintechnik. Hier geht es vor allem um das Entdecken von Krankheiten und die anschließende Diagnose.  


Klar ist aber auch, dass die Karten in naher Zukunft neu gemischt werden. Wie auch schon das Interesse von Roche an MySugr zeigt: Die großen Pharma- und Medizintechnikkonzerne beobachten genau, welche Ideen da derzeit aus dem Boden sprießen und womit sich Geld verdienen lässt. Jessica Federer, Chief Digital Officer bei Bayer, hat im Rahmen der diesjährigen NOAH-Conference in Berlin die Vorzüge der Digitalisierung gepriesen. Aber sie ließ es sich nicht nehmen zu betonen, dass es nun an der Zeit sei, die vielen kleinen revolutionären Puzzleteile wieder vernünftig zusammenzufügen. Vielleicht am besten unter dem Dach eines großen Konzerns?