Pharmazeutische Revolution

März 2016 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Pharmazeutische Revolution

Gentechnisch produzierte Medikamente werden immer wichtiger. Sie erzielen Erfolge im Kampf gegen den Krebs, gegen Rheuma, Diabetes und seltene Krankheiten.

Illustration: Joaquin Castillo
Dr. Ulrike Schupp / Redaktion

Ein echter Meilenstein in der Geschichte der Biopharmazie war die Herstellung von Insulin aus Darmbakterien gegen Ende der 70er.  Ein Durchbruch für die Forschung, denn Jahrzehnte lang gab es neben Schweineinsulin, hergestellt aus den Bauchspeicheldrüsen der Tiere, keine medikamentösen Hilfen für Diabetiker. 

 

Biopharmazeutika sind Arzneimittel und Impfstoffe, deren Wirkstoffe mithilfe von gentechnisch veränderten Organismen, von in Kulturen gehaltenen Bakterien, von Pilzen oder Säugetierzellen hergestellt werden. Schon heute ist die gentechnische Produktion die Grundlage vieler moderner Medikamente gegen rheumatische Erkrankungen, Multiple Sklerose und Blutarmut sowie vieler Medikamente gegen Krebs und seltene Krankheiten. 

 

THERAPIEN GEGEN KREBS

 

Ein prominentes Beispiel für den Erfolg der Biopharmazeutika in der letzten Zeit ist die Entwicklung der sogenannten „T-Zelltherapie“, welche die moderne Krebsbehandlung ergänzen soll. Leider ist das Immunsystem von Krebspatienten häufig nicht in der Lage, Tumorzellen zu erkennen und zu zerstören. In den 1980er und 90er Jahren wurden deshalb erste Immuntherapeutika gegen Krebs entwickelt. Seit Ende der 90er sind Krebsmedikamente mit monoklonalen Antikörpern, immunologisch aktiven Proteinen, die von einer Zelllinie aus produziert werden, im Einsatz. Viele von ihnen wirken so, dass sie die Tumorzellen markieren, damit sie von Killerzellen entdeckt und zerstört werden können. 

 

Im Rahmen der T-Zellen-Therapie werden dem Patienten dagegen Immunzellen entnommen, die außerhalb des Körpers so verändert werden, dass sie die gefährlichen Tumorzellen schließlich doch erkennen können. Diese gentechnisch veränderten Zellen werden dem Patienten anschließend wieder zurückgegeben. Die T-Zelltherapie befindet sich derzeit noch in der Entwicklung. Eine Zulassung ist erst innerhalb der nächsten zehn Jahre wahrscheinlich.    

 

GEWALTIGE FORTSCHRITTE

 

Rund 400 Biotechunternehmen haben sich in Deutschland mittlerweile auf die Entwicklung und Produktion von Biopharmazeutika spezialisiert, darunter kleine und mittelständische Firmen ebenso wie deutsche Tochtergesellschaften ausländischer Pharmakonzerne. Wie der Blick auf die letzten zehn Jahre zeigt, sind die Fortschritte in der Entwicklung der Biopharmazie gewaltig. „Im Vergleich zu 2005 gab es 2015 deutlich mehr zugelassene Biopharmazeutika – zum Nutzen für immer mehr Patienten“, erklärt Frank Mathias, Vorsitzender vfa bio, der Interessengruppe Biotechnologie im Verband der forschenden Pharmaunternehmen. „Zehn Jahre medizinische Biotechnologie bedeuten gute Nachrichten, unter anderem für Menschen mit schweren Erkrankungen, denen bisher noch gar nicht oder nicht hinreichend geholfen werden konnte“, sagt Mathias. 

 

Auch gesellschaftlich betrachtet ist der Nutzen der Biopharmazie nicht zu unterschätzen, beispielsweise wenn es darum geht, Fehlzeiten durch Krankheiten zu verkürzen, Berufsunfähigkeit zu verhindern oder auch Patienten mit schweren Krankheiten Lebensqualität und Teilhabe zu ermöglichen. Wichtig ist all das nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der Vielzahl der erwarteten altersbedingten Erkrankungen, die das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen stellen werden. Dem aktuellen Branchenreport des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen VfA zur Biotechnologie in Deutschland zufolge wachsen Biopharmazeutika deutlich stärker als der gesamte deutsche Pharmamarkt. Zu den umsatzstärksten Bereichen zählen dabei Immunologie, Onkologie und Stoffwechsel. Hier ist auch der erwartete Nutzen für die Patienten am größten. 

»Ein Ziel der Biopharmazie ist der Kampf gegen Krebs.«

Medizinisch gesehen liegt der Entwicklungsschwerpunkt vor allem auf onkologischen Präparaten und bei den Antiinfektiva. Die Zahl der insgesamt neuzugelassenen Medikamente war mit 47 Präparaten allein im Jahr 2014 extrem hoch. Biopharmazeutika stellten damit 30 Prozent aller Neuzulassungen. „Um 2025 herum könnten Biopharmazeutika bis zu 40 Prozent der neu zugelassenen Medikamente stellen,“ sagt Jürgen Lücke, Managing Director der Boston Consulting Group, die die Situation von Biotech Unternehmen in Deutschland im Auftrag des vfa analysiert hat. „Viele dieser Medikamente dürften Impfstoffe sein, solche für Schutzimpfungen ebenso wie therapeutische Impfstoffe gegen Krebs. Wichtige Fortschritte dürften dann auch heute noch kaum etablierten Technologiefeldern wie Gen- und Zelltherapie zu verdanken sein.“ Zu den neueren Anwendungsgebieten für Biopharmazeutika gehört bereits heute die Personalisierte Medizin, die eine nach einzelnen Patientengruppen anstatt allein nach der Krankheitsdiagnose differenzierte Medikation vorsieht und dadurch dazu beiträgt, Therapieabbrüche sowie unwirksame Therapien zu vermeiden.

 

BIOPHARMAZEUTIKA GEGEN MALARIA

 

Ende 2014 waren in Deutschland 41 gentechnisch produzierte Wirkstoffe in Medikamenten zugelassen, die den Kriterien der Personalisierten Medizin entsprachen – hinsichtlich der erwarteten Nebenwirkungen, der Dosierung und der Wirksamkeit. Höchstwahrscheinlich wird der Anteil personalisierter Biopharmazeutika in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen. Auf einen weiteren zentralen Aspekt in dieser Entwicklung verweist Christine Lang, Vorsitzende des Bioökonomierates: „Noch immer werden für die Produktion von Medikamenten tonnenweise natürliche, begrenzt verfügbare Rohstoffe verwendet. Beispiele sind Malariamittel aus der Pflanze Artemisia oder Squalen, das aus Haifischen gewonnen und in medizinischen und kosmetischen Anwendungen eingesetzt wird. Längst gibt es alternative Ressourcen, die zum Beispiel aus spezifischen Hefe- und Bakterienstämmen nahezu unbegrenzt gewonnen werden können.“ Auch hier liegen erhebliche, bislang noch nicht ausgeschöpfte Potenziale der Biopharmazie.