Medizin nach Corona

März 2021 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Medizin nach Corona

Die Pandemie ist nicht nur Brennglas für schon vorher bestehende Probleme, sie ist auch ein Beschleuniger für Innovation.

Illustrationen: Wyn Tiedmers
Philipp Grätzel von Grätz / Redaktion

Die Corona-Krise hält die Welt in Atem – und gleichzeitig öffnet sie vielen die Augen. Defizite in Medizin und Gesundheitssystemen waren lange nicht mehr so offenkundig, sei es bei der Prävention, bei der Kommunikation oder bei der Organisation der Versorgung. Doch Corona ist nicht nur Brennglas für schon vorher bestehende Probleme, es ist auch ein Beschleuniger für Innovation. Das zeigt sich an vielen Stellen, zuvorderst bei den Impfungen, wo in den letzten Monaten mit den mRNA-Impfstoffen eine komplett neue Impfstoffgeneration das Licht der Welt erblickt hat.

 

Covid-19-Impfungen werden zu einem wichtigen Pfeiler der Pandemiekontrolle. Aber es gibt noch viele andere Infektionserkrankungen, bei denen die Welt sich effektive Impfungen wünschen würde: Tuberkulose, die HIV-Infektion, diverse tropische Fiebererkrankungen und die Malaria, um nur einige zu nennen. Bei der Malaria gibt es sogar eine Impfung, doch die ist nur begrenzt wirksam. Umso spannender sind neue Berichte, wonach ein ebenfalls auf RNA basierender Malaria-schutz immunologisch effektiver sein könnte als alles andere bisher. Die neue Malaria-Impfung wirkt gegen einen molekularen Mechanismus, mit dem der Malaria-Erreger das menschliche Immunsystem austrickst und verhindert, dass ein Immungedächtnis entsteht.

 

Das Ganze ist noch im Tiermodell. Aber allein, dass eine den Corona-Impfungen ähnliche Technologie bei einem der großen Killer der Menschheit Fortschritte bringen könnte, ist elektrisierend. Und es ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie sich RNA-basierte Therapien neue Einsatzgebiete erschließen. Anfang des Jahres veröffentlichten Wissenschaftler von BioNTech in der Fachzeitschrift Science einen Bericht zum Einsatz eines mRNA-Medikaments bei der Multiplen Sklerose. Die bisher nur punktuell genutzte RNA-Technologie, sie könnte eine Keimzelle für viele neue Impfungen und Behandlungen werden.

 

Auch die neuen Vektor-Impfstoffe, die nicht vermehrungsfähige Impfviren als Träger nutzen, um DNA-Bauanleitungen für Impfantigene in den Körper zu shuttlen, sind eine Zukunftstechnologie mit Pandemie-Turbo. So hat das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) eine Plattform auf Basis des Pockenimpfvirus MVA entwickelt. Wenn das politische und finanzielle Engagement nach Corona nicht wieder erlahmt, ließen sich damit Impfstoffe gegen neue Corona-Viren, aber auch gegen andere gefährliche Viren wie Lassa, Marburg oder Nipah, zumindest teilweise auf Vorrat entwickeln – und dann relativ schnell anpassen, sollte eine neue Epidemie drohen.

 

Nicht nur auf Ebene der molekular definierten Therapien und Impfungen wird die Corona-Pandemie bleibende Spuren hinterlassen. Das zweite große Zukunftsthema für eine „Medizin nach Corona“ ist eigentlich ein Uraltthema: die Gesundheitsfürsorge oder „Public Health“. Während ein Land wie Großbritannien die Pandemie von Anfang an auf hoher Detailebene quasi in Echtzeit überwachen und in kurze Zeit ein leistungsfähiges Impfprogramm aus dem Boden stampfen konnte, tut sich das deutsche Gesundheitswesen sichtbar schwerer mit beidem.

 

Dass das so ist, hat auch mit mangelnder Digitalisierung im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und überhaupt im Gesundheitswesen zu tun. Da bis Anfang 2020 in vielen Gesundheitsämtern noch mit Excel-Tabellen gearbeitet wurde, waren die Kapazitäten für die bei Covid-19 so wichtige Nachverfolgung der Kontakte der Infizierten begrenzt. Das ändert sich gerade. Die vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) ursprünglich für die Ebola-Epidemien in Afrika entwickelte Sormas-Software für die Kontaktnachverfolgung wird jetzt von einer Mehrheit der Gesundheitsämter genutzt. Sie wird künftig auch das landkreisübergreifende Kontakt-Tracing einfacher machen. Gleichzeitig nimmt die Umsetzung des lange politisch und finanziell ausgebremsten Deutschen Elektronischen Melde- und Informationssystems für den Infektionsschutz (DEMIS) endlich Fahrt auf. Das wird es erleichtern, einen aktuellen Überblick über das Infektionsgeschehen zu erhalten – irgendwann dann auch mit einer Datenqualität, die gut und aktuell genug ist, um sie für gezielte Public-Health-Maßnahmen nutzen zu können.

 

Um Sormas und DEMIS herum könnte – nein, muss – ein neues Ökosystem digitaler Anwendungen entstehen, mit denen Bürgerinnen und Bürger datenschutz- und grundrechtskonform in öffentliche Gesundheitsmaßnahmen einbezogen werden können. Mit seinem WirVsVirus-Hackathon hat das Kanzleramt dafür schon früh in der Pandemie die Grundlage gelegt. Aus ÖGD-bezogenen Projekten des Hackathons ging Anfang 2021 der Innovationsverbund Öffentliche Gesundheit (InÖG) hervor. Er zielt darauf ab, die staatlichen Maßnahmen durch Tools zu flankieren, die es erlauben, Symptome zu erfassen, sichere Veranstaltungen abzuhalten, Kontakte zu dokumentieren oder Testkapazitäten besser zu planen.

 

Corona ist natürlich nicht der einzige Treiber für die digitale Zukunft des deutschen Gesundheitswesens. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat ein Feuerwerk an digitalpolitischen Gesetzen gezündet, das über die Legislatur hinaus Wirkung entfalten wird. Gerade erst erhielt die beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte angesiedelte, auf das Digitale-Versorgung-Gesetz zurückgehende Liste der erstattungsfähigen digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) mit der Online-Psychotherapie Deprexis Nachwuchs. Insgesamt elf DiGAs werden vier Monate nach dem Start dieses komplett neuen Leistungsbereichs regulär von der Gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt, darunter Apps für Migräne, Angststörungen, Tinnitus und Multiple Sklerose.

 

Auf Krankenhausebene dürfte das Krankenhauszukunftsgesetz in den nächsten Jahren nachwirken. Hier ist beim Bundesgesundheitsamt gerade die Ausschreibung einer sogenannten digitalen Reifegradmessung in den letzten Zügen. Damit soll künftig die Digitalisierung von Krankenhäusern erfasst und vergleichbar gemacht werden – auch als Grundlage für die Zuweisung von Fördermitteln, mit deren Hilfe Dinge wie eine elektronische Medikation oder eine standardkonforme Vernetzung von Krankenhäusern mit ambulanten Ärzten endlich auch in Deutschland Einzug halten sollen.