Innere Stärke

April 2020 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Innere Stärke

Stress kann Erkrankungen auslösen oder verstärken. Spezialisierte Therapeuten helfen bei der Vorbeugung durch die Stärkung psychischer Widerstandskräfte, der Resilienz.

Illustration: Wyn Tiedmers
Andrea Hessler / Redaktion

„Man soll sich mehr um die Seele als um den Körper kümmern; denn Vollkommenheit der Seele richtet die Schwächen des Körpers auf.“ Dieses Zitat stammt nicht, wie man vermuten könnte, vom berühmten Dr. Sigmund Freud; der Wiener Begründer der Psychoanalyse forschte im 19. Jahrhundert über den Einfluss des Unbewussten auf den Körper des Menschen. Doch schon rund 2.500 Jahre vor Freud beschäftigte sich der griechische Universalgelehrte Demokrit von Abdera, ein Zeitgenosse des Arztes Hippokrates, mit medizinischen und biologischen Fragestellungen. Er postulierte, dass ein Arzt seinem Patienten nicht nur Medikamente und eine gesunde Ernährung verschreiben solle, sondern ihm auch seelischen Beistand leisten muss.


Diese Erkenntnis hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in der westlichen Medizin erst allmählich durchgesetzt. Inzwischen ist eine ganzheitliche medizinische Betrachtungsweise, die von starken Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper (Soma) ausgeht – der Fachbegriff hierfür ist Psychosomatik – bei Medizinern und Naturwissenschaftlern unbestritten. „Wir beobachten eine starke Zunahme stressassoziierter Erkrankungen“, berichtet etwa Dr. Stephan Zipfel, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen. „Dazu zählen zum Beispiel die Burn-Out-Symptomatik, Angststörungen und Depressionen.“ Längst ist Stress keine Manager-Krankheit mehr. Auch durchschnittliche Arbeitnehmer fühlen sich fremdbestimmt, frustriert und gestresst, so die Ergebnisse von Umfragen zur Mitarbeiterzufriedenheit der Unternehmensberatung Gallup. Nicht nur der Job stresst. „Auch Menschen, die Angehörige pflegen, und Schulkinder sind oft stark belastet und entwickeln psychosomatische Erkrankungen“, sagt Dr. Franziska van Hall, ärztliche Direktorin des Stillachhauses in Oberstdorf, einer Fachklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

 

 

Viele Erkrankungen können stressbedingt sein  

 

Die Folgen sind neben den bereits genannten Krankheitsbildern unter anderem chronische Schmerzen, Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, Tinnitus, Rückenschmerzen, Migräne und Herz-Kreislauf-Probleme. Häufig suchen Erkrankte dann über lange Zeit immer wieder verschiedene Ärzte auf – ohne Erfolg. „Eigentlich müssten alle Mediziner auch Psychosomatiker sein“, ist van Hall überzeugt. „Die verschiedenen stressbedingten Krankheitsbilder haben wechselseitige Ursachen. So kann zum Beispiel eine Depression zu kardiovaskulären Erkrankungen führen und umgekehrt. Es gibt bidirektionale Wirkungen. Dies kann man auf der Zelleebene nachweisen.“


Das Problem: Oftmals fühlen sich Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen selbst für ihre Beschwerden verantwortlich. „Es ist unsere Aufgabe, zu klären und zu überprüfen, ob ein Patient eine derartige Selbstzuschreibung macht“, so Zipfel. „Wir müssen ihm dann helfen, herauszufinden, welche Ressourcen er hat, die er nutzen kann, statt sich selbst Vorwürfe zu machen.“ Doch das ist schwer, denn psychische Probleme sind immer noch schambehaftet. Für die Diagnose und eine erfolgreiche Behandlung sind daher niederschwellige Angebote wichtig; nicht alle Menschen können und wollen sich für einen längeren stationären Aufenthalt aus dem Alltag ausklinken. „Wir sehen viele Patienten in unserer Ambulanz, die nicht alle einen stationären Aufenthalt benötigen. Viele können wir ambulant behandeln.“ Eine große Hilfe bei der ambulanten Therapie seien die neuen digitalen Medien. „Wir bieten zum Beispiel App-basiertes Achtsamkeitstraining an und eine App zur Stressreduzierung bei psychisch belasteten Frauen in der Schwangerschaft.“

 

Wichtiges Thema: Essstörungen

 

Auch bei Essstörungen, einem Gebiet, auf dem die Tübinger Psychosomatische Abteilung sowohl in der Forschung als auch der Behandlung eine weltweit führende Rolle einnimmt, hilft Künstliche Intelligenz. „Zu den großen Volkserkrankungen zählen inzwischen Magersucht und Adipositas, vor allem bei Kindern und Jugendlichen“, erläutert Zipfel. „Die Behandlung von Mangel- und Fehlernährung ist eines der wichtigsten Themen der psychosomatischen Medizin“, so Zipfel. „Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, was die Ursache des Patientenverhaltens ist. Warum hat er oder sie eine Impulsstörung beim Essen? Wie können wir diesen krankmachenden Mechanismus durchbrechen? Magersüchtige Patientinnen etwa haben eine ausgeprägte Körperbildstörung – sie nehmen ihre Figur realistisch wahr, bewerten ihr Aussehen jedoch stark verzerrt.“ Ihnen helfen neuerdings Selbst-Avatare in einer virtuellen Umgebung, sich allmählich an ein normales Körperbild zu gewöhnen.

 

Resilienz als Kompetenz

 

Der Aufbau neuer Sicht- und Verhaltensweisen ist ein wesentlicher Teil der Therapie psychosomatischer Erkrankungen. Nur so lassen sie sich dauerhaft kurieren und die Widerstandskraft der Patienten gegen erneute Erkrankungen stärken. Diese Widerstandskraft – der Fachbegriff ist „Resilienz“ – erlangen Patienten im Stillachhaus mit Hilfe einer Kombination aus Psychotherapie, Entspannungstechniken, physiologischen und physikalischen Therapien. In der Stillachhaus Akademie werden spezielle Resilienz-Coaches ausgebildet, ein Berufsbild mit guten Zukunftschancen. „Viele Menschen haben den Spruch verinnerlicht, ‚erst die Arbeit, dann das Vergnügen‘“, so van Hall.  „Doch die Arbeit hört ja nie auf, heutzutage wächst sie immer nach. Kein Wunder, dass dann die Selbstfürsorge zu kurz kommt.“  Ein Patient solle keineswegs positive Eigenschaften wie Verantwortungsbewusstsein, Fleiß und Perfektionismus aufgeben, sondern lernen, sie zu zügeln und wieder sinnvoll zu nutzen. „Wir helfen den Patienten beim Antrainieren neuer Gewohnheiten“, betont van Hall. „Das geht nicht von heute auf morgen, sondern erfordert konsequentes Training über mehrere Wochen.“ Patienten müssten lernen, sich selbstfürsorgliches Verhalten auch zu erlauben. „Für viele fühlt sich das anfangs komisch an. Es kommt ihnen vor, als würden sie Schule schwänzen.“