Digitale Morgendämmerung

Oktober 2016 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Digitale Morgendämmerung

Aufbruchstimmung im deutschen Gesundheitswesen: Ärztliche Telekonsultationen werden Standard. Selbst Fernbehandlungen sind nicht mehr völlig undenkbar.

Illustration: Ivonne Schulze
Philipp Grätzel / Redaktion

Krankenkassen entdecken die Welt der Apps und Akten. Und die Unikliniken basteln an Big Data-Netzwerke.
 

Kleine Patienten könnten schon damit in Kontakt gekommen sein: Immer mehr Kinderärzte in Deutschland nutzen mittlerweile eine Online-Lösung, um bei Kindern mit bestimmten Erkrankungen – Allergien, schweres Asthma, Erkrankungen der Blutzellen, rheumatische Erkrankungen – Kontakt zu einem spezialisierten Kollegen herzustellen, der sich mit der jeweiligen Erkrankung besonders gut auskennt. „PädExpert“ heißt diese Telekonsultationslösung, die als Pilotprojekt in Bayern im Jahr 2014 zur Welt kam. „Seit Juli 2016 starten wird damit richtig durch, denn jetzt ist PädExpert deutschlandweit verfügbar“, betont der Initiator Dr. Martin Lang vom Berufsverband der Kinder- und Jugendmediziner BVKJ.

Was PädExpert so besonders macht ist, dass es zumindest für Versicherte der BARMER GEK und der AOK Bayern Teil der regulären Versorgung ist. Verhandlungen mit anderen Krankenkassen laufen. Sowohl die Ärzte, die Telekonsultation veranlassen als auch die konsultierten Spezialisten werden für den Aufwand, den sie haben, mit festen Beträgen bezahlt – ein Novum in der ambulanten Medizin in Deutschland.

Durchbruch – oder nicht?

Ist das nun der große Durchbruch für die ambulante Telemedizin in Deutschland? Es ist zumindest ein weiterer Schritt zu einer flexibleren Medizin in einer Versorgungslandschaft, in der hoch spezialisierte Experten gerade in ländlichen Regionen knapp werden und die unter der demographisch bedingt zunehmenden Zahl von Patienten mit chronischen Erkrankungen ächzt. Andere Länder sind da allerdings schon weiter: In der Schweiz gibt es seit Jahren telemedizinische Service-Center, an die Patienten sich wenden können, bevor sie einen Arzt physisch aufsuchen. Einfache Erkrankungen werden dort per Telefon behandelt. In Deutschland ist so etwas ausgeschlossen, weil die Berufsordnungen der Ärzte dem bisher entgegenstanden.

Doch selbst hier deuten sich Fortschritte an. Im Sommer hat nämlich die Landesärztekammer Baden-Württemberg ihre Berufsordnung dahingehend geändert, dass Modellprojekte mit einer echten Fernbehandlung möglich werden, sofern sie von den Ärztekammern genehmigt wurden. „Wir rechnen damit, dass bald die ersten Anträge eingehen werden“, betont der Präsident der Landesärztekammer, Dr. Ulrich Clever. Das Beispiel dürfte Nachahmer finden. So hat die Techniker Krankenkasse entsprechende Veränderungen der Berufsordnungen auch für Hessen und Schleswig-Holstein gefordert, beides Bundesländer, in denen die medizinische Versorgung regional ausdünnt.

Auch an anderen Stellen ist im deutschen Gesundheitswesen eine gewisse digitale Aufbruchsstimmung zu spüren. So hat die Techniker Krankenkasse gerade europaweit eine elektronische Patientenakte ausgeschrieben, in der Patienten medizinische Dokumente speichern sollen. Und die AOK Nordost will zusammen mit den Sana-Kliniken, den Berliner Vivantes-Kliniken und Cisco eine IT-Plattform mit offenen Standards schaffen, auf der bald Anwendungen wie elektronische Impfausweise oder elektronische Patientenakten laufen könnten.

Big Data an den Universitäten

Auch die Universitätskliniken wollen digital vorankommen. Anfang August startete das neue Medizininformatik-Förderprogramm des Bundesforschungsministeriums. Ziel ist der Aufbau von Netzwerken aus jeweils mindestens zwei Universitätskliniken, die ihre Datenbanken für eine übergreifende medizinische Forschung verknüpfen. Das Stichwort lautet „Big Data“. Inhaltlich geht es dabei um die digitale Auswertung großer Mengen an Patientendaten aus unterschiedlichen Quellen. So lassen sich in Populationen Krankheitsrisiken oder Behandlungsdefizite identifizieren. Auf Ebene einzelner Patienten kann „Big Data“ zudem bei der Suche nach optimalen Therapien helfen.

Ein Beispiel dafür liefert das XplOit-Projekt am Universitätsklinikum des Saarlandes. In diesem Projekt wird ein Computeralgorithmus entwickelt, der Komplikationen bei Patienten vorhersagen soll, die eine Knochenmarkstransplantation erhalten haben. „Anhand einfacher klinischer Parameter ist das leider nicht möglich. Das sind komplexe Mechanismen, die ineinandergreifen“, erläutert Professor Norbert Graf, Experte für Krebserkrankungen von Kindern. Die Modelle, die jetzt entwickelt und evaluiert werden sollen, nutzen unter anderem klinische Daten, Laborparameter, immunologische Funktionsparameter und genetische Informationen. Sie könnten einmal dazu beitragen, gefährdete Patienten rechtzeitig zu identifizieren um sie vor Komplikationen zu schützen.

Alles rosig also in Sachen Gesundheits-IT in Deutschland? Nein. Was es weiterhin nicht gibt, ist eine standardisierte Kommunikationsinfrastruktur für das Gesundheitswesen. Zwar wird die unter dem Stichwort „elektronische Gesundheitskarte“ schon seit Jahren entwickelt. Aktuell verzögern sich die Tests aber einmal mehr, weil einige technische Komponenten noch nicht den Anforderungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik genügen. Branchenkenner schätzen, dass nicht vor Anfang 2017 an den Beginn großflächiger Tests der ersten Online-Funktionen zu denken ist.

Dass es schneller geht, zeigen die Nachbarn in Österreich. Dort wurde Anfang 2016 eine übergreifende elektronische Gesundheitsakte eingeführt, ELGA genannt. Es handelt sich um eine Art Index mit Verweisen auf den Aufbewahrungsort der Originaldokumente. Es gibt also keine zentralen Megaserver. Die österreichische Gesundheitsakte steht komplett unter der Hoheit des Patienten. Er allein kann entscheiden, ob er die Akte nutzen möchte, kann bestimmen, wer die Dokumente einsehen darf und welche Dokumente genau sichtbar sind.

Um die Daten einzusehen, nutzt der Patient eine sichere Onlineverbindung. Er weist sich dabei entweder mit seiner Krankenversichertenkarte aus, oder er nutzt eine mobile Handy-Signatur. Von einer solchen Infrastruktur, die es ähnlich bald auch in der Schweiz geben soll, ist Deutschland noch weit entfernt.