Des Menschen höchstes Gut

Oktober 2021 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Des Menschen höchstes Gut

Die globale Medizinforschung erfährt enorme Unterstützung. Auch in Deutschland entstehen neue Forschungsverbünde. Vor allem eine Krankheit liegt im Fokus der Forscherinnen und Forscher.

Illustration: Ivonne Schulze
Andrea Hessler / Redaktion

Seit Jahrtausenden fasziniert der menschliche Körper Künstler und Naturwissenschaftler. Im Alten Ägypten, bei den Juden des Alten Testaments, in Indien und China, in Rom und im antiken Griechenland wurde medizinisch geforscht. So erkannten schon griechische Ärzte vor über 2000 Jahren physiologische Zusammenhänge, etwa die Funktion von Nervenbahnen, Herz und Blutkreislauf sowie zwischen Körper und Psyche. Später betrieben auch Künstler wie Michelangelo, Dürer und da Vinci anatomische Studien und fertigten detailgenaue Abbildungen des Körperinneren.

 

Heute investieren Regierungen, Organisationen wie die WHO und der Global Fund, große Stiftungen wie die Bill & Melinda Gates Foundation und private Konzerne Milliarden in die Bekämpfung von Krankheiten. Viele Millionen wurden investiert, bis es dem Unternehmen Biontech gelang, in kurzer Zeit einen Corona-Impfstoff auf mRNA-Basis zu entwickeln – eine Methode, die ursprünglich zur Bekämpfung von Krebserkrankungen gedacht war. Für die beiden Investoren Andreas und Thomas Strüngmann, die zuvor als Gründer des Generika-Unternehmens Hexal zu Milliardären geworden waren, hat sich ihr Investment in dreistelliger Millionenhöhe gelohnt. Inzwischen ist Biontech an der Börse mit mehr als 20 Milliarden US-Dollar bewertet.

 

Ein spektakulärer finanzieller und wissenschaftlicher Erfolg, zu dem maßgeblich auch öffentliche Mittel und Institutionen wie das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) und das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) beigetragen haben. So hat das Bundesforschungsministerium (BMBF) fast 1,6 Milliarden Euro in Forschungsvorhaben zu Covid-19 investiert. Insgesamt hat der Bund allein im Jahr 2020 fast 2,9 Milliarden Euro für Gesundheitsforschung und Gesundheitswirtschaft ausgegeben. 

 

Angesichts der zahlreichen Forschungsfelder sind Milliardenausgaben für einzelne Erkrankungen wie Corona eine Ausnahme. Der Global Fund, eine Organisation der G8-Staaten mit Sitz in Genf, finanziert mit jährlich vier Milliarden US-Dollar die Bekämpfung der Infektionskrankheiten Aids, Malaria und Tuberkulose. Gleichzeitig wird seitens des Global Fund beklagt, dass die teure Bekämpfung von Corona Maßnahmen gegen andere Krankheiten einschränkt. Grundsätzlich stellt sich bei allen Forschungsvorhaben daher die Frage, welche Prioritäten gesetzt werden sollen und wie Steuergelder am effizientesten einzusetzen sind.  

 

Auch in Deutschland steht die Förderung einer Vielzahl medizinischer Forschungsprojekte oben auf der Finanzierungsagenda. So hat das BMBF sechs neuen Forschungsverbünden insgesamt 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Diese „Digitalen FortschrittsHubs Gesundheit“ haben ihre Arbeit Mitte 2021 gestartet. Sie entwickeln Pilotmodelle, in denen Expertinnen und Experten aus Forschung, Gesundheitswesen und IT eng mit Patientinnen und Patienten zusammenarbeiten.

 

Ziel der Hubs ist es, die Verfügbarkeit von Daten und das Ineinandergreifen verschiedener Bereiche der Gesundheitsversorgung zu verbessern. Dazu zählen ambulante und stationäre Versorgung, Rehabilitation und Nachsorge in der Hausarztpraxis. Dabei ist Künstliche Intelligenz (KI) eine Schlüsseltechnologie; laut BMBF ist dabei neben der Verbesserung der medizinischen Versorgung auch der Ausbau der technologischen Souveränität von Deutschland und Europa ein zentrales Ziel. Für KI-Förderung und Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses erhält das BMBF aus dem Konjunktur- und Zukunftspaket der Bundesregierung bis zum Jahr 2025 insgesamt 770 Millionen Euro.

 

In den Wahlprogrammen und Positionspapieren von CDU, SPD, Grünen und FDP werden zudem unisono weitere Verbesserungen für die Medi-zinforschung am Standort Deutschland gefordert, auch wenn sich die gewünschten Schwerpunkte im Detail unterscheiden. Neben Corona und KI erfordern zahlreiche andere Gebiete der Medizin mehr Engagement. Eine der größten Herausforderungen sind Krebserkrankungen. Sie sind die zweithäufigste Todesursache und die am meisten gefürchtete gesundheitliche Heimsuchung, da viele Krebsdiagnosen immer noch einem Todesurteil gleichkommen. Zudem ist bis 2030 aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland mit einem Anstieg der jährlichen Neuerkrankungen von 500.000 auf 600.000 zu rechnen. Gemeinsam mit verschiedenen Partnern hat das BMBF die Fördermaßnahme „Praxisverändernde klinische Studien zur Prävention, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen“ ins Leben gerufen. Seit 2020 werden zunächst 13 Konzeptentwicklungen mit jeweils 100.000 bis zwei Millionen Euro gefördert.

 

Trotzdem beklagen Brancheninsider wie Dr. Wolfram Schmidt, Geschäftsführer des Biotechnologie-Unternehmens Biogen, die zähen Verwaltungsprozesse bei Erforschung, Entwicklung und Zulassung neuer Arzneimittel. „Wir haben es mit 52 Ethik-Kommissionen und 17 Datenschutzbehörden zu tun, das erschwert unsere Arbeit enorm“, so Schmidt. Immer weniger Biotechnologiefirmen würden sich in Deutschland ansiedeln. „Wir dürfen das Potenzial nicht verschlafen und das Feld anderen überlassen.“ Dringend sei es, Forschungskooperationen und die Digitalisierung zu stärken.

 

Die Weiterentwicklung der Medizin mithilfe staatlicher Gelder und öffentlicher Forschungseinrichtungen, vor allem an den Universitätskliniken, ist notwendig, aber nicht hinreichend. Die Entwicklung neuer Medikamente dauert oft Jahre und kostet viel Geld. Im Jahr 2020 gaben die führenden Pharmakonzerne für Forschung und Entwicklung zusammen rund 188 Milliarden US-Dollar aus. Allein der weltweit umsatzstärkste Pharmariese Roche gehört mit Ausgaben von rund 10 Milliarden US-Dollar zu den forschungsintensivsten Unternehmen der Welt. Der Konkurrent GlaxoSmithKline steckte 2020 rund 3,6 Milliarden britische Pfund in den Bereich Pharmaceuticals.

 

Priorität haben nach Angabe des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa), in dem 48 der weltweit führenden forschenden Pharma-Unternehmen mit mehr als 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern allein in Deutschland vertreten sind, der Kampf gegen Krebserkrankungen, Entzündungskrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselkrankheiten und Alzheimer.

 

Nicht nur beim Corona-Impfstoff, auch in anderen Forschungsdisziplinen berichten seine Mitglieder immer öfter von spektakulären Erfolgen. So befindet sich zum Beispiel nach zahlreichen Misserfolgen jetzt endlich ein Medikament gegen Alzheimer im Zulassungsverfahren, weitere werden gerade getestet.