Alles nur psychosomatisch?

Leiden Menschen an unspezifischen Symptomen, wird schnell die Psyche verantwortlich gemacht. In vielen Fällen zu schnell, wie die hohe Zahl an Fehldiagnosen beweist.

Illustration: Sabine Zentek
Illustration: Sabine Zentek
Andrea Hessler Redaktion

Corona ist eine schlimme Krankheit, die uns seit fast drei Jahren in Atem hält. Jetzt werden auch immer mehr seelische Folgen offensichtlich – die sich wiederum körperlich auswirken. So hat eine repräsentative Befragung von 1.005 Personen durch das Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der Technischen Universität München (TUM) ergeben, dass sich etwa 20 Prozent der Befragten durch Corona seelisch sehr und 42 Prozent etwas belastet fühlen. 35 Prozent haben seit Beginn der Pandemie teilweise erheblich an Gewicht zugenommen. Es wird mehr und häufiger gegessen, vor allem Junkfood wie Knabberzeug und Fastfood. Hans Hauner, Professor für Ernährungsmedizin an der TUM, beobachtet eine „unvorteilhafte Richtung“ des veränderten Ernährungsverhaltens. „Es ist damit zu rechnen, dass wir demnächst einen Anstieg der Neuerkrankungen von Typ-2-Diabetes sehen werden.“

Allerdings haben viele schlanke, junge Menschen auch weiter abgenommen. „Es gibt Studien, die deutlich zeigen, dass während der Pandemie Essstörungen zugenommen haben“, sagt Professor Martina de Zwaan, Leiterin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Ursachen seien der Verlust von gewohnten und haltgebenden Strukturen, soziale Isolation, generelle Unsicherheit und Depressionen, möglicherweise auch der vermehrte Konsum sozialer Medien.

Jetzt kommen noch Ukraine-Krieg und Energiekrise hinzu, welche die Psyche belasten. Damit steigt die Gefahr zahlreicher psychischer und psychosomatischer Krankheiten weiter. Stress, Traumata und Depressionen können koronare Herzkrankheiten und hormonelle Störungen verursachen. Studien belegen, dass nach einem Herzinfarkt etwa 30 Prozent der Patientinnen und Patienten depressiv werden, was wiederum den Krankheitsverlauf negativ beeinflusst und die Sterblichkeit erhöht. Lange nicht erkannt wurde auch, dass es das sprichwörtliche „gebrochene Herz“ tatsächlich gibt. Beim Broken-Heart-Syndrom leiden Betroffene unter einer Erkrankung des Herzmuskels als Folge einer emotionalen Überlastung, etwa bei einer Trennung oder dem Tod eines nahen Angehörigen. Die Folge ist eine sogenannte Stress-Kardiomyopathie. Patientinnen und Patienten klagen, ähnlich wie beim Herzinfarkt, über Atemnot und Schmerzen in der Brust.

Auch wenn Menschen „etwas an die Nieren geht“, wirken sich psychische Probleme auf Organe aus. In den Nebennieren werden die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin sowie Aldosteron, Cortisol und DHEA gebildet. Leiden Menschen dauerhaft unter Stress, so führt dies zu einer Nebennierenschwäche mit zahlreichen Symptomen wie körperlicher und seelischer Erschöpfung, Angstzuständen, Muskelschwäche und vielen mehr.

Doch oft liegen Ursache und Wirkung bei körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen nicht offen zutage, wie die Geschichte der Psychotherapie beweist. Der erste Arzt der Neuzeit, der sich mit dem Zusammenspiel von Körper und Psyche beschäftigte, war der Wiener Neurologe und Neuropathologe Sigmund Freud. Er erklärte mittels seines Konversionsmodells, dass psychische Probleme und verdrängte Konflikte in den körperlichen Bereich „konvertiert“ werden können und sich dann in Form von körperlichen, „somatischen“ Krankheiten zeigen, ohne dass eine körperliche Ursache auffindbar ist.

Ein typisches Phänomen, das bereits im Mittelalter beschrieben wurde und Freud in seiner Forschung aufgriff, war die „Hysterie“, ein anfallweises Außer-Sich-Sein mit Wutanfällen, Panik und extremer Gereiztheit, das in erster Linie Frauen heimsuchte. Der Begriff „Hysterie“ kommt von dem griechischen Wort Hystera, Gebärmutter. Demzufolge konnten nach Einschätzung damaliger Mediziner auch nur Frauen an dieser vermeintlichen Krankheit leiden und wurden von ihnen brachial „behandelt“ – im Mittelalter durch Exorzismus, zu Zeiten Freuds im Extremfall durch die Entfernung der weiblichen Geschlechtsorgane. Dass es sich bei der Hysterie vor allem um eine Reaktion auf gesellschaftliche Verhältnisse handelte, die Frauen auch noch im ausgehenden 19. Jahrhundert entmündigten, wollten weder Mediziner noch Laien wahrhaben.

Sogar heute werden Frauen bei körperlichen Beschwerden oft in die Psycho-Ecke verbannt. Dies beschreibt die amerikanische Feministin und Autorin Maya Dusenbery in ihrem Buch „Doing Harm“, das mit einer auf Männer ausgerichteten Medizin abrechnet. Verstörend sei, so Dusenbery, dass etwa bei Autoimmunkrankheiten und Herzanfällen Fehldiagnosen bei Frauen an der Tagesordnung seien und viele Patientinnen männliche Begleiter als Zeugen zum Arzt mitnehmen würden, um mit ihren Beschwerden ernst genommen zu werden. Ob Mann oder Frau, erschreckend ist die hohe Zahl von Fehldiagnosen insgesamt. Rund 70.000 Krankheiten, beziehungsweise Störungsbilder, finden sich in der International Classification of Diseases (ICD).

Ein durchschnittlich gebildeter Haus- oder Facharzt liegt oft daneben, ein allwissender Wunderdoktor wie der US-Serienheld Dr. House ist in der Realität kaum zu finden. Eher werden Beschwerden als psychisch bedingt abgetan, die sich später, nur zwei Beispiele von vielen, als Tumore oder schwere Entzündungen mit Blutvergiftung entpuppen. Betroffene können sich, wenn sie einen Arztfehler vermuten, an ihre Krankenkasse wenden. „Es ist uns wichtig, die Betroffenen mit ihren oft gravierenden Problemen nicht allein zu lassen“, sagt Günter Wältermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg. Die geltenden Regelungen zum Nachweis eines Fehlers seien sehr komplex und für die Patientinnen und Patienten nur wenig verständlich. Im Sinne der Betroffenen müssten diese gesetzlichen Bestimmungen vereinfacht werden, so Wältermann. „Aus Fehlern zu lernen und dadurch langfristig Fehler zu verhindern, ist im Interesse aller Beteiligten.“
 

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