Lydia Schöwerling war schon als Kind dicker als ihre Geschwister. Dabei aßen alle in der Familie ähnlich. Sie selbst schwamm, machte Gerätesport und spielte Fußball, Badminton und Tischtennis. Trotzdem nahm sie „bei jedem Schluck Wasser weiter zu“, wie es die heute 50-Jährige formuliert. In der Schule wurde sie gehänselt, beim Mannschaftssport als Letzte gewählt.
Ihre Erfahrung lässt sich heute medizinisch besser erklären. Prof. Matthias Laudes, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und Direktor des Instituts für Diabetologie und klinische Stoffwechselforschung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKHS), spricht von einer „Gen-Umwelt-Interaktionsstörung“. Vor 100.000 Jahren war es ein Überlebensvorteil, Energie zu speichern und Hungerperioden zu überstehen. Heute aber ist energiereiche Nahrung jederzeit verfügbar. „Unsere Gene sind sicherlich noch gleich, aber die Umwelt hat sich gravierend geändert“, sagt Laudes.
GEFANGEN IM „FOOD NOISE“
Fakt ist, dass sich das Körpergewicht nicht allein willentlich steuern lässt. Gehirn, Darm, Bauchspeicheldrüse und Fettgewebe kommunizieren über hormonelle und neuronale Signale und beeinflussen Hunger und Sättigung. Manche Menschen denken nahezu permanent ans Essen. „Food Noise“ heißt dieses Gedankenkreisen, und ständiger Hunger erschwert eine Ernährungsumstellung. Eine Folge kann sein: Das Gewicht nimmt stetig zu.
Dabei ist Übergewicht nicht gleich Adipositas, aber Übergewicht kann zu Adipositas werden: Bei Erwachsenen gilt ein Body-Mass-Index (BMI) von 25 bis unter 30 als Übergewicht, ab 30 als Adipositas. Sie gilt als chronische, zu Rückfällen neigende Erkrankung und erhöht unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf- und Gelenkerkrankungen. Und sie grassiert: Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) stieg der Anteil der Erwachsenen mit Adipositas in Deutschland von 12,2 Prozent 2003 auf 19,7 Prozent 2023.
Neue Medikamentenwirkstoffe wie Semaglutid oder Tirzepatid setzen hier an. Sie ermöglichen teils erhebliche Gewichtsverluste. Prof. Laudes wehrt sich jedoch gegen das Bild von einer bequemen „Abnehmspritze“: „Diese Medikamente sind nicht da zum Abnehmen, sondern damit es den Patienten leichter fällt, ihren Lebensstil zu ändern.“ Wird die medikamentöse Therapie beendet, kann das Gewicht wieder steigen – auch deshalb muss Adipositas langfristig behandelt werden.
Veranlagung und Umwelt wirken bei Betroffenen schon früh zusammen. „Die Weichen dafür werden bereits in der frühen Kindheit gestellt, oft auch schon im Mutterleib“, sagt Prof. Susann Weihrauch-Blüher, Vizepräsidentin der DAG und Kinderendokrinologin an der Universitätsmedizin Halle. Sie verweist auf die „ersten 1000 Tage“ von der Empfängnis bis zum Ende des zweiten Lebensjahres. In dieser Phase werden unter anderem Geschmackspräferenzen, Essgewohnheiten und Verhaltensmuster geprägt. Adipositas ist damit nicht vorprogrammiert: Vererbt werde vor allem die Veranlagung, leichter an Gewicht zuzunehmen.
»Adipositas tut weh, seelisch und körperlich.«
LYDIA SCHÖWERLING Adipositas-Betroffene
UNSERE LEBENSUMWELT IST „ADIPOGEN“
Weihrauch-Blüher bezeichnet unsere Lebensumwelt als „adipogen“: Energiedichte Lebensmittel sind leicht verfügbar, Bewegung nimmt im Alltag ab, hinzu kommen zahlreiche sitzende Freizeitaktivitäten und Werbung für ungesunde Lebensmittel. „Wissensvermittlung alleine reicht nicht aus“, sagt sie. „Die Verhältnisse unserer Lebenswelten müssen sich ändern.“ Sie und Laudes sprechen sich für eine Abgabe auf stark gezuckerte Getränke und Beschränkungen der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung aus. „Bei Kindern müssen Prävention und Behandlung früh beginnen und die Familie einbeziehen“, so die Expertin.
Die Versorgung hinke dem medizinischen Verständnis hinterher, meint Weihrauch-Blüher.
Nur ein Bruchteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie Erwachsenen erhalte eine leitliniengerechte Behandlung; es fehlen spezialisierte Therapieeinrichtungen. Ein Disease-Management-Programm (DMP) müsste allen von Adipositas Betroffenen eine strukturierte Langzeitversorgung ermöglichen, „aber das ist bislang nicht in der Regelversorgung angekommen“.
Noch deutlicher wird der Widerspruch bei den Medikamenten: Adipositas ist medizinisch als chronische Erkrankung anerkannt, Arzneimittel zur Gewichtsregulierung sind aufgrund von Paragraf 34 SGB V jedoch grundsätzlich von der Erstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung ausgeschlossen. Die monatlichen Kosten von rund 300 Euro befördern aus Sicht von Matthias Laudes eine soziale Schieflage: „Betroffene, die Geld haben, können sich die Behandlung leisten, Menschen mit wenig Einkommen nicht.“ Lydia Schöwerling nennt es „eine Zweiklassenmedizin“.
Aufklärung, eine funktionierende Versorgungsstruktur und Zugang zu medizinisch notwendigen Therapien: Darin sehen Laudes und Weihrauch-Blücher zentrale Aufgaben des Gesundheitssystems. Die Diagnose Adipositas entlässt den Einzelnen nicht aus der Verantwortung für die eigene Gesundheit, bleibt aber eine chronische Erkrankung, die nicht auf mangelnde Willenskraft reduziert werden darf. Noch immer begegnet Betroffenen die Haltung: „Friss weniger, beweg dich mehr.“ Lydia Schöwerling, seit vielen Jahren in der Selbsthilfe aktiv, sagt: „Adipositas tut weh, seelisch und körperlich.“
Lange versuchte sie abzunehmen: mit Ernährungsberatung, Diäten und zwei Rehas. Dennoch kletterte ihr Gewicht auf 160 Kilogramm. Der Weg in ihre Wohnung im zweiten Stock war so beschwerlich, dass sie kaum noch hinausging. Prägend war auch die Beschämung: abschätzige Blicke, wenn sie ein Eis aß, oder Fitnessgeräte, die für ihr Gewicht gar nicht zugelassen waren. 2011 ließ sie sich bariatrisch operieren. Ein Eingriff, bei dem der Magen verkleinert und/oder zusätzlich der Verdauungsweg verändert wird. Es hilft, die Nahrungsaufnahme zu begrenzen und beeinflusst zugleich die hormonelle Steuerung von Hunger und Sättigung. Rund 60 Kilogramm konnte Lydia Schöwerling abnehmen, auch ihr Bluthochdruck sank. Doch die Operation beendete ihre Erkrankung nicht. Ernährung, Bewegung, Kontrollen und die Versorgung mit bestimmten Nährstoffen begleiten Schöwerling bis heute. „Die OP ist kein Freifahrtschein, sondern nur eine Krücke. Laufen muss man selbst“, sagt sie.