Eine Krankheit, viele Gesichter

Professorin Juliana Schwaab über die schwierige Diagnose der systemischen Mastozytose, neue Behandlungsmöglichkeiten und die Bedeutung spezialisierter Zentren.

Prof. Dr. Med. Juliana Schwaab, Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Mannheim
Prof. Dr. Med. Juliana Schwaab, Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Mannheim
Blueprint Medicines, A Sanofi Company Beitrag

Mastzellen sind unverzichtbar: Sie gehören zum Immunsystem und helfen dem Körper, Krankheitserreger abzuwehren. Bei der systemischen Mastozytose, kurz SM, vermehren sich krankhaft veränderte Mastzellen jedoch unkontrolliert und sammeln sich vor allem im Knochenmark, teils auch in anderen Organen an.

Die SM ist selten: Bei ihrer häufigsten, indolenten Form geht man von etwa einem neuen Fall pro 100.000 Menschen aus, bei fortgeschrittenen Formen von ein bis zwei pro Million. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Die Erkrankung betrifft vor allem Erwachsene und kann sehr unterschiedlich verlaufen. Mögliche Folgen reichen von Juckreiz, Hautveränderungen und Durchfällen bis zu schweren allergischen Reaktionen; auch Knochen und innere Organe können betroffen sein.

Das macht die Diagnose schwierig: Betroffene suchen wegen einzelner Beschwerden unterschiedliche Fachärzte auf, die jeweils nur einen Teil des Krankheitsbildes sehen. Bis die einzelnen Mosaiksteinchen ein Gesamtbild ergeben, liegt hinter manchen Patienten ein langer Leidensweg.

Doch Diagnostik und Behandlung haben sich weiterentwickelt. Neben Therapien gegen einzelne Beschwerden gibt es für bestimmte Formen zielgerichtete Medikamente. Empfindlichere molekulare Verfahren ermöglichen zudem, charakteristische Genveränderungen immer genauer nachzuweisen.

Was diese Fortschritte für Betroffene bedeuten und warum Zusammenarbeit bei einer seltenen Erkrankung besonders wichtig ist, erklärt im Interview Prof. Dr. med. Juliana Schwaab vom Referenzzentrum für Mastozytosen am Universitätsklinikum Mannheim.
 

Frau Professorin Schwaab, warum ist die SM oft schwer zu diagnostizieren?

Die Symptome können vielfältig sein und zunächst auf ganz andere Erkrankungen hindeuten. Bei typischen Hautveränderungen ist der Weg zur Diagnose oft kürzer. Andere Patienten haben etwa massive Durchfälle – ein Symptom, das viele Ursachen haben kann und nicht sofort eine seltene Erkrankung nahelegt. Ich erinnere mich an einen Patienten, der vor Autofahrten notierte, in welchen Abständen Raststätten mit Toiletten kommen. Andere Patienten fallen durch Blutbildveränderungen oder Osteoporose auf. Daher kann es sehr lange dauern, bis die Beschwerden richtig zugeordnet werden. 
 

Was müsste sich ändern, damit Betroffene früher beim richtigen Spezialisten ankommen?

Vor allem die Vernetzung muss besser funktionieren. Bei seltenen Erkrankungen sieht ein niedergelassener Arzt nur wenige Fälle. Deshalb brauchen wir Möglichkeiten, Spezialisten hinzuzuziehen – etwa Online-Boards, in denen Fälle gemeinsam besprochen werden. Wir Hämatologen aus verschiedenen Kliniken treffen uns beispielsweise regelmäßig digital.

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Welche Rolle spielen spezialisierte Zentren wie Ihres in Mannheim?

Wir können die verschiedenen Puzzleteile zusammenfügen. Bei einer Erkrankung, die mehrere Organsysteme betreffen kann, braucht es dafür Zeit und Erfahrung. Wer viele Patienten mit derselben seltenen Erkrankung gesehen hat, kann ungewöhnliche Konstellationen besser einordnen. Zudem lassen sich andere Fachrichtungen leichter einbinden.

 

Das European Competence Network on Mastocytosis, ECNM, vernetzt solche Spezialisten international. Was bringt das den Patienten?

Im ECNM führen wir ein Register mit mehr als 5.000 Patienten. Bei einer seltenen Erkrankung sind solche gemeinsamen Daten enorm wertvoll und Grundlage zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten. Gleichzeitig entwickeln sich die Standards weiter: Zeigt sich etwa, dass ein Parameter für die Verlaufskontrolle wichtig ist, wird er künftig systematischer erhoben.
 

Beim diesjährigen ECNM-Kongress in Mannheim ging es auch um Fortschritte bei Diagnostik und Therapie. Was hat sich besonders verändert?

Ein Beispiel ist der Nachweis der KIT-Mutation, einer Genveränderung, die das Wachstum der Mastzellen antreibt. Früher brauchte man im Blut eine vergleichsweise hohe Mutationslast, heute sind die Nachweisverfahren um ein Vielfaches empfindlicher. Wir untersuchen bei einem Verdacht auf SM unter anderem Tryptase und KIT-Mutation im Blut. Bei unauffälligen Ergebnissen können wir manchen Patienten eine Knochenmarkpunktion ersparen. Bleibt der Verdacht bestehen, ist sie weiterhin notwendig.

Auch dort hat sich viel getan. Für die SM stehen inzwischen zielgerichtete Medikamente zur Verfügung, weitere werden untersucht. Bei fortgeschrittenen Formen leben Patienten dadurch wesentlich länger mit ihrer Erkrankung. Eine Patientin, die wir 2008 mit einer aggressiven Mastzellerkrankung in eine Studie eingeschlossen haben, hatte damals eine Lebenserwartung von unter zwei Jahren. Sie lebt heute noch. Solche Verläufe verändern unsere Fragen: Früher ging es zunächst ums Überleben, heute stärker um Lebensqualität und langfristige Verträglichkeit.
 

Verändert das auch den Stellenwert einer Stammzelltransplantation?

Ja. Bei sehr schweren Verläufen kann eine allogene Stammzelltransplantation notwendig sein, sie ist aber mit erheblichen Risiken verbunden. Wenn Patienten mit Medikamenten langfristig gut behandelt werden können, müssen wir überlegen, wer eine Transplantation noch benötigt und wer darauf verzichten kann.
 

Wie ist Deutschland bei der Erforschung der SM aufgestellt?

Sehr gut. In fast allen beteiligten Fachrichtungen bringen Menschen die Forschung voran, besonders in Dermatologie und Hämatologie. Mannheim gehört dabei zu den großen Zentren. Unsere Arbeitsgruppe hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und war früh an klinischen Studien beteiligt. Dass der internationale ECNM-Kongress dieses Jahr hier stattfand, zeigt auch den Stellenwert der Mastozytose-Forschung in Mannheim.
 

Was erwarten Sie von den nächsten Jahren?

Ich glaube, dass KI bei Patientensteuerung und Diagnostik eine größere Rolle spielen wird. Bei einer Erkrankung mit so unterschiedlichen Symptomen könnte sie helfen, Patienten schneller auf den richtigen diagnostischen Weg zu bringen. Gleichzeitig werden neue Substanzen untersucht, die andere Signalwege adressieren. Die Therapielandschaft entwickelt sich weiter.

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