Krankheit der 1000 Gesichter

Wie entsteht Multiple Sklerose? Und wie wird sie behandelt?

Illustration: Stephanie Hofmann
Illustration: Stephanie Hofmann
Silke Amthor Redaktion

Fast jeder hat den Namen schon einmal gehört, doch die meisten wissen nur wenig darüber: Multiple Sklerose (MS). Dahinter verbirgt ist weg eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, also Gehirn und Rückenmark. Das Immunsystem greift dabei die schützenden Hüllen der Nervenfasern an, verursacht Entzündungen und Narben (Sklerosen) – und bremst so die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper aus. Warum das passiert, ist bisher ungeklärt. Vermutet werden neben genetischen Faktoren auch Umweltbedingungen, Lebensstil und möglicherweise Viren.
 

FRAUEN DEUTLICH HÄUFIGER BETROFFEN


Rund 280.000 Menschen leben in Deutschland mit MS, jedes Jahr kommen rund 14.000 neue Fälle dazu. MS wird meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren diagnostiziert, Frauen erkranken zwei- bis dreimal so häufig wie Männer daran. Hormonelle und genetische Faktoren könnten der Grund dafür sein. MS ist nicht gleich MS. Bei etwa 90 Prozent aller Patienten beginnt die Krankheit in Schüben: Beschwerden treten plötzlich auf und bilden sich wieder zurück – manchmal vollständig, manchmal nur teilweise. Die Form heißt schubförmig remittierende MS (RRMS). Später kann sie in eine sekundär progrediente MS (SPMS) übergehen, bei der die Krankheit schleichend voranschreitet, aber auch weiterhin von Schüben begleitet sein kann. Etwa zehn Prozent erleben von Anfang an eine „stille“ kontinuierliche Verschlechterung der Krankheit ohne Schübe, die primär progrediente MS (PPMS).
 

KRIBBELNDE ARME & STARKE MÜDIGKEIT


MS gilt als Krankheit der 1000 Gesichter, weil je nach betroffener Nervenregion Symptome, Verlauf und Schweregrad stark variieren können. Zu den typischen ersten Anzeichen gehören Kribbeln oder Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen, Sehprobleme, Gleichgewichtsstörungen, aber auch starke Müdigkeit (Fatigue). Diagnostiziert wird die Erkrankung durch eine Kombination aus neurologischer Untersuchung, MRT sowie einer Lumbalpunktion, bei der das Nervenwasser auf MS-Entzündungsmarker untersucht wird.
 

INNOVATIVE IMMUNTHERAPIEN


Die gute Nachricht: Obwohl MS (noch) nicht heilbar ist, ist der gefürchtete Weg in den Rollstuhl längst nicht mehr der Normalfall. Laut der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft entwickeln lediglich fünf Prozent der Betroffenen innerhalb weniger Jahre eine schwere Behinderung. Um die Lebensqualität von Betroffenen künftig noch weiter zu verbessern, wird intensiv an neuen Medikamenten geforscht. Sogenannte Anti-CD20-Antikörper wie beispielsweise Ocrelizumab oder Ofatumumab zielen vor allem darauf ab, die Schubrate zu senken. Eine neue Wirkstoffklasse, sogenannte BTK-Inhibitoren wie etwa Tolebrutinib (Zulassung vermutlich 2026), sind Hoffnungsträger besonders für PPMS, die bisher eher schlecht behandelbar war. Noch in der Forschungsphase ist die CAR-T-Zelltherapie, die bereits bei einigen Krebserkrankungen zum Einsatz kommt. Dabei werden körpereigene T-Zellen gentechnisch so verändert, dass sie die schädlichen B-Zellen zerstören, die bei Autoimmunerkrankungen wie MS eine Rolle spielen. 

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