Wenn die Luft knapp wird

Lungenerkrankungen wie COPD und Lungenkrebs sind auf dem Vormarsch. Die Diagnose ist oft langwierig und fehlerbehaftet. 

Illustrationen: Feline Pessey
Illustrationen: Feline Pessey
Dr. Ulrike Schupp Redaktion

Chronische Erkrankungen der unteren Atemwege wie COPD, Asthma Bronchiale und Lungenkrebs gehören zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Prognosen der Weltgesundheitsorganisation zufolge wird ihre Bedeutung in den kommenden 20 Jahren noch weiter zunehmen. Schon heute muss in Deutschland, dem jüngst erschienenen „Weißbuch Lunge“ zufolge, jeder 22. Mensch mit COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease) leben, einer entzündlichen Verengung der Atemwege. Weltweit leiden über 480 Millionen daran. Als eine der Hauptursachen gilt das Rauchen. Zunehmend spielen aber auch Umweltbelastungen eine Rolle. Feinstäube, wie sie in Kohle- oder Erzbergwerken sowie beim häufigen Kontakt mit Futtermitteln oder Rohbaumwolle auftreten, und chemische Substanzen können COPD verursachen oder in Schüben verschlimmern.

Der Alltag der Betroffenen ist oft mühsam. Zum Krankheitsbild gehören die quälenden „AHA-Symptome“ – Auswurf, Husten und Atemnot. Die eingeatmete Luft kann durch die verengten Bronchien nur schwer wieder ausgeatmet werden. Es kommt zu einer Überblähung der Lunge, durch die das Zwerchfell und die Atemhilfsmuskulatur beeinträchtigt werden. Anders als bei Gesunden ist allein schon das Atmen dadurch richtig anstrengend und kostet einiges an Muskelkraft. Da die Erkrankung auf Dauer zu einer Sauerstoffunterversorgung führen kann, leidet der ganze Körper, vom Herz bis zu den Muskeln. 

Gleichzeitig schafft die Forschung neue Perspektiven. Anders als lange vermutet ist die Lunge nicht weitgehend steril. Hoffnung verheißen unter anderem Untersuchungen zu ihrem Mikrobiom, der Gesamtheit der Bakterien, Viren, Hefen oder Pilze, die in der Lunge ansässig sind. Bei Erkrankungen des Organs lässt sich oft eine geringere Vielfalt bei gleichzeitig stärkerer mikrobieller Besiedelung nachweisen. Noch ist nicht klar, ob das veränderte Ökosystem die krankmachenden entzündlichen Prozesse auslöst oder ob es durch diese erst entsteht. Bei einigen COPD-Formen sind zum Beispiel schon in frühen Stadien der Erkrankung Bakterien nachweisbar, die für das Mikrobiom der Lunge untypisch sind, unter anderem Streptokokken und Staphylokokken. Die mikrobielle Situation der Lunge verändert sich in verschiedenen Stadien der Erkrankung. Bei einer Verschlimmerung konnten mehr potenziell schädliche Erreger nachgewiesen werden. Darüber hinaus hat auch das Mikrobiom im Darm Einfluss auf die Lunge und auf die Steuerung entzündlicher Prozesse. Diese Ergebnisse können zur Entwicklung von neuen Therapien beitragen, die bei der Behandlung eben auch das individuelle Mikrobiom berücksichtigen.

Überaus wichtig für die Lebensqualität der Patienten und Patientinnen ist eine möglichst frühzeitige Behandlung. Allerdings ist die frühe Diagnose von COPD nicht einfach. Die Symptome könnten anfänglich auch auf eine Erkältung, Raucherhusten oder Asthma hinweisen. Sie werden deshalb oft zu lange fehlinterpretiert oder bagatellisiert. COPD ist noch nicht heilbar. Allerdings können das Leiden gelindert und ein schwerer Verlauf verzögert oder sogar verhindert werden. Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. Zum Standard gehören bronchien­erweiternde Inhalate und entzündungshemmende Kortikosteroide. 

Über 57.000-mal im Jahr wird die gefürchtete Diagnose „Lungenkrebs“ gestellt. Für Männer ist es die zweithäufigste Krebsform nach Prostatakrebs, für Frauen die dritthäufigste nach Brust- und Darmkrebs. Neue Therapien, die ergänzend zu den klassischen Behandlungsmethoden Operation, Chemotherapie und Bestrahlung eingesetzt werden, sollen die Situation und die Prognose nun auch für Patienten und Patientinnen mit fortgeschrittenem Lungenkrebs verbessern. Zielgerichtete Therapien erkennen die Krebszellen an deren besonderen Merkmalen und greifen sie darüber an. Immuntherapien nutzen das körpereigene Abwehrsystem, um Krebszellen zu zerstören, und Virotherapien können mithilfe gentechnisch veränderter Viren Krebszellen zerstören. Wichtig ist auch hier eine stetige Verbesserung der Diagnostik. Lungenkrebs entwickelt sich zunächst fast symptomlos. Anhaltender Husten, Atemnot und Gewichtsverlust sind zwar Warnzeichen, können aber immer auch einen anderen, harmloseren Hintergrund haben. Zu den Diagnoseverfahren bei Lungenkrebs zählen heute Röntgenuntersuchungen, durch die sich auch am Lungenrand liegende Tumoren gut erkennen lassen, und Computertomographien, um Tumoren im Inneren des Organs zu entdecken. Über eine Bronchoskopie können die Bronchien untersucht und Gewebeproben für eine Labordiagnostik entnommen werden. Nicht zuletzt spielen Ursachenforschung und Prävention eine Rolle. Rauchen ist ein starker Risikofaktor für die Entstehung von Lungenkrebs. Zusätzlich können schädliche Substanzen wie zum Beispiel Asbest den Krebs verursachen. Diskutiert werden der Deutschen Lungenstiftung zufolge außerdem genetische Faktoren sowie ein Zusammenhang mit Virusinfektionen.

Dem Weißbuch Lunge zufolge haben Asthma-Erkrankungen zwischen 2010 und 2019 um 17 Prozent zugenommen. Asthma ist eine Überempfindlichkeitsreaktion der Bronchien auf unterschiedlichste Auslöser. Etwa 10 bis 15 Prozent der Lungen- und Atemwegserkrankungen sind auf den Arbeitsplatz zurückzuführen. Mehlstäube, Tierhaare oder Lacke gehören zu den Auslösern. Feinstäube schaden der Lunge ebenso wie Umweltgifte, Abgase oder die Dämpfe chemischer Reinigungsmittel. Die heftige und manchmal lebensbedrohliche Reaktion geht anfallartig mit einer Verengung der Bronchien, mit Atemnot und einer reduzierten Sauerstoffzufuhr für die Organe einher. Auch nach beschwerdefreien Phasen leiden Patientinnen und Patienten immer wieder unter Atemnot und trockenem Husten. Bei der Entstehung von Asthma spielen verschiedene Arten von Immunzellen und Botenstoffen eine Rolle ebenso wie entzündliche Prozesse in den Atemwegen. Bronchienerweiternde und entzündungshemmende Inhalatoren gehören noch immer zur Basistherapie. Reicht dies nicht aus, um die Beschwerden zu lindern, sind heute sogenannte Biologika, antientzündlich wirkende Antikörper, das Mittel der Wahl. Ihr Einsatz setzt allerdings das Vorhandensein bestimmter Biomarker bei Patientinnen und Patienten voraus. 

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