Vorausschauende Lebensrettung

Nicht verdrängen, nicht verschieben, sondern sichergehen: Früherkennungsuntersuchungen sind das A und O, um Krebserkrankungen zu verhindern – neben Standardverfahren können Blutuntersuchungen in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Illustration: Elena Resko
Illustration: Elena Resko
Frank Burger Redaktion

Krebs ist nicht nur ein individuelles Leiden, sondern wegen seiner Gefährlichkeit und Verbreitung in der Bevölkerung eine gesellschaftliche Herausforderung – einer der Gründe, warum es in Deutschland ein gesetzliches Krebsfrüherkennungsprogramm gibt, das darauf abzielt die Krebssterblichkeit zu senken. Laut dem Statistischen Bundesamt starben 2022 hierzulande 239.948 Menschen an Krebs, davon 129.140 Männer und 110.808 Frauen – doch über längere Zeiträume hinweg zeigt sich ein positiver Trend, der den Sinn von Früherkennung untermauert: Zwischen 2000 und 2010 sank die Krebssterblichkeit altersstandardisiert um elf Prozent bei Frauen und um 17 Prozent bei Männern; zwischen 2010 und 2020 ging der Wert bei Frauen um sieben Prozent zurück, bei Männern um zwölf Prozent.
 

»In Deutschland sank die altersstandardisierte Krebssterblichkeit zwischen 2010 und 2020 bei Frauen um sieben Prozent, bei Männern um zwölf Prozent.«


Bisweilen wird das Krebsfrüherkennungsprogramm auch Krebsvorsorge oder Krebs-Screening genannt, dabei unterscheiden sich diese Begriffe: Vorsorge bedeutet eine Krebserkrankung zu verhindern, bevor sie tatsächlich entsteht. Möglich ist das etwa, wenn Vorstufen von Krebs erkannt und entfernt werden. Unter Früherkennung dagegen versteht man die Entdeckung eines Tumors, wenn er noch klein ist – in diesem Stadium ist die Behandlung noch einfacher und oft erfolgreicher. Screening 
schließlich ist eine organisierte Reihenuntersuchung einer Bevölkerungsgruppe mit dem Ziel der Vorsorge oder Früherkennung von Krebs.

Für das gesetzliche Krebsfrüherkennungsprogramm gilt: Jeder Mensch kann freiwillig ab einem gewissen Alter daran teilnehmen, es richtet sich vorrangig an Menschen ohne erhöhtes Krebsrisiko, die 
 

Krankenkassen laden ihre Versicherten rechtzeitig dazu ein, versorgen sie mit Informationen und übernehmen die Kosten. Planmäßig umfasst es Untersuchungen zu Brust-, Darm-, Gebärmutterhals-, Haut- und Prostatakrebs – und natürlich können Bürger:innen die Früherkennung auch ohne Einladung beanspruchen. Für Frauen ab 30 Jahren empfehlen die Kassen eine jährliche Brustkrebsfrüherkennung, dabei tastet die Ärztin oder der Arzt Brust und Achselhöhlen ab und gibt eine Anleitung zur Selbstuntersuchung. Ab 50 Jahren sollte alle zwei Jahre eine Mammographie durchgeführt werden. Bereits ab 20 Jahren ist alle zwölf Monate Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung angeraten, bei der inneres und äußeres Genital untersucht werden, bis 34 kommt eine jährliche Abstrichanalyse von Gebärmuttermund und -hals hinzu. Mit 35 sollten sich Frauen dreijährlich auf humane Papillomviren testen lassen, am besten in Verbindung mit einem Pap-Abstrich.
 

»Liquid Biopsy ist noch nicht als alleinige Diagnosemethode zugelassen, Patient:innen sollten sie unbedingt mit weiteren Diagnoseverfahren kombinieren.«


Bei Männern ab 45 ist geschlechtsspezifisch die jährliche Abtastung der Prostata und der Lymphknoten in der Leiste sowie eine Untersuchung des äußeren Genitals wichtig für die Früherkennung.

Sowohl für Frauen wie Männer sieht das Programm eine Hautkrebsfrüherkennung vor, bei der Mediziner*innen gezielt nach Hautveränderungen fragen und die gesamte Hautoberfläche begutachten. Ebenso sollten ab 50 Jahren beide Gruppen jährlich zur Darmkrebsfrüherkennung gehen – sie umfasst Tests auf verborgenes Blut im Stuhl und eine Koloskopie. Darüber hinaus hat sich eine zusätzliche, wenn auch weniger sichere Früherkennungsmethode gegen Leberkrebs als hilfreich erwiesen: Sie besteht in einem Test auf Hepatitis-Viren, die einen Risikofaktor darstellen. 

Deutlich weniger etabliert als die Standarduntersuchungen sind neue Konzepte, die auf einem faszinierenden Gedanken beruhen: Krebs durch Blutunteranalysen zu erkennen. Die Ansätze in dieser Richtung machen Hoffnung, besonders intensiv diskutiert – auch in der Öffentlichkeit – wird die so genannte Liquid Biopsy, an der die Wissenschaft gerade mit Nachdruck forscht. Dabei wird statt einer klassischen Gewebeentnahme eine Blutprobe in den Fokus genommen. Bruchstücke von Krebszellen in der Flüssigkeit, im Fachjargon als zirkulierende Tumorzellen bezeichnet, können Anhaltspunkte zum Tumor und dessen Charakteristika liefern. 

Allerdings ist die Liquid Biopsy noch nicht als alleinige Diagnosemethode anerkannt und zugelassen, die Patient:innen sollten sie unbedingt mit weiteren Diagnoseverfahren kombinieren, die sich als zuverlässig erwiesen haben.

Eine größere Rolle spielt die Liquid Biopsy bereits in der Therapiewahl für eine manifeste Krebserkrankung, denn sie ermöglicht die Analyse bekannter Treibermutationen in bestimmten Genen, die mitentscheidend für die adäquate Behandlung sind. Effektiv sind Analysen von Blutproben unter anderem bei der Therapieentscheidung im Falle des nicht-kleinzelligen Lungenkrebses.

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