Studium ohne Hürden?

Wer Medizin im Ausland studiert, kann den strengen NC an deutschen Universitäten umgehen. Eine gute Alternative?

Illustrationen: Feline Pessey
Illustrationen: Feline Pessey
Dr. Ulrike Schupp Redaktion

Schon lange gibt es in Deutschland mehr Abiturientinnen und Abiturienten, die Medizin studieren wollen, als Studienplätze. Die Zulassungsbeschränkungen an den Universitäten sind deshalb streng. Für einen Studienplatz darf der NC, der Durchschnitt der Abi-Noten, nicht unter 1,2 liegen. Seit 2023 haben Studierende nicht einmal mehr die Möglichkeit, über Wartesemester einzusteigen. Gleichzeitig fehlen in Deutschland schon heute über 15.000 Ärztinnen und Ärzte, eine wachsende Anzahl älterer Menschen benötigt medizinische Versorgung. Viele Ärzte und Ärztinnen werden jedoch in den nächsten Jahren in Rente gehen. Das Medizinstudium an einer Uni im Ausland, die keinen NC verlangt, bietet einen Ausweg aus der Misere - mit zahlreichen Vorteilen, aber auch mit Nachteilen.

Osteuropa ist gefragt

Bei deutschen Studierenden sind vor allem Universitäten in Osteuropa gefragt. Viele bieten hohe fachliche Standards, eine moderne technische Ausstattung und viel Erfahrung in internationaler Lehre. Sie sind weltweit durch Kooperationen vernetzt, sodass es möglich ist, Studienmodule an anderen Unis zu absolvieren. Während die Universitäten in Deutschland zu 90 Prozent vom Bund finanziert werden, gibt es im Ausland keine Subventionen für Studienplätze ausländischer Studierender. Das hat seinen Preis. Der gehört eindeutig zu den Nachteilen des Auslandsstudiums.

Während der Platz in Harvard oder Yale mehrere 100.000 USD pro Jahr kostet, verlangen europäische Universitäten immerhin „nur“ zwischen 7500 und 20.000 Euro, hinzu kommen für die Studierenden die Lebenshaltungskosten, die in Osteuropa etwas niedriger sind als in Deutschland. Lukas Risters, Präsident der International Students Association an der Riga Stradins Universität (RSU) in Lettland, weist darauf hin, dass die RSU, ähnlich wie andere europäische Universitäten, Möglichkeiten bietet, um die Gebühren zu reduzieren, unter anderem durch akademische Exzellenz oder besondere Leistungen, die dem Image der Uni zugutekommen, etwa in Forschungsprojekten. Außerdem gibt es „Stipendien deutscher Firmen, die einem das Studium im Ausland finanzieren. Brandenburg bietet zum Beispiel Stipendien an, wenn man sich verpflichtet, dort anschließend als Arzt auf dem Land zu arbeiten.“ Einige der Studierenden finanzieren sich zudem über Studienkredite. 

Die RSU zählt wie die Jessenius Universität in Martin in der Slowakei, die Budapester Semmelweis Universität und die Karls Universität in Prag zu den bekanntesten Adressen für Studierende aus Deutschland. Ihre Studienabschlüsse sind in der EU und darüber hinaus anerkannt. Mehr als 4000 Ärzte und Ärztinnen, die an der Semmelweis Universität studiert haben, praktizieren heute in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da das Studium in Budapest auch in deutscher Sprache möglich ist und die Uni mit den Asklepius Kliniken kooperiert, gibt es in der ungarischen Hauptstadt eine große Community von Studierenden aus Deutschland. Einige von ihnen werden den klinischen Teil ihrer Ausbildung in Hamburg am Asklepius Campus fortsetzen.  

Die Jessenius Universität wirbt wie viele Unis im Ausland mit einer persönlichen Betreuung der Studierenden in kleineren Gruppen, wie sie hierzulande eher unüblich ist. Sie verfügt über einen modernen medizinischen Campus, ein renommiertes Zentrum für biomedizinische Forschung und Spezialisierungen auf Neuroscience, Molekularbiologie und Pneumologie. „Da sich das Semester aus den verschiedensten Nationalitäten zusammensetzt, ist man in den Gruppen mehr oder weniger gezwungen, Englisch zu sprechen“, sagt Alexander (Nachname bekannt), der an der Jessenius Medizin studiert hat und den Studienalltag als „angenehm“ erlebt hat. Für viele sind die internationale Atmosphäre und das Studium in der Fremdsprache Pluspunkte. Die Karls Universität kann als älteste Universität in Europa mit einer Tradition von 1348 bis heute aufwarten und hat 2022 einen modernen Campus neu eröffnet. Hier wie auch an der RSU ist die Studiensprache Englisch.

An der Riga Stradins Universität studieren etwa 2500 ausländische Studierende Medizin und Zahnmedizin. Die meisten von ihnen kommen aus Schweden, Deutschland, Italien, Finnland und Norwegen. Eine Lehrkraft betreut etwa 15 Personen. Die medizinisch-technische Ausstattung, Laboratorien und Forschungszentren überzeugen auf hohem zeitgemäßem Niveau. Eins der Highlights ist das Anatomicum. Schon während der ersten zweieinhalb Jahre ihrer Ausbildung können Studierende hier neben theoretischen Kenntnissen praktische Erfahrungen durch die Arbeit mit Biomaterialien sammeln. 200 Erasmus- und weitere Partnerschaften sowie Kooperationen mit mehreren europäischen Ländern, darunter Italien, Österreich, die Türkei und Deutschland, bieten die Möglichkeit, Studienmodule andernorts zu absolvieren. Die Gebühren liegen im Vergleich mit Privaten Hochschulen und anderen europäischen Universitäten mit 6250 Euro pro Semester Medizin und 7000 Euro für Zahnmedizin im Mittelfeld. 

Svea-Luise Tollhagen, die ihr Studium der Zahnmedizin an der RSU im Juni abgeschlossen hat, hebt neben der guten Ausstattung den frühen Patientenkontakt hervor. „In Deutschland kann es herausfordernd sein, genug Patienten für die Semesterbehandlung zu finden. In Riga ist die Warteliste mit Patienten, die von Studierenden am stomatologischen Institut behandelt werden möchten, lang. Es ist bekannt, dass die Zahnbehandlungen auf sehr hohem Niveau stattfinden, auch wenn sie etwas länger dauern, da die Behandlungsschritte eng von Professoren überwacht werden.“ 

Aber wie leicht ist es wirklich, an den angesagten Unis einen Studienplatz zu erhalten? In Riga kommen auf einen Platz zwei bis drei Bewerbungen. Wer an der Riga Stradins Universität starten will, braucht gute Englischkenntnisse und Noten in Fächern wie Biologie, Chemie, Physik und Mathematik. Die Jessenius und die Karls verlangen eine Aufnahmeprüfung mit Fragen aus Biologie, Physik und Chemie. Auch an den europäischen Universitäten gibt es also Aufnahmehürden. Wer es jedoch geschafft hat, profitiert nicht nur fachlich, sondern meist auch ein Leben lang von dem internationalen Netzwerk, das in der Studienzeit entsteht. 

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