Bryan Johnson hat sich zum Ziel gesetzt, seinen Alterungsprozess umzukehren und seinen Tod möglichst lange hinauszuzögern. Der 47-jährige US-amerikanische Tech-Millionär ernährt sich vegan und nimmt über 100 Nahrungsergänzungsmittel täglich ein. Er hält einen strikten Schlaf-Wach-Rhythmus und treibt täglich Sport. Sein Körper wird von einem Team aus über 30 Ärzten und Wissenschaftlern überwacht. Die Fortschritte dokumentiert er öffentlich in sozialen Medien. Sein Ziel ist es, alle seine Organe auf das biologische Alter eines 18-Jährigen zu bringen. Unter dem Motto „Don’t Die“ hat er eine Community aufgebaut, die sich gegen den vorzeitigen Tod und für ein gesundes Leben einsetzt.
Immer mehr Menschen verfolgen die Ziele der „Longevity“-Bewegung: länger zu leben, aber die zusätzlichen Jahre auch möglichst gesund, fit und aktiv zu verbringen. Dahinter steht das Wissen um die „Healthspan-Lifespan-Lücke“. Sie bezeichnet den Unterschied zwischen Lebensdauer und der Zeit, in der Menschen gesund leben. Zahlen der EU-Statistikbehörde Eurostat zeigen für 2023, dass Neugeborene in der EU durchschnittlich 63,1 gesunde Lebensjahre ohne wesentliche Aktivitätseinschränkungen erwarten können, 63,3 Jahre bei Frauen und 62,8 Jahre bei Männern. Zum Vergleich: Die Lebenserwartung bei Frauen liegt EU-weit bei durchschnittlich 84 Jahren, bei Männern bei 78,7 Jahren. Das bedeutet: Gesunde Lebensjahre machen rund 75 Prozent der Gesamtlebenserwartung bei Frauen und 80 Prozent bei Männern aus. Prognosen bis ins 22. Jahrhundert deuten darauf hin, dass diese Lücke ohne gezielte Interventionen weiter wachsen könnte.
FAKTOREN DES GESUNDEN LEBENS
Viele Menschen versuchen nun, ihre eigene „gesunde Lebensspanne“ zu verlängern – häufig weit über die klassischen Präventionsmaßnahmen hinaus. In der wissenschaftlichen und medizinischen Diskussion wird der positive Effekt von Nichtrauchen, normalem Körpergewicht, regelmäßigem Ausdauer- und Krafttraining sowie einer ausgewogenen Ernährung auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und einige Krebsarten klar belegt. Diese Faktoren sind auch in umfangreichen Bevölkerungsstudien immer wieder als zentrale Treiber einer längeren Lebens- und Gesundheitsspanne identifiziert worden.
Parallel dazu entsteht eine Kultur der Selbstoptimierung: Wer Zeit und Geld hat, setzt Wearables, Apps und digitale Gesundheitsplattformen ein, um Schritte, Puls, Schlafphasen, Blutzucker oder Herzfrequenzvariabilität zu tracken. Aus medizinischer Sicht können solche Messungen helfen, Bewegungsmangel, schlechten Schlaf oder ungesunde Ernährungsgewohnheiten zu erkennen; die Evidenz dafür, dass sie allein eine deutlich längere Lebensdauer bringen, ist aber begrenzt. Deutlich problematischer ist, dass eine wachsende Szene von „Biohackern“ auf Basis von Erfahrungsberichten, Influencer-Inhalten und teils unregulierten Produkten extrem individualisierte Therapien mit Hormonen, Nahrungsergänzungsmitteln und experimentellen Medikamenten verfolgt. Viele dieser Maßnahmen sind wissenschaftlich weder fundiert noch hinreichend auf Sicherheit getestet.
WIE REALISTISCH IST „FIT BIS INS HOHE ALTER“?
Die wissenschaftliche Basis für die Aussage, dass man sich „gesundes Altern“ durch Verhaltensänderungen erkaufen kann, ist uneinheitlich. Einerseits belegen zahlreiche kohortenbasierte Studien, dass Menschen mit normalem BMI, ohne Rauchen, mit moderater Bewegung und ausgewogener Ernährung weniger an Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und bestimmten Krebsarten erkranken und im Durchschnitt länger leben. Diese Faktoren tragen dazu bei, die Lebenserwartung in Europa seit 1990 deutlich zu erhöhen, auch wenn das Wachstum in den letzten Jahren gebremst wurde. Andererseits zeigt eine aktuelle Studie der Mayo Clinic zum „Healthspan-Lifespan-Gap“, dass auch in Ländern mit hoher Lebenserwartung erhebliche Teile der Lebenszeit mit Krankheitslast verbracht werden. Die Autoren betonen, dass die Struktur der Morbidität in Europa von muskuloskelettalen Erkrankungen, Verletzungen und nichtübertragbaren Krankheiten geprägt ist und dass die Lücke zwischen Lebensdauer und Gesundheitsdauer weltweit ein universelles Phänomen ist, das sich je nach Region unterschiedlich ausprägt. Prognosen gehen davon aus, dass ohne tiefgreifende gesellschaftliche Maßnahmen – etwa gegen Bewegungsmangel, Übergewicht, ungünstige Umweltbedingungen und soziale Ungleichheit – die Phase der Erkrankung eher weiter nach hinten verschoben als beseitigt wird. Genau hier aber steckt auch die individuelle Chance. Die Sehnsucht nach einem langen, gesunden Leben wird auch von der Medizin unterstützt – in Form von Präventionskampagnen, besseren Screening-Programmen und personalisierten Gesundheitsansätzen. Die EU-Statistik zeigt bereits, dass die durchschnittliche Zahl gesunder Lebensjahre in der EU in den letzten Jahren leicht steigt, auch wenn die absolute Lücke zur Lebenserwartung weiterhin groß bleibt. Die Gesundheitsbranche muss sich daher zwischen zwei Polen positionieren: auf der einen Seite seriöse, evidenzbasierte Prävention und auf der anderen Seite die kommerzielle Longevity-Vermarktung.
Gleichzeitig wirft die Debatte um Longevity wichtige gesellschaftliche Themen auf: Wie wollen wir Altern gestalten? Wie viel Kontrolle über den eigenen Körper ist noch sinnvoll? Und wie kann die Gesundheitspolitik sicherstellen, dass die Chancen auf ein langes, gesundes Leben nicht nur einer kleinen, wohlhabenden Gruppe zugutekommen, sondern gesamtgesellschaftlich wirken? Die Antwort darauf wird nicht allein in Laboren und Kliniken gefunden, sondern auch in der Art, wie wir als Gesellschaft über Gesundheit und Verantwortung sprechen.