Herzensangelegenheit

Dezember 2019 | stern | Meine Gesundheit

Herzensangelegenheit

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind noch immer die mit Abstand häufigste Todesursache in Deutschland.

Illustrationen: Maria Corbi Illustration
Juliane Moghimi / Redaktion

38.700 Menschen sind laut Statistischem Bundesamt 2016 aufgrund einer Herz-Kreislauf-Erkrankung gestorben. Damit betrug der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtsterbestatistik mehr als 37 Prozent. Zum Vergleich: Die Zahl der an einer Krebserkrankung Verstorbenen lag im gleichen Zeitraum bei 23.700 (26 Prozent).


Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufsystems sind seit Jahren die Todesursache Nummer eins in Deutschland. Die Deutsche Herzstiftung konstatiert in ihrem Jahresbericht von 2017, dass mehr als die Hälfte der 2015 verstorbenen Herzpatienten an der sogenannten koronaren Herzkrankheit litten. Hierbei kommt es durch eine Arteriosklerose („Gefäßverkalkung“) zur Einengung der Herzkranzgefäße, was einen gefährlichen Sauerstoffmangel im Herzmuskel zur Folge haben kann. Im Extremfall führt dies zum akuten Infarkt – ein Zustand, der noch immer allein in Deutschland pro Jahr fast 50.000 Menschenleben fordert.


Das Tückische an der koronaren Herzkrankheit ist, dass sie sich oft erst dann bemerkbar macht, wenn es schon zu spät ist. Von den insgesamt rund 1,7 Millionen Herzpatienten, die jedes Jahr vollstationär in Deutschlands Kliniken behandelt werden, leidet gut die Hälfte an Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörungen und nur etwa 39 Prozent an der koronaren Herzkrankheit. Bei der Sterberate der Herzkranken ist dieses Verhältnis jedoch umgekehrt: 58 Prozent gehen auf koronare Herzerkrankungen, 21 Prozent auf eine Herzinsuffizienz und 13 Prozent auf Herzrhythmusstörungen zurück. Es werden also prozentual gesehen deutlich weniger Menschen wegen ihrer koronaren Herzkrankheit behandelt als daran sterben.

 

Ursachen und Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen

 

Über die Ursachen von nicht angeborenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen herrscht heutzutage weitgehend Klarheit. Die koronare Herzerkrankung wird vor allem durch Bluthochdruck begünstigt. Von den rund 20 Millionen betroffenen Erwachsenen in Deutschland weiß allerdings – so die Schätzung der Deutschen Herzstiftung – jeder Fünfte nichts von seiner Erkrankung. Zudem haben fast zwei Drittel der erwachsenen Deutschen zu hohe Cholesterinwerte, was ebenfalls zur Arteriosklerose führen kann. Hier ist sogar die Hälfte aller Fälle bislang unerkannt.


Eine Herzinsuffizienz liegt vor, wenn die Pumpleistung des Herzmuskels nicht mehr stark genug ist. Sie kann als Folge der koronaren Herzerkrankung auftreten, aber auch nach Entzündungen oder durch eine defekte Herzklappe. Betroffene leiden je nach Art der Insuffizienz unter Kurzatmigkeit auch bei geringer Belastung, Wassereinlagerungen mit verstärktem nächtlichem Harndrang sowie allgemeiner Müdigkeit und Erschöpfung.


Auch Herzrhythmusstörungen gehören zu den möglichen Folgen der koronaren Herzerkrankung. Sie machen sich als Herzstolpern, Herzrasen oder vorübergehendes Aussetzen des Herzschlags deutlich bemerkbar und werden ebenfalls durch Bluthochdruck und Übergewicht begünstigt. Unbehandelt kann vor allem das Vorhofflimmern das Risiko für einen Schlaganfall deutlich erhöhen.


Vor allem die Entstehung einer koronaren Herzerkrankung, die weitere Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann, wird durch das Rauchen maßgeblich begünstigt: Denn die Inhaltsstoffe der Tabakprodukte schädigen sowohl den Herzmuskel selbst als auch die Gefäßwände, was wiederum die Arteriosklerose begünstigt.


Die gute Nachricht ist: Selbst für langjährige Raucher lohnt sich das Aufhören jederzeit. Heute weiß man, dass sich bereits ein Jahr nach dem Rauchstopp das Risiko für eine koronare Herzkrankheit halbiert hat. Nach zwei rauchfreien Jahren ist das Herzinfarktrisiko auf fast normale Werte abgesunken und nach 15 Jahren ist es für das Herz-Kreislauf-System so, als hätte man nie geraucht.

 

Bundesweite Forschung

 

Aber auch der Alkoholkonsum kann dem Herzen gefährlich werden, denn er erhöht den Blutdruck. Die Schweizerische Herzstiftung empfiehlt deshalb, dass Männer nicht mehr als 30 und Frauen nicht mehr als 20 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nehmen sollen. Das entspricht für Männern 0,3 Litern Wein oder 0,7 Litern Bier, für Frauen 0,2 Litern Wein bzw. einem halben Liter Bier. Darüber hinaus gilt es, zu viel Salz beim Essen sowie deutliches Übergewicht und dauerhaften Stress zu vermeiden. Denn all diese Faktoren fördern die Entstehung eines Bluthochdrucks und damit der koronaren Herzkrankheit.


Der großen Bedeutung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Kranken- und Sterbestatistiken ist es geschuldet, dass sich auch die Medizinforschung intensiv mit diesem Thema befasst.


Um hier möglichst rasche Fortschritte zu erzielen, wurde bereits 2011 das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) gegründet. Hier wird in 32 Einrichtungen an sieben Standorten in Deutschland interdisziplinäre Forschung betrieben. Experten aus der Grundlagenforschung und der klinischen Forschung arbeiten eng zusammen, mit dem erklärten Ziel, immer mehr Herzinfarkte und Herzschwächen zu verhindern oder erfolgreich zu behandeln sowie dem plötzlichen Herztod vorzubeugen. Es geht ihnen vor allem darum, wissenschaftliche Innovationen zu fördern und sie rasch in die klinische Anwendung und damit in die Patientenversorgung einzubringen.


Derzeit laufen 18 klinische Studien, die finanziell oder ideell vom DZHK unterstützt werden. Untersucht werden dabei unterschiedliche Aspekte: zum Beispiel, wie lange es dauert, bis eine zufällig festgestellte eingeschränkte Herzleistung in eine manifeste Herzerkrankung mit Symptomen übergeht oder wie das gefährliche Vorhofflimmern mithilfe eines speziellen Rhythmuspflasters früher erkannt werden kann. Außerdem wird derzeit eine deutschlandweite Datenbank zu durch erbliche Veranlagung oder Entzündungen verursachte Herzmuskelerkrankungen aufgebaut, um die noch weitestgehend unbekannten molekularen Ursachen dieser Erkrankungen zu erforschen. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse können dann neue Therapien und bessere Diagnoseverfahren entwickelt werden. ■