Immunabwehr, Hormonproduktion, psychische Gesundheit – im Magen-Darm-Trakt passiert deutlich mehr als nur die Verdauung. Mittlerweile weiß die Wissenschaft, dass die sogenannten Biomarker im Darm Hinweise auf Krankheiten, Entzündungen und Stoffwechselstörungen geben und versucht, diese Daten nutzbar zu machen. So haben Ingenieure am California Institute of Technology, Caltech, im Sommer 2025 mit Pilltrek eine smarte, schluckbare Kapsel vorgestellt, die direkt im Darm Messdaten aufzeichnet. Patientinnen und Patienten schlucken vereinfacht ausgedrückt ein kleines Labor, dass elektrochemisch direkt am Ort des Geschehens Substanzen, die Temperatur oder den pH-Wert messen und die Daten anschließend drahtlos „nach draußen“ senden kann. Konkret erklärt Wei Gao, Professor für Medizintechnik am Caltech: „Pilltrek kann Metaboliten, Ionen, Hormone wie Serotonin und Dopamin und möglicherweise sogar Proteine messen. Und das alles im Darm, einer komplexen Umgebung.“ Weitere Forschung sei nun nötig mit dem Ziel, aus den gesammelten Daten Diagnosen gewinnen oder chronische Erkrankungen überwachen und behandeln zu können. Eine dieser chronischen Erkrankungen, die beispielsweise unter anderem im Darm beginnen, ist Multiple Sklerose. Das haben Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München ebenfalls in diesem Sommer entdeckt. Konkret haben sie in einer Zwillingsstudie herausfinden und in einer anschließenden Untersuchung mit Mäusen bestätigen können, dass zwei im Dünndarm beheimatete Bakterien die Entstehung von MS begünstigen.
Was die aktuelle Forschung damit im Umkehrschluss jedoch auch unterstreicht: Mit einem starken Fokus auf einen gesunden Darm kann sich die allgemeine Gesundheit deutlich verbessern. Und hier hat ein Großteil der Deutschen Nachholbedarf – auch, weil es vielen Menschen nach wie vor unangenehm ist, über ihren Darm oder gar ihren Stuhlgang zu sprechen. Eine Studie des Pharmaunternehmens Norgine aus diesem Jahr zeigt, dass sich 39 Prozent der Befragten damit unwohl fühlen – und das, obwohl 77 Prozent der Deutschen laut Umfrage an Verstopfung leiden und von deutlichen Beschwerden und Einschränkungen im Alltag berichten.
Dabei ist es gar nicht so schwer, den vielen im Darm lebenden Bakterien – sie sind letztendlich für unsere Darmgesundheit verantwortlich – etwas Gutes zu tun. Noch bedarf es auch hier zwar weiterer Forschung, doch einen guten Anhaltspunkt mit wissenschaftlicher Grundlage liefert das „American Gut Project“, an dem mehr als 11.000 Menschen aus den USA, Großbritannien und Australien teilgenommen haben. Demnach lautet der Schlüssel zu einer guten Verdauung Vielfalt – und zwar auf dem Teller. Eine Person, die 30 verschiedene Pflanzen pro Woche isst, hat ein gesünderes Mikrobiom als eine Person, die nur auf zehn Pflanzen pro Woche kommt, folgert Tim Spector vom Londoner King’s College aus den US-Studiendaten. Auch Ballaststoffe im Speiseplan und weniger Stress helfen dem Mikrobiom, heißt es von der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Essen entscheidet also maßgeblich darüber, wie gesund wir letztendlich leben.
Illustration: Stephanie Hofmann