Digitale Therapien

Die Pandemie hat auch viele zuvor psychisch stabile Menschen zermürbt. Video-Coaching, Online-Therapie und Vernetzungsangebote können helfen.
Illustration: Antje Kahl
Illustration: Antje Kahl
Andrea Hessler Redaktion

Coronabedingte Kontaktbeschränkungen und Ängste machen krank. Deutlich beweist dies eine weltweite Studie, an der Dutzende medizinischer Institutionen teilgenommen haben. Recherchen und Ergebnisse wurden kürzlich in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht. Danach haben Depressionen und Angsterkrankungen im Laufe der Pandemie um Millionen Fälle zugenommen. Besonders betroffen waren Frauen, Kinder und Jugendliche.

Hinzu kommt ein weiterer Feind für die psychische Gesundheit: Auf einem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) stellten Experten fest, dass die Klimakrise ein „medizinischer Notfall“ sei, der zu einem globalen psychosozialen Risikofaktor werde. „Unsere alltägliche Lebensumwelt wird durch Luftverschmutzung und Klimawandel zu einem unsicheren Ort“, sagt Prof. Dr. Mazda Adli, Chefarzt an der Fliedner Klinik Berlin und Leiter Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Das versetzt viele in Angst oder führt zum Gefühl der Hilflosigkeit und das Risiko für psychische Störungen wird größer. Wir sprechen heute von ‚Eco-Distress‘.“

Psychische Erkrankungen sind hierzulande immer noch mit einem Stigma behaftet. Viele Betroffene scheuen sich, professionelle Hilfe zu suchen. Vorurteile und Ausgrenzung im beruflichen und privaten Umfeld sind für psychisch Erkrankte und deren Familien oft eine große Belastung. Daher zeichnet die DGPPN Projekte aus, die sich für eine nachhaltige Integration psychisch erkrankter Menschen einsetzen. Im November 2021 wurde unter anderem das Projekt Soul Lala prämiert. Dies ist eine Online-Community für Jugendliche und junge Erwachsene, die eine seelische Krise durchleben oder erlebt haben. Sie können sich sowohl über die Plattform als auch bei Live-Veranstaltungen mit anderen Betroffenen vernetzen und austauschen.

Auch Angebote von Behandlungen auf Distanz nehmen zu. Viele Psychotherapeuten bieten inzwischen Videosprechstunden an, was vor Corona die Mehrheit noch abgelehnt hat. Doch ob live oder auf Distanz, die Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz sind lang. Besser als Nichtstun ist es, die Zeit mit einem Online-Programm zu überbrücken. Einige dieser Angebote, so die Stiftung Warentest, sind bei bestimmten psychischen Problemen wie etwa einer Depression gut wirksam. So können etwa die Programme moodgym, welches die AOK für den deutschen Markt übersetzt hat, das Programm deprexis der DAK und der Depressions-Coach der TK Patienten in depressiven Phasen unterstützen. Mithilfe von Avataren und einfachen Übungen lernen sie, sich aus destruktiven Grübelschleifen zu befreien.

Zunächst können Grübelschleifen oft schon mit einfachen Tricks unterbrochen werden. So empfehlen Psychotherapeuten zum Beispiel, das Grübeln einfach zu verschieben, nach dem Motto: „Grübeln ja, aber erst heute Nachmittag. Jetzt habe ich dafür keine Zeit, sondern muss dies und das erledigen.“ In vielen Fällen wird man das aufgeschobene Grübeln dann vergessen haben – oder man verschiebt es nochmals. Ein weiterer Trick ist, sich einen „Grübelplatz“ auszusuchen, etwa einen Stuhl in einer Ecke der Wohnung. „Okay, ich will grübeln, aber nicht im Bett, nicht in der Badewanne, sondern nur auf dem unbequemen Stuhl dort hinten.“ Sitzt man dann auf dem Stuhl, sollte der zeitliche Rahmen bestimmt werden, währenddessen man grübeln darf. „Gut, ich muss heute grübeln, aber maximal bis 16 Uhr, dann trinke ich mit meiner Nachbarin Kaffee.“

Diese Art von Selbstcoaching erfordert natürlich Selbstdisziplin. Hilfreich kann es sein, sich dabei von digitalen Therapien unterstützen zu lassen. Diese können zum Beispiel bei Anbietern wie HelloBetter und Selfapy gebucht werden, die beide inzwischen auf Rezept erhältlich sind. HelloBetter bietet eine Online-Behandlung gegen Burn-out, Selfapy gegen Depressionen, Angst- und Panikstörungen. Die Ansätze basieren auf Grundlagen der Verhaltenstherapie. Ziel von Selfapy ist es, während der zwölf Wochen dauernden Online-Kurse eigene Ressourcen der Patienten zu aktivieren. Dazu dienen Texte, Videos und Übungen. Wichtig ist bei allen psychischen Erkrankungen, dass Patienten sich nicht alleingelassen fühlen. Daher werden Kunden von HelloBetter und selfapy von Psychologen begleitet. So ganz in Eigenregie, online und ohne menschlich-fachliche Unterstützung funktioniert die Hilfe bei psychischen Problemen wohl nicht.

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