Körper und Geist leiden gemeinsam

Kognitive Störungen bei Multipler Sklerose: Was sie aussagen und wie sie behandelt werden können, erläutert die Neurowissenschaftlerin Iris-Katharina Penner.

Prof. Dr. Iris-Katharina Penner ist assoziierte Professorin für kognitive Neurologie und Neuropsychologie an der Universität Bern
Prof. Dr. Iris-Katharina Penner ist assoziierte Professorin für kognitive Neurologie und Neuropsychologie an der Universität Bern
Merck Healthcare Germany Beitrag

Frau Dr. Penner, mit Multipler Sklerose, kurz MS, assoziieren die meisten Menschen vor allem motorische Beeinträchtigungen – sogenannte „unsichtbare“ Symptome sind weniger bekannt. Welche zählen dazu und wie häufig sind sie?

Am prominentesten tritt die Fatigue zutage, die Erschöpfungssymptomatik, von der mehr als 90 Prozent der Patienten betroffen sind. Unter Depressionen und Angststörungen leiden circa 35 bis 50 Prozent, unter kognitiven Störungen rund die Hälfte. All diese Symptome treten oft vergesellschaftet auf – das macht es schwierig zu eruieren, welches Symptom im Vordergrund steht und vorrangig behandelt werden sollte.
 

Welche Formen kognitiver Störungen kennzeichnen MS?

MS-Patienten verlangsamen oft kognitiv. Sie brauchen länger, um Informationen zu prozessieren. In der Diagnostik bezeichnen wir das als die rote Flagge, weil sich dieser Geschwindigkeitseinbruch typischerweise zuerst zeigt. Zweitens leiden oft Lernfähigkeit und Kurzzeitgedächtnis, drittens sind Funktionen wie Planen, vorausschauendes Denken, Problemlösen und Multitasking in Mitleidenschaft gezogen.
 

Welche Aussagekraft haben kognitive Störungen für die Progression der MS?

Bislang orientiert sich die Einstufung vor allem an motorischen Behinderungen wie eingeschränkter Gehfähigkeit und anderen physischen Beeinträchtigungen wie Spastiken oder Blasenstörungen – das greift zu kurz, denn kognitive Störungen sind vor allem ein sehr aussagekräftiger Prädiktor für die Progredienz: Bei Patienten, die zum Zeitpunkt der MS-Erstdiagnose bereits kognitiv auffällig sind, ist im weiteren Verlauf mit hoher Wahrscheinlichkeit eine stärkere Behinderungsprogression zu erwarten. Somit können frühe kognitive Störungen wichtig für die Therapiewahl sein. Zudem gibt es auch eine Progredienz auf rein kognitiver Ebene, die kognitive PIRA, die unabhängig von körperlichen Verschlechterungen bei circa 68 Prozent der Betroffenen auftritt.
 

Wie steht es mit nicht-medikamentösen Ansätzen?

Intensiver Sport wirkt positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit – und auch auf die Fatigue. Darüber hinaus kann kognitives Training helfen, etwa in Form einer App, ebenso achtsamkeitsbasierte Meditation, welche nicht nur Gehirnstruktur verändern, sondern auch auf das eigene Hirnalter Einfluss nehmen kann. Wichtig ist außerdem Neuroedukation: Wir erklären den Patienten, warum sie bestimmte Symptome haben – wer ein Problem durchdringt, bewältigt es besser. Und schließlich ist Akzeptanz- und Commitment-Therapie mit entscheidend, die auf die Annahme und Akzeptanz der chronischen Erkrankung abzielt. Wenn Patienten sich ständig fragen „Warum ich?“, raubt das Energie, die Betroffene für den Blick nach vorn benötigen.
 

Welche pharmakologischen Behandlungen gibt es?

Es gibt zwar keine sogenannte Klasse-1-Evidenz, dass Immuntherapien gezielt auf die kognitiven Fähigkeiten einwirken. Doch es gibt einen wesentlichen Sekundäreffekt: Immuntherapien können die Krankheitsaktivität reduzieren, schützen so die Gehirnstruktur und kommen damit indirekt auch der Kognition zugute.
 

KOGNITIVE FÄHIGKEITEN ERHALTEN. VON ANFANG AN.

Kognitive Einschränkungen bei MS sind häufig, treten bereits früh im Krankheitsverlauf sowie meist schubunabhängig auf und können die Lebensqualität und Erwerbsfähigkeit von MS-Patienten stark beeinträchtigen. Weitere Informationen finden Sie auf:

www.ms-kognition.de

 

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