Herumfläzen am Infinity-Pool, um die Wette schwitzen in großzügiger Sauna-Landschaft, zwischendurch und immer wieder Wohlfühlund Pflegebehandlungen – gibt es für gestresste und überarbeitete Gäste etwas Angenehmeres als Wellnessurlaub? Wer der Meinung ist, dass Reiseveranstalter diesen „schon immer“ anbieten, irrt gewaltig. Vor 70 Jahren wurde in den USA überhaupt erst das Wort „Wellness“ erfunden, es ist eine Kombination der Begriffe Wellbeing und Fitness. Zwischen 1990 und 1995 und nicht früher machen Reiseveranstalter Wellness zum touristischen Produkt und nehmen entsprechende Programme in ihre Kataloge auf. In Deutschland, Österreich und der Schweiz öffnen erste Wellnesshotels.
Zwischen der Jahrtausendwende und 2010 erlebt Wellnessurlaub die erste Boomphase. Hotelketten spezialisieren sich auf dieses Segment des Gesundheitstourismus. Rund um den Globus entstehen Thermen und Spa-Resorts. Nach dem Ende der Corona-Pandemie erzielt der Wellnessurlaub schwindelerregenden Erfolg, wie Zahlen belegen, die von der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), der nationalen Tourismusmarketing-Organisation Deutschlands, erhoben wurden. Danach bestätigt der Global Wellness Economy Monitor 2025, von der renommierten Non-Profit-Organisation Global Wellness Institut (GWI) mit Sitz in Miami gerade vorgestellt, dieses Wachstum. Im vorigen Jahr erreichte der Wellnesstourismus weltweit ein Umsatzvolumen von 893 Milliarden Dollar. Das ist ein sattes Plus von 13,8 Prozent im Vergleich zu 2023. Und der Boom hält an: Bis 2029 erwartet das GWI jährliche Steigerungsraten von 9,1 Prozent – auf dann 1.383 Milliarden Dollar.
Wo steht Deutschland als Destination für Wellnessreisen? Immerhin – nach den USA, China und Frankreich – weltweit auf Platz 4 mit 77,2 Millionen Reisen und Ausgaben von 40,6 Milliarden Dollar, das sind knapp 35 Milliarden Euro. Das GWI schätzt, dass 87 Prozent der Wellness-Reisenden aus dem Inland stammen und 13 Prozent aus dem Ausland. Bei genauerem Hinsehen sind 17 Prozent der Wellnessreisen sogenannte Primary Trips: Sie dienen ausschließlich dem Besuch von Spas, Gesundheitsresorts oder heißen Quellen. Der große Rest sind Secondary Trips und verbinden Wellness mit Kulturerlebnissen und anderen Aktivitäten.
»Wellness ist ein Kunstwort, eine Kombination der Begriffe Wellbeing und Fitness.«
Laut DZT wurden im Vorjahr 6,2 Millionen Übernachtungen internationaler Gäste in deutschen Heilbädern und Kurorten registriert – ein Plus von1,5 Prozent im Vergleich zu 2023 und ein Marktanteil von 7,2 Prozent. Der Qualitätsmonitor Deutschland-Tourismus der DZT hat auch die Gründe für die Entscheidung ermittelt, Wellnessurlaub in Deutschland zu machen: Das sind Wellness- und Beauty-Angebote (66 Prozent), das Einkaufsangebot (36 Prozent), Erholungsmöglichkeiten (32 Prozent) und gute Erfahrungen in der Vergangenheit (25 Prozent). Ein vielleicht überraschendes Ergebnis: Die Liste der Top-10-Quellmärkte für internationale Wellnessurlauber in Deutschland führen die Niederlande mit 19 Prozent an, mit weitem Abstand zur Schweiz (11 Prozent) und zu Italien und Österreich (je 9 Prozent). Die USA liegen mit 4 Prozent auf dem letzten Platz der Top-Ten-Liste.
Wo zieht es sie hin, all die deutschen und ausländischen Gäste, die Wellnesstrips buchen? Wer vom Deutschen Tourismuverband (DTV) – immerhin dem Dachverband, der sich mit Tourismus in Deutschland beschäftigt – eine Antwort erwartet, wird enttäuscht: „Leider haben wir keine detaillierten Zahlen zu Wellnessreisen“, heißt es von dort lakonisch. Verwiesen wird auf die Reiseanalyse, die das Reiseverhalten der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren untersucht. Bei der Haupturlaubsreise im Jahr 2024 weist Bayern einen überdurchschnittlichen Anteil an Wellnessurlauben auf, nämlich 4,7 Prozent. Auf ganz Deutschland bezogen waren es nur 0,9 Prozent.
Mehr noch: Bei der Frage nach der Urlaubsart bei Urlaubsreisen im Vorjahr mit Mehrfachnennung gaben 14,2 Prozent der Befragten an, 2024 einen Wellnessurlaub in Bayern gemacht zu haben. Mehrfachnennung bedeutet, dass während der Urlaubsreise verschiedene Aktivitäten im Fokus standen und 14,2 Prozent der Befragten auch Wellnessangebote wahrgenommen haben. Aber es gibt dazu keine genauen Zahlen. „Die Urlaubsart wird statistisch nicht erfasst“, lautet die Auskunft der Bayern Tourismus Marketing GmbH. Das ist beim Gewicht des touristischen Produkts Wellnessreisen nur schwer zu begreifen: Es gibt keine zentrale offizielle Statistik, die sauber „Wellness-Touristen pro Bundesland“ ausweist.
BAYERN HAT DIE MEISTEN WELLNESS-HOTELS
Zumindest einen Fingerzeig liefert die Anzahl der Wellnesshotels, die natürlich nichts darüber aussagt, wie gefragt diese sind. Listflix, eine kommerzielle Datenbank mit aktuellen Firmen- und Branchenlisten, hat für Bayern die mit Abstand höchste Zahl von Wellnesshotels gezählt: 242. Es folgen auf der Hitliste Baden-Württemberg (100) Niedersachsen (79), Nordrhein-Westfalen (64) und Rheinland-Pfalz (59). Das Schlusslicht ist das Saarland mit nur 6 Wellnesshotels. Das Boom-Segments Wellnesstourismus wächst stärker als der gesamte Tourismus. Studien wie die des USMarktforschungs- und Beratungsunternehmen Grand View Research sagen dem Segment Wellnessreisen in Deutschland bis 2030 jährliche Wachstumsraten von 11 Prozent voraus. Statista, ein Online-Portal für Statistik, Marktund Brancheninformationen, geht beim gesamten deutsche Reise- und Tourismusmarkt bis 2030 von einer Wachstumsrate von 5,7 Prozent pro Jahr aus. Wellnesstourismus wächst in Deutschland also aktuell deutlich stärker als klassische Tourismus-Segmente. Es gehört zu den dynamischsten Nischen des Tourismus, dominiert aber nicht den Gesamtmarkt.
Das Wachstum fällt natürlich von Quartier zu Quartier und von Gebiet zu Gebiet sehr unterschiedlich aus. Welche Wellness-Orte und -Regionen die trendigsten sind, wollte der Reiseveranstalter Wellnessurlaub.com, der zur Fit Reisen Group gehört, genau wissen. Dazu untersuchte er die Entwicklung der Google-Suchanfragen der vergangenen drei Jahre. Das Ergebnis überrascht. Mit einem Nachfrageplus von 126 Prozent führt das Kneipp-Heilbad Bad Laasphe im Wittgensteiner Land/ Nordrhein-Westfalen das Ranking an. Mit einem Wachstum an Suchvolumen in Höhe von 114 Prozent folgt Bad Kösen in Sachsen-Anhalt. Auf den weiteren Top-Rängen: Bad Arolsen in Hessen (68,5 Prozent Nachfrage-Wachstum), Olpe in Nordrhein-Westfalen (plus 57 Prozent) und Hammelburg, die älteste Weinstadt Bayerns (54 Prozent). Dass Wellness derzeit auch bei einem Allrounder wie dem Reiseveranstalter TUI, der ja nicht gerade auf Gesundheitsreisen spezialisiert ist, ein Trendthema ist, versteht sich von selbst. Dabei hat der Reisegigant drei Trends ausgemacht. „Wir stellen fest, dass auch immer jüngere Urlauber Wert darauf legen, sich und ihrem Körper etwas Gutes zu tun“, sagt eine Sprecherin zum ersten Trend, „das kann ein langes Wellness-Wochenende mit der besten Freundin an der Nordsee sein, eine Yoga-Woche in den Bergen oder die zweiwöchige Detox- oder Ayurvedakur in Sri Lanka.“ Auffallend ist auch, dass die TUI eine verstärkte Nachfrage nach kurzen Wellness-Aufenthalten von zwei bis vier Nächten wahrnimmt, die mehrmals im Jahr gebucht werden. Den dritten Trend bezeichnet die TUI sogar als „Megatrend“, vor allem bei Luxusreisen: Longevity – „der Wunsch und das Streben nach einem langen und gesunden Leben“. Longevity gehört zu den vielen Selfcare-Ansätzen, die in diesem Jahr bei den Wellness-Angeboten hervorstachen. Wellness. com wiederum hat eine Topliste von 10 Trends aufgestellt und Basis war wieder die Entwicklung der Google-Suchvolumina der vergangenen drei Jahre. Auf Platz 1 mit einem Nachfrage-Zuwachs von 1.500 Prozent: Sleepmaxxing, die Verbesserung der Schlafqualität. Zyklusorientiertes Leben (Wachstum 400 Prozent) liegt auf Platz 2, Immersive Spa auf Platz 3 (plus 285 Prozent); dabei werden klassische Spa- und Wellness-Anwendungen mit neuester Technologie wie KI, Augmented Reality und Virtual Reality kombiniert. Longevity nimmt auf dieser Liste mit einem Nachfrage-Wachstum von 94 Prozent den sechsten Platz ein.
WAS SUCHEN WELLNESS-TOURISTEN?
Für den gemeinnützigen Deutschen Wellnessverband ist das, was unter dem Begriff „Wellnessurlaub“ auf dem Markt ist, „überwiegend keiner“, wie Lutz Hertel betont, Geschäftsführender Vorsitzender des Vereins. Für den GWI, so seine Argumentation, suchten echte Wellnesstouristen „gezielt nach Aktivitäten und Reisezielen, die ihren Wellness-Lebensstil erweitern und ihnen helfen, ihr gesundheitliches Wohlbefinden proaktiv zu erhalten und zu verbessern“. Hertel: „Unsere jahrzehntelange Erfahrung belegt, dass die weit überwiegende Zahl von Wellnessurlaubern nach dieser Definition gar keine Wellnesstouristen sind, sondern dass sie in Wirklichkeit entspannte Erholung buchen, mit so viel Luxus, wie man sich das leisten kann.“
»Die meisten Wellness- Touristen suchen in Wirklichkeit entspannte Erholung.«
Der „wahre, echte“ Wellnesstourist – vom GWI Typ 2 genannt – versuche, auf Reisen, egal ob privat oder geschäftlich, sein erzieltes Wellness-Level aufrechtzuerhalten. „Für ihn zählt, dass er seine Wellness-Werte und seinen Wellness-Lebensstil unterwegs bewahren kann“, zitiert Hertel das GWI, „er sucht entsprechende Orte, die ihm verlässlich gesunde Lebensmittel, ordentliche Trainingsmöglichkeiten, optimale Schlaf- und Regenerationsbedingungen, sowie gerne auch die Gesellschaft einer gleichgesinnten, inspirierenden Community bieten.“ Hertel bringt es auf den Punkt: „Für diese Gäste zählen weder spektakuläre Pool- und Saunalandschaften, noch extravagantes Design und eskalierendes Entertainment, oder das ständige Aufspringen auf jeden Trend mit dafür benötigten weiteren Einrichtungen, Gerätschaften oder Treatments. Sie wünschen sich stattdessen viel eher ein solides, funktionales Angebot für den vorübergehenden Aufenthalt.“