Frau Kaminski, Ihr Verein – die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA e.V.) beschäftigt sich mit Leihmutterschaft. Was treibt Sie dabei besonders an?
Uns bewegt vor allem eine einfache, aber oft übersehene Frage: Wie geht es eigentlich den Kindern? In vielen Debatten stehen die Wünsche und Rechte von Erwachsenen im Mittelpunkt, so auch bei der Leihmutterschaft. Menschen, die selbst keine Kinder bekommen, engagieren Agenturen, um von fremden Frauen ein Kind austragen zu lassen, dass sie dann für viel Geld ihr Eigenes nennen und mitnehmen dürfen. Aber wir müssen aufpassen, dass dabei nicht diejenigen übersehen werden, die selbst keine Stimme haben. Dabei sind Kinder die Hauptbetroffenen.
Warum?
Kinder wollen wissen, wer ihre Eltern sind. Von „Findet Dorie“ bis „Star Wars“: die Suche nach verlorenen Eltern füllt zahlreiche Filme. Aus der Adoptionsforschung wissen wir sehr genau, dass selbst die liebevollsten Eltern die unbeantwortete Sehnsucht des Kindes danach, seine Herkunft zu kennen, nicht stillen können. Es bleibt eine Wunde. Bei Leihmutterschaftsverfahren ist die Suche nach den eigenen Wurzeln eine Jagd nach dem verlorenen Schatz.
Ist es nicht grundsätzlich etwas Gutes, ein Kind haben zu wollen und es in Liebe aufzuziehen?
Natürlich. Es steckt tief in uns drin, eine Familie gründen zu wollen, Kinder heranwachsen zu sehen und zu begleiten. Die Sehnsucht der Kinder, ihre Herkunft zu kennen, ignorieren wir jedoch – weil wir nur die Sehnsucht von Menschen anerkennen, die Kinder haben wollen. In dieser Gleichung sind Erwachsene mit viel Geld – ein Leihmutterschaftsverfahren kann schnell deutlich mehr als 100.000 Euro kosten – die Starken. Kinder sind die Schwachen, die wir zu schützen haben. Wenn über Missbrauch gesprochen wird, leuchtet uns das sofort ein. Wenn aber ein kinderloses Paar per Leihmutterschaftsverfahren ein Kind bestellt und bezahlt hat, schauen wir nur auf die glücklichen Eltern. Dass dieses Kind schon allein auf Grund der Art, wie es gezeugt wurde, – per in vitro Verfahren im Reagenzglas – mit anderen Gesundheitsrisiken leben muss als auf dem normalen Weg gezeugte Kinder, wollen wir nicht sehen. Dass es schon im Kreißsaal den einzigen Menschen verliert, den es bis dahin kannte, der seine ganze Welt war, der ihm Sicherheit und Geborgenheit gegeben hat, dessen Stimme, Herzschlag und Atmung es beruhigt, wenn es von der kalten, hellen neuen Welt erschreckt und verängstigt ist – auch das wollen wir nicht sehen. Kinder werden Opfer, weil Erwachsene kein Opfer bringen wollen.
Befürworter argumentieren, dass diese Kinder sehr geliebt werden. Ist nicht Liebe alles, was ein Kind braucht?
Ja, Kinder brauchen Liebe. Wer eigene Kinder hat, weiß das: Sie brauchen selbstlose, aufopferungsbereite Liebe. Wer ein Kind per Leihmutterschaft bestellt, handelt aber schon zu Beginn nicht selbstlos: Er produziert eine Waise, um sie adoptieren zu können. Ich finde das grausam. Oft hören wir, „ein Kind macht unsere Beziehung perfekt“, oder „es gibt unserem Leben einen neuen Sinn“. Diese Kinder werden zu einem Zweck ins Leben gerufen – mit einer Aufgabe, die eine lebenslange Bürde ist.
Was wünschen Sie sich für die öffentliche Debatte?
Mehr Sensibilität und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Kinder dürfen nicht zu Objekten von Entscheidungen werden, die vor allem den Interessen anderer dienen. Wir sollten uns immer fragen: Was braucht das Kind – heute und in Zukunft?
alfa-ev.de