»Zuckerkrank« durch zu viel Zucker?

Diabetes gilt als Volkskrankheit. Neben Einschränkungen im täglichen Leben kann die Er­krankung schwere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen, die das Herz-Kreis­lauf-Sys­tem oder die Sehfähigkeit betreffen. Auslöser können die persönlichen Lebensumstände sein – es gibt aber auch eine angeborene Variante. Dank der modernen Medizin können Betroffene aber ein weitgehend normales Leben führen. 

Illustration: Elena Resko
Illustration: Elena Resko
Dr. Ulrike Schupp Redaktion

Zahlen der Deutschen Diabetes-Hilfe zufolge leiden rund 11 Millionen Deutsche an Diabetes. Etwa 372.000 davon sind vom unheilbaren Typ-1 betroffen, 8,7 Millionen von Typ-2, manchmal auch als „Altersdiabetes“ bezeichnet, an dem allerdings zunehmend auch Jüngere leiden. Die Dunkelziffer ist hoch. Etwa zwei Millionen Menschen wissen nicht, dass sie bereits an Diabetes Typ-2 erkrankt sind. Kein Wunder, denn hinter ersten Anzeichen wie ständigem Durst, Dauermüdigkeit, Schwindel oder häufigen Infekten werden oft auch andere Erkrankungen oder schlicht „Stress“ vermutet. Doch je länger der Diabetes unbemerkt bleibt, desto stärker sinken die Heilungschancen, und schwere Folgekomplikationen können auftreten.
 

Volkskrankheit

„Bei Diabetes handelt sich um die am weitesten verbreitete nicht-ansteckende Krankheit der Welt“, sagt Professor Michele Solimena. Gemeinsam mit seinem Team erforscht der Wissenschaftler am Paul-Langerhans-Institut in Dresden vor allem die Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren, das einen ansteigenden Blutzuckerspiegel senken kann. „Werden diese Zellen unfähig, die Glukosemengen zu bewältigen, führt das zu Typ-2-Diabetes.“ Ein stabiler Blutzuckerspiegel sorgt dagegen für konstante Energie und ausgeglichene Stimmung. Er verhindert Heißhunger und Übergewicht. 

Eine der Ursachen für die Volkskrankheit ist übermäßiger Zuckerkonsum. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge wird hierzulande mit 89 Gramm pro Tag und Person deutlich zu viel Zucker genossen: Frauen rät die American Heart Association, am Tag nicht mehr als 25 Gramm zu sich zu nehmen, etwa sechs kleine Teelöffel. Bei Männern sind 37 Gramm das Limit. Allerdings bestehen alle Kohlenhydrate aus Zuckermolekülen. Dieser ist ein wichtiger Energielieferant für den gesamten Körper, für Gehirn und Muskeln. Kritisch ist ein hoher Konsum von „freiem Zucker“. Süßigkeiten, Fertiggerichte oder Limonaden enthalten Monosaccharide und Di­sac­cha­ride, Zucker­arten, die den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen lassen. Hier ist weniger mehr. Wer gesund bleiben will, sollte auch auf versteckten Zucker achten. Dieser ist zum Beispiel im Ketchup, wird Tiefkühlspinat zugesetzt oder fördert die Reifung bei Salami. 

»Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge wird hierzulande mit 89 Gramm pro Tag und Person deutlich zu viel  Zucker genossen.«

Illustration: Elena Resko
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Angeboren oder erworben?

Alle Formen von Diabetes gehen mit einer Überzuckerung des Blutes einher. Typ-1 ist eine angeborene Autoimmunerkrankung. Betroffenen fehlt das Hormon Insulin, das dafür sorgt, dass Glukose, die aus der Nahrung aufgenommen wird, in die Körperzellen transportiert wird, die sie in Energie umwandeln. Ursache ist, dass die körpereigene Abwehr die Beta-Zellen zerstört, die in der Bauchspeicheldrüse Insulin produzieren sollen. Ihre Diagnose erhalten Betroffene meist schon als Kinder. Sie müssen lebenslang ihre Blutzuckerwerte kontrollieren, um die Werte im Normbereich zu halten und regelmäßig Insulin spritzen. Die Ursachen der Erkrankung sind noch ungeklärt. Aber: Zu viele Süßigkeiten sind hier nicht beteiligt. 

Typ-2 Diabetes ist eine schwere Stoffwechselerkrankung. Die Zellen, die das Insulin produzieren, liefern zu wenig davon, oder aber die Körperzellen reagieren nicht mehr stark genug darauf. Neben genetischen Faktoren spielt der Lebensstil bei der Entstehung der Erkrankung eine Rolle, allen voran Stress, ungesunde Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel. Die Folgen betreffen oft den ganzen Körper. Diabetes Typ-2 ist eine der häufigsten Ursachen für Nierenversagen sowie Dialysepflichtigkeit, und sie kann zur Erblindung führen. Jeder oder jede zweite Betroffene stirbt jedoch verfrüht an einer kardiovaskulären Erkrankung und läuft Gefahr, neben dem Diabetes eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Gefürchtete Notfälle bei Diabetes sind Überzuckerung, bei der der Blutzucker aufgrund von Insulinmangel auf über 250 mg/dl ansteigen kann, und Unterzuckerung, die bei Blutzuckerwerten unter 70 mg/dl auftritt und sich durch Schwitzen, Zittern und Blässe bemerkbar macht. Ist die Person ansprechbar, sollte sie dringend etwas Zuckerhaltiges essen oder trinken. Anzeichen für eine Überzuckerung sind süßlich riechender, schwerer Atem, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Betroffene müssen hier die vorab mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin besprochenen Notfallmaßnahmen anwenden, sich sofort in Behandlung begeben oder den Notruf 112 wählen.
 

Mit Diabetes leben

Betroffene mit Typ-1-Diabetes können, wird die Erkrankung rechtzeitig diagnostiziert, mit regelmäßigen und kontrollierten Insulingaben ein normales Leben führen. Und auch beimTyp-2-Diabetes stehen die Chancen auf Heilung oder zumindest eine Verbesserung der Prognose heute ziemlich gut. Lebensstilveränderungen, der Einsatz von Antidiabetika und Insulin sowie die regelmäßige Kontrolle der Blutwerte sind bei der Therapie Mittel der Wahl. Aufgrund der schwerwiegenden Folgeerkrankungen geht es jedoch nicht nur darum, den Blutzucker stabil zu halten. Auch hohe Cholesterinwerte, Bluthochdruck und Übergewicht müssen behandelt werden, um Herz und Kreislauf zu schützen. Durch die Reduktion von Übergewicht kann es zudem gelingen, den Diabetes zumindest vorübergehend zu stoppen oder zu verlangsamen. Einfache Maßnahmen zur Gewichtsreduktion sind eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse, Vollkornprodukten sowie ungesättigten Fetten und moderater Ausdauersport, der nachweislich dazu beiträgt, den Blutzuckerspiegel zu senken. Eine vegetarische oder vegane Ernährung kann den Fettstoffwechsel und die Blutzuckerwerte ebenfalls deutlich verbessern.
 

Die Entdeckung des Insulins

Der englische Arzt Thomas Willis beschrieb 1675 erstmals das Hauptsymptom des Diabetes: „Der Harn der Kranken ist wunderbar süß, als sei er mit Zucker oder Honig durchtränkt.“ Doch so harmlos sich das mit dem „honigsüßen Durchfluss“ oder der „Zuckerkrankheit“ auch anhörte, Diabetes verlief früher tödlich. Hinweise auf die Krankheit  sind auf Papyrusrollen schon aus der Zeit von 1550 vor Christus über­liefert. Diabetes ist eine der ältesten Erkrankungen des Menschen.

Die Entdeckung des Hormons Insulin im Jahr 1921 durch Frederick Grant Banting und Charles Herbert Best an der Universität von Toronto markiert einen Wendepunkt in der Medizingeschichte. Den Wissenschaftlern gelang es, Insulin aus der Bauchspeicheldrüse eines Hundes zu isolieren. Zu den ersten Patienten, die mit dem Extrakt behandelt wurden, gehörten der fünfjährige Theodore Ryder, der damals nur noch 12,5 Kilo wog, und der 14-jährige Leonard Thompson. Ryder wurde bis zu seinem Tod im Alter von 76 Jahren erfolgreich mit Insulin behandelt. Leonard Thompson erhielt am 23. Januar 1922 die erste Insulin-Spritze. Danach verbesserte sich sein Zustand in nur wenigen Wochen. Schon 1923 wurde das Insulin durch industrielle Produktion für viele Menschen zugänglich.

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