Luft nach oben

Wie gesund die Deutschen? Woran erkranken sie, woran sterben sie? Und wie alt werden sie? Aktuelle Zahlen zeigen: Es gibt hierzulande noch viel Potenzial für mehr Gesundheit.

Illustration: Elena Resko
Oskar Rheinhold Redaktion

500 Milliarden Euro: So hoch waren 2022 die Gesundheitsausgaben in Deutschland, wie das Statistische Bundesamt kürzlich vermeldete. Pro Kopf bedeutete das 5939 Euro je Einwohnerin und Einwohner. Das kann zweierlei bedeuten: Entweder sorgen diese Ausgaben für ein hohes Maß an Gesundheit im Land – oder wir haben im Gegenteil ein Problem. Leider scheint eher Letzteres der Fall. 
Das zeigt ein Blick auf die Lebenserwartung. Mit 81,1 Jahren liegt sie in Deutschland zwar etwas über dem Gesamt-EU-Durchschnitt von 80,9 Jahren. Doch schaut man nur auf die westeuropäischen Länder, so gehört Deutschland zu den Schlusslichtern und verliert weiter an Anschluss, wie eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung zeigt. Mit zunehmender Tendenz: Betrug der Rückstand Deutschlands auf die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt im restlichen Westeuropa im Jahr 2000 rund 0,7 Jahre, so vergrößerte sich der Abstand bis 2022 auf 1,7 Jahre. 
 

Herzinfarkte und Krebs häufigste Todesursachen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen mit 35 Prozent noch immer die meisten Todesfälle hierzulande. Das entspricht in etwa dem EU-Durchschnitt. In Dänemark sind es dagegen nur 21,5 Prozent, in Frankreich 22,6 Prozent. Das ergibt sich aus einer europäischen Vergleichsstudie der Krankenversicherung ottonova. Und auch Krebs belastet die Gesundheit der Deutschen beträchtlich. So gab es 2020 rund 540.000 neue Krebsfälle und circa 250.000 krebsbedingte Todesfälle – das entspricht 24,7 Prozent aller Todesfälle. Der EU-Durchschnitt liegt hier bei 25,1 Prozent. 
 

Übergewicht und Alkohol

Insbesondere ungesunde Ernährung, Rauchen und Alkoholkonsum tragen wesentlich zu Erkrankungen und Sterblichkeit in Deutschland bei, wie die ottonova-Studie zeigt: Zwar sind ähnlich  wie im EU-Durchschnitt etwa vier von zehn Todesfällen in Deutschland auf verhaltensbedingte Risikofaktoren wie ungesunde Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum und geringe körperliche Aktivität zurückzuführen. Aber: 5,5 Tote pro 100.00 Einwohner lassen sich auf Alkoholmissbrauch zurückführen, und das liegt über dem EU-Durchschnitt mit 3,57 Alkoholtoten. 28,4 Prozent der Deutschen rauchen täglich oder gelegentlich. Mehr tun das nur die Griechen mit 28,6 Prozent und Bulgaren mit 36,2 Prozent. Rund 19 Prozent aller Deutschen sind fettleibig, der EU-Durchschnitt liegt bei 16,5 Prozent und 53,5 Prozent sind übergewichtig (EU-Durchschnitt: 52,7 Prozent). 
 

Mehr Prävention

„Um Deutschlands Rückstand bei der Lebenserwartung zu verringern, müsste die Sterblichkeit insbesondere im höheren Alter reduziert werden“, sagt Dr. Sebastian Klüsener, Forschungsdirektor am BiB. Handlungsbedarf bestehe bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Internationale Vergleiche wiesen auf Aufholbedarf bei der Prävention und der Früherkennung dieser Erkrankungen hin. Ähnliches gelte für die Bereiche Tabak- und Alkoholprävention sowie gesunde Ernährung. „Hier ist noch einiges Potenzial, um uns für den momentanen Alterungsprozess der Gesellschaft besser aufzustellen“, so Klüsener. 

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