Gesunde Arbeitnehmer, gesundes Unternehmen

Betriebliches Gesundheitsmanagement ist längst nicht mehr nur ein Goodwill des Arbeitgebers, sondern wird in einem von Fachkräftemangel geprägten Umfeld zu einem echten Wett­bewerbsvorteil – wenn es denn bedarfsgerecht gestaltet ist. 

Illustration: Elena Resko
Illustration: Elena Resko
Julia Thiem Redaktion

Macht Arbeit krank? Was viele Menschen vermutlich ohne große Überlegung mit Ja! beantworten würden, hat weniger mit der eigentlichen Arbeit als viel öfter mit den Arbeitsbedingungen zu tun. Denn die haben sich in den letzten Jahren tatsächlich zunehmend verschlechtert: zu viel und zu lange sitzen, ständige Erreichbarkeit sowie Leitungsdruck und Fachkräftemangel sorgen dafür, dass die Belastung für die Arbeitnehmer tatsächlich größer geworden ist. Eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds von Ende 2023 zeigt, dass sich mittlerweile fast jeder dritte Beschäftigte in Deutschland im Job gleich mehreren schweren Belastungen ausgesetzt fühlt – von schwerer körperlicher Arbeit über Zeitdruck und Lärm bis hin zu Konflikten mit Kollegen und Kunden. Mehrfachbelastungen seien an der Tagesordnung, heißt es in der Studie, denn 31 Prozent der Befragten leiden gleich unter allen vier Belastungsarten.

Arbeitsschutz ist also heute sehr viel mehr als ein ergonomisch eingerichteter Arbeitsplatz, frisches Obst oder mal ein Teamevent für die gute Stimmung – das sagt übrigens auch das Arbeitsschutzgesetz, wo neben der physischen Belastung bereits 2013 explizit die Beurteilung der psychischen Belastung als Pflicht für den Arbeitgeber aufgenommen wurde. 
 

Gut für die Mitarbeiterbindung

Für gesunde, zufriedene und damit in der Regel auch motivierte Mitarbeiter zu sorgen, ist für Unternehmen heute allerdings nicht nur eine rechtliche Pflicht, sondern auch ein entscheidender Wettbewerbsvorteil und ein echtes Pfund in Sachen Mitarbeiterbindung. In der Schweiz hat die Stiftung Gesundheitsförderung mittlerweile das Label „Friendly Work Space“ ins Leben gerufen, das Unternehmen beim Aufbau des betrieblichen Gesundheitsmanagements unterstützt und über das sich Arbeitgeber auch nach außen für potenzielle Kandidaten entsprechend positionieren können. Besonders interessant: Unter den Testimonials ausgezeichneter Arbeitgeber in der Schweiz finden sich auffällig viele Gesundheitsorganisationen – von Kliniken über Pflegeeinrichtungen bis hin zu Krankenkassen. Die wissen offensichtlich, dass sich eine Investition in eine physisch wie psychisch gesunde Belegschaft auszahlt. 
 

Individuelle Lösungen

Besonders wichtig ist in dem Zusammenhang Bewegung – entweder als Ausgleich zu starker physischer Belastung im Job, hier bieten sich beispielsweise Rückenkurse, Yoga oder Pilates an, oder um dem neuen Gesundheitsrisiko Sitzen entgegenzuwirken. In jedem Fall sorgt körperliche Betätigung – und sei sie noch so banal – für eine bessere Gedächtnisleistung und eine höhere Lernfähigkeit. Das konnten Forscher der Washington University in St. Louis in einer aktuellen Studie nachweisen. 

Um das passende Präventions- und Gesundheitsangebot bereitstellen zu können, lohnt sich zudem der aktive Austausch mit den eigenen Mitarbeitern. Denn nur wer als Arbeitgeber versteht, wo es zu Belastungsspitzen kommt, kann mit einem entsprechenden Angebot gegensteuern. Ob das dann Jobräder, Office-Yoga oder doch gleich den Achtsamkeitscoach umfasst, muss sich individuell zeigen. 

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